Tropisch-bunter Gegenwartsboogie aus Hamburg
Text: Finn Johannsen aus De:Bug 144

Mit Hamburger Nonchalance kann man auch im allgegenwärtigen Disco-Gepansche noch eigene Würzungen finden. Das Label Mirau von Marco Niemerski aka Tensnake und Stephan Lorenz verbindet kennerschaftliche Liebe zur synthetischen Disco-Spätphase mit produktiver Gleichgültigkeit gegenüber Genrepedanten. Tensnake verrät im Interview, warum er den Discotrain gern auch mal mit Cheese anheizt.

Debug: Du hast mit deinem Label Mirau angefangen. Das war in den Anfangstagen völlig anders ausgerichtet als das, was musikalisch jetzt deine Karriere ausmacht. Stellt das mittlerweile ein Problem für dich dar?

Marco Niemerski: Nein, wo ich heutzutage stattfinde, ist schon größtenteils ein House/Disco-Rahmen. Ich sehe das nicht als Problem. Ich finde es nur dann schwierig, wenn ich auf eine Rolle als Nu-Disco-Produzent beschränkt werde. Das sagt für mich nichts aus. Ich finde diesen Begriff schwierig und möchte mich nicht in irgendeine Richtung festlegen. Es war sicherlich auch Glück, dass jetzt in dieser Disco-Welle alles zusammenkam, aber ich habe nicht gezielt daraufhin produziert.

Debug: Mit “Running Back” und “Permanent Vacation” hast du bei zwei Labeln veröffentlicht, die im Zentrum dieser Entwicklung stehen, du warst also mittendrin im Getümmel. Das hat es sicherlich auch forciert, oder?

Niemerski: Permanent Vacation noch eher als Running Back. Ich finde, Running Back ist ein sehr offenes Label, hat aber mit Disco eigentlich nicht viel zu tun. Vielleicht sieht Labelchef Gerd Janson das anders. Da passieren musikalisch aber auch ganz andere Dinge.

Debug: Wie stehst du generell zu der aktuellen Disco-Entwicklung? Es gab schon immer eine Menge Unterschubladen und Nischenforschung. Dein Ansatz ist ja etwas breiter angelegt.

Niemerski: Ich finde es immer spannend, wenn man bestimmte Elemente in der Musik hat, sich aber nicht darauf beschränkt. Da gibt es sicherlich Produzenten und Produktionen, die dieses Disco-Ding viel klarer zum Ausdruck bringen. Faze Action etwa. Vom Herzblut her bin ich sowieso eher in der Früh-80er-Boogiezeit als bei End-70er-Disco.

Debug: Dich interessieren eher Teilaspekte des Kontextes, die du dann in deinen eigenen Sound überträgst?

Niemerski: Genau. Eine große Motivation bei der “Coma Cat”-EP war, für mich noch einmal die Begeisterung zu reproduzieren, die ich früher gespürt habe, wenn ich Sachen zum ersten Mal hörte. Ich wollte es also so authentisch wie möglich, aber auch kompatibel machen.

Debug: Wirst du deswegen kritisiert?

Niemerski: Ja. Einige Leute können gar nichts damit anfangen, weil es zu Plastik ist, oder nicht deep genug. Es hat schon Elemente von Popmusik, die vielleicht massenkompatibel sind, was den Erfolg gerade ausmacht. Die “Coma Cat” wird von House- und HipHop-DJs aufgelegt, das ist ein übergreifendes Ding.

Debug: Ich sehe da durchaus Parallelen zu der Art und Weise, in der sich Disco und House in den frühen 90ern getroffen haben. Leute wie Joey Negro haben ihre allerliebsten Zitate in House verpackt, wohingegen Produzenten wie die Idjut Boys etwas anderes daraus machen wollten. Und mittlerweile wird abermals kritisiert, dass man sich aus der Disco-Geschichte nur das nimmt, was einem gefällt.

Niemerski: Aber diese Freiheit muss doch möglich sein, sonst wäre es ja eine reine Wiederholung. Puristen gibt es natürlich immer und das ist auch gut so, aber diese Grenzen und Beschränkungen versuche ich eigentlich eher zu durchbrechen.

Debug: Was muss in dieser Richtung noch passieren?

Niemerski: Ich muss endlich mal mit meinem Album anfangen, damit bin ich wahnsinnig schlecht. Dazu kommt, dass ich langsam bin beim Produzieren. Teilweise habe ich Stücke liegen, die mir nach einem Jahr nicht mehr gefallen. Das geht sicherlich vielen so. Das muss man aber irgendwann wieder aufarbeiten. Ich will aber auf jeden Fall mehr mit Gesang machen, mehr in Richtung Pop. Weg vom Club.

Debug: Du hast dich ja entschieden, nur als Live-Act im Club aufzutreten. Du willst gar nicht auflegen?

Niemerski: Das hat in erster Linie mit der Zeit zu tun. Es kommt so viel heraus, was man im Blick haben und anhören muss. Die Zeit hätte ich lieber gerne, um zu produzieren, weil mir das letzten Endes viel mehr Spaß bringt. Außerdem gibt es schon so viele gute DJs, da muss nicht noch einer ankommen.

Debug: Gibt es denn andere Produzenten in der Szene, die du gerade gut findest?

Niemerski: Klar, das beschränkt sich aber nicht zwingend auf das Disco-Umfeld. Ich finde die Wolf + Lamb-Sachen ganz spannend, aber ich habe mir auch das Dettmann-Album geholt, das ich ganz hervorragend finde. Es gibt einfach so viel tolle Musik!

Debug: Würdest du so etwas auch mal machen wollen? Die 12″ von Benjamin Wild auf Mirau damals war ja auch eher in diese Richtung.

Niemerski: Ich komme beim Produzieren persönlich nicht an den Punkt, an dem das authentisch genug wäre. Um da bei der Stange zu bleiben, fehlt mir dann doch die Melodie. Ich brauche immer ein bisschen Harmonie da drin. Aber es gibt ja noch das Projekt Arp Aubert, das ich zusammen mit Stephan Lorenz mache. Wr planen eine EP, die musikalisch ganz anders werden soll, eher dunkel. Wir machen viel mit Gitarren und Stephan ist eher im Indie-Bereich angesiedelt, das wird eine ganz spannende Mischung werden.

Debug: Hast du das Gefühl, die Clubszene ist für Acts wie dich offener geworden, oder haben sich manche Strukturen nicht geändert?

Niemerski: Ich werde meistens schon dahin gebucht, wo es passt, aber grundsätzlich habe ich das Gefühl, dass es offener geworden ist. Aktuell vermischt sich einfach viel mehr an Musikstilen und gerade die jungen Leute sind viel offener als früher.

Debug: Für dich als jemand, der beides liebt, ist doch diese allgemeine Begeisterung für House und Disco ein Schlaraffenland, oder?

Niemerski: Ja! Und es ist wieder überall Piano drin, was ich natürlich toll finde. Aber das wird auch irgendwann wieder vorbei sein. Musik ist wie Mode. Es verändert sich alles, es kommen wieder Zitate. Es wird wieder was genommen, was es schon mal gab, nur anders verpackt.

Debug: Ich stelle mir das problematisch vor. Nicht zu retro zu werden, immer noch ein Gefühl zu transportieren, ohne dabei zu cheesy zu werden.

Niemerski: Ich glaube, ich bin an dem Cheese-Faktor schon oft nah dran (lacht). Angst davor habe ich aber nicht. Du kennst dich ja auch gut mit diesen ganzen Boogie-Sachen aus, das ist ja schon oft ein Plastik-Sound. Die Lyrics sind größtenteils banal. Da kann aber trotzdem eine ganz große Tiefe drinstecken. Zum Beispiel “She Can’t Love You” von Chemise, ich entdecke da immer neue Sachen drin, seit Jahren schon.

Debug: Ich fand es interessant, wie die Produzenten versucht haben, nach dem Ende der klassischen Disco-Ära Anfang der 80er mit anderen Mitteln weiterzumachen. Der Sound wurde deutlich synthetischer, aber man wollte ein ähnliches Gefühl erhalten.

Niemerski: Genau, im Grunde genommen war es eine Reduktion des überladenen Disco-Sounds, viel elektronischer. Für mich ist das die spannendste Phase.

Debug: Meinst du, diese Phase wird heutzutage so oft zitiert, weil man keine große Produktion braucht, um sich dem anzunähern?

Niemerski: Mit Sicherheit. Man braucht dafür eigentlich nur noch einen Rechner. Es ist so eine Sache, ob man den Sound dann so hinkriegt. Ich bin noch lange nicht, wo ich gerne wäre, vom Mischen, vom technischen Aspekt her. Aber grundsätzlich ist es natürlich toll, was man heutzutage alles machen kann. Ich bin da nicht so strikt. Angefangen habe ich allein mit dem Rechner, dann habe ich mir über die Jahre ein paar Outboard-Sachen zugelegt. Das ist natürlich ein Unterschied, und es klingt anders, aber ich bin kein Purist, für den es analog sein muss. Man muss immer sehen, was am besten passt, und das ist dann das Richtige.

Debug: Hast du eine Prognose, wie es mit diesem Bereich zwischen House und Disco weitergehen wird?

Niemerski: Ich kann schwer einschätzen, wohin die Reise gerade geht. Vor drei Jahren war die Perspektive klarer, es auch abzusehen, dass dieses Disco-Ding immer größer werden würde. Aber im kommerziellen Bereich ist es ja gerade erst angekommen. Was an sich ja ein gutes Zeichen dafür ist, dass es bald vorbei sein wird (lacht). Ich habe keine Ahnung, was danach kommen wird. Konsequenterweise müsste es sich ja wieder ins absolute Gegenteil umkehren.

Mirau

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