Text: Moritz Sauer aus De:Bug 64

Lass es rocken
Terranova

Lange hat es gedauert bis Terranova jetzt endlich mit ihrem zweiten Album wieder aus dem Studio kriechen. Neue Aufträge für Filmmusiken haben immer wieder und wieder dazwischengefunkt. Doch am Ende ist aus der Filmmusik zum Streifen “Jeans” ihr neues Album entstanden und das ist so ganz anders, als man es vermutet hätte.

Betrachtet man das Albumcover und lässt den blutroten Mund auf seinen visuellen Hirnlappen wirken, so schleichen sich Assoziationen zum Knutschmund der Rolling Stones ins Gedächtnis. Spätestens mit dem letzten Track “Goodbye Bye The Ferrari”, der in schierem Edit-Wahnsinn Rockgitarren durch alle möglichen Filter schickt, mutet man sich auf der sicheren Seite und versteht es als Anspielung. “Nette Idee”, desillusioniert Fetisch, “aber ich wollte nur ein Motiv, dass auch als CD-Cover wirkt und dachte der Mund funktioniert.” Trotzdem ist “Hitchhiking Nonstop With No Particular Destination” mit seinen wuchtigen und schmatzenden Basslines, mit seinen treibenden Drums und Riffs Rock in Reinkultur. Andere würden es vielleicht auch Bigbeat nennen, doch damit haben Terranova kein Problem.

Punk lebt

Nicht zuletzt deuten sie ja auch mit ausgestrecktem Zeigefinger, indem sie als Gastsängerin Ariane der legendären Girl-Punk-Band “The Slits” an Bord holten, wohin die Reise geht. Die Tochter von Johnny Rotten, die mit 14 Jahren Punk lebte, um später “im Dschungel ohne Elektrizität zu verschwinden”, wie Sebastian erzählt, singt in zwei Tracks über die Instrumentals. Irgendwie reist man mit Terranova in die frühen Achtziger und Neunziger, wo scheinbar viel mehr experimentiert wurde. Veröden heute viele Genres in ihren Nischen, so strotzten viele der damaligen Tracks nur vor Stilvielfalt. Man erinnere sich nur an “M.A.R.R.S.” oder auch “The Power” von Snap. Fetisch und seine Kumpanen knüpfen genau da an und drehen am…

Pogo

…-Filter. Krachiges, Rock-Riffs, Jamaika-infiziertes, Raps, tief (g)Rollendes wird hier in einen Topf geworfen, um die Tanzfläche zum Kochen zu bringen. Ohne Retro zu sein, besinnt man sich auf Stilvielfalt und lässt Sebastian gern mal wieder zur Stromgitarre greifen. Obwohl der Ex-Rocker selbst nur gähnt angesichts aktueller Rocktrends, so versucht man doch mittels Software dem Ganzen etwas Neues abzugewinnen. Die Initialzündung für die Stilbrüche mag da vielleicht der Berliner Club Pogo gewesen sein, an den sich Fetisch mit Begeisterung und Wehmut erinnert: “Im Pogo Club ging alles los. Es ist so ein geiler Club gewesen. Da war so die Hölle los. Ausnahmezustand. Es war nie aggressiv. Da habe ich meinen Musikstil geändert nachdem ich so massives Feedback an einem Abend bekommen habe. Vielleicht hat sich das auch auf das Konzept der Platte ausgewirkt.”

“Wir sind die Kinder die sich hinter ihrem Spielzeug verstecken”

Trotz Blick in den Rückspiegel schauen die Jungs nach vorne. Begeistert schwärmen sie von den neuen Möglichkeiten des mobilen Power-Book-Studios, haben sämtliche pseudo-moderne Hardware verkauft, hassen die MPC und zücken liebevoll ihren Apple, um im Interview ihre neuesten Verbrechen zu präsentieren. Andere, wie z.B. der befreundete Rob von den Stereo MC’s, können gerne ihren Kopf für die eigene Band herausstrecken, Respekt, aber selbst verkriechen sich Terranova lieber im Studio oder rocken den Club.

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: kerstin schäfer aus De:Bug 27

Turntable Terranova Wir haben ja nun gerade das Zeitalter erwischt, in dem SciFi-Träume langsam wahr werden, demnach auch in den Köpfen der Musiker alles pur elektronisch klingen kann (und soll). Aber die Vision einer Welt, in der sich alles mit jedem vermischt, um ein Netzwerk von den verschiedensten Musikstilen mit Berührungspunkten dazwischen zu kreieren, wird noch genauso lange auf sich warten lassen, wie es geclusterte Szenen gibt, jeder seine eigene Schublade mit Namensschildchen drauf braucht und da übergreifend auch nicht so viel passiert. Aber eigentlich ist das genau so, als wenn mein silberblauer HighTech-Toaster versucht, das Brot in fünfzig kaugerechte Stücke pro Sekunde zu teilen, das akustisch in MP3 umsetzt – für den morgengerechten Sound – und dabei noch die Brotsplitter in Herzchenform röstet mit dem Slogan ‘Wir haben uns doch alle lieb’ drauf. Dieses Schlucken, ohne Kauen zu müssen; das konforme Streben, ohne Anstrengung nur geradeaus schauen zu wollen, kommt dem Scheuklappenblick mancher Producer und ihrer Konsumenten gleich. Aber es geht auch anders. Ein Blick nach rechts oder links lohnt sich allemal, da es ja auch langweilig ist, immer nur den selben Sound zu hören – oder zu machen. Ein Berliner Trio vs. den Rest der (toastenden) Welt. Ich sah mich um und machte mich im Interview mit Fetisch und Meister von Terranova schlau, was Monatsmieten fürs Studio im Vergleich Berlin-London-New York angeht, was die Deutschen am besten können (und was nicht) und was natürlich den Sound von Terranova betrifft. Listen To Von manchen als wildes Sammelsurium der ganzen Bandbreite des elektronischen Sounds mit ein bisschen Hip Hop-Beats dazu abgetan, haben Terranova aber einiges voraus: sie schauen sich um. Nicht nur nach links und rechts, sondern auch nach vorne oder hinten wird geblickt. Der Sound: eine Mixtur aus den Einflüssen der letzten zwei Jahrzehnte. Alles, was prägt, was gefällt und man miterleben kann. Wie z.B. Hip Hop. Authentizitätsprobleme gab es da auch noch nie. Die Musikbewegung, die in den frühen achziger Jahren begann und bis heute existent und immer noch so aktuell ist wie die täglichen Brötchen zum Frühstück, hat vor allem Fetisch und Kaos geprägt und somit auch im Sound von Terranova deutliche Spuren hinterlassen. Ob DJ, ehemals Sprüher, oder studierter Musiker, ob New York, London oder Berlin – keine Fixierung; alles ist erfahrbar. Style? – Er ‘passiert’ und lebt. Hip Hop als Herangehensweise bzw. Technik zum Produzieren von Sounds ist zwar nicht neu, aber Terranova schaffen eine multiple Klangwelt, die ihnen den Sprung aus der Klammer ‘Schublade mit Kategorisierungsnummer’ ermöglicht. Der extrem detailverliebte, geschichtete Sound, der HipHop-artige Beats mit elektronischen Klangverschlingungen und Vocals kombiniert, kann Terranovas Producerskills nicht leugnen. In der grossen weiten Welt der Musik passieren viel zu viele spannende Sachen nebeneinander und miteinander, warum Einflüsse ausklammern? Geht aber wirklich alles? Hat man dafür Zeit? Wo aufhören? Fetisch auf die Frage, was Terranova nicht machen würden: “Als wir uns zusammengefunden haben, das war 1994, hatte Drum’n’Bass seine endgültige Explosion, es war total grossartig. Sowas konsumiere ich dann aber lieber, anstatt zu versuchen, der Zweit – oder Drittbeste zu sein. Erstmal sind wir ziemlich langsam in der Arbeitsweise und auch immer vorsichtig, beim Produzieren nicht nur drauf zu hören, was andere machen. Wir versuchen möglichst nicht zu irgendwelchen Strömungen dazuzugehören. Das ist einfach so. Was wir superplatt finden, da haben wir natürlich auch keine Lust drauf.” Die unkomplizierte Art, soundtechnische Verbindungen zu knüpfen, wird spätestens dann deutlich, wenn man schaut, mit wem alles zusammengearbeitet wird. Auch das ist ein Faktor, der bei den Terranovas eine grosse Rolle spielt. Auf dem Debutalbum ‘Close The Door’, das derzeit auf Copasetic/K7 erscheint, gibt’s Tricky, Rasco (Kult MC aus San Fransisco), Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten, die Stereo MC’s als Remixer, deren Sängerin Cath Coffey und Coco (die vierte im Terranova – Bunde) zu hören. Das erste Album ist demnach auch ein existierender Beweis dafür, dass es auch anders geht. Keine Produktionen, bei der der Macher einsam und allein Jahre im Schukarton lebte und nicht die Sonne gesehen hat. Alles kann inspirieren und funktionieren. Die ganze Welt im Wettbewerb. To Illustrate Fast sechs Jahre nach der Gründung von Terranova aka Fetisch & Kaos & Meister erscheint jetzt im September nach mehreren früheren Veröffentlichungen auf diversen Labels das erste Album und wird ihnen damit auch einen dicken Platz an der (Produzenten-)Sonne für das Entwickeln eines neuen Soundkosmos verschaffen. Die Maxime: alles ist offen – alles geht. Dazu Fetisch: “Nur wenn man offen ist – z.B. für ‘fucking akustische Gitarre’ in elektronischer Musik – erst wenn man wirklich für alles offen ist, dann kann sich der Sound weiterentwickeln.” Nach dem Wechsel von All Good Vinyl zu K7 vor zwei Jahren haben Terranova auch mit K7 ein Label als Basis gefunden, dass ihnen bei (nahezu) keiner Entscheidung im Weg steht. Nach den ersten Veröffentlichungen, damals noch als Turntable Terranova, folgte dann die dritte Maxi ‘Tokyo Tower’ (da schon als Terranova), und schon ging der Wirbel um die Berliner los. Danach kam dann auch die DJ-Kicks auf K7 Anfang 1998 raus, die neben zwei eigenen Produktionen auch einen Remix für die Jungle Brothers beinhaltete und einen Blick auf das Terranova-Treiben eröffnete, das genauso auf DJ-Sets wie auf dem Produzentendasein basiert. Das schon genannte Scheuklappensyndrom fällt beim Terranova DJ-Set weg. “Schon als DJ’s haben wir alles durcheinander gespielt und damit manchen provoziert, ohne dass wir das eigentlich wollten. Es ging uns um den Spass. So finden wir dann auch unsere Breaks, wir hören in jede Platte rein, ob wir da irgendwelche Samples finden”, sagt Fetisch. Hauptsache ist immer: “Spass zu haben beim Musikmachen und keinen Stress, jemandem gefallen zu müssen. Und sich vom Meinungsterror fernhalten, der so ganz schnell in Deutschland aufkommt”, so Fetisch. Das ist gut so. Stichwort Deutschland Deutschland beheimatet ja eine grosse Anzahl der verschiedensten Spektren der Musik. Natürlich auch ganz viel elektronische Musik. Aber ein Blick von aussen fällt uns allen schwer. Was können die Deutschen eigentlich am besten? Nichts? Stimmt nicht, wenn man das mal ganz ironisch sieht. “Wenn man mal die ganze weite Welt betrachtet, dann fällt auf, dass die Deutschen die Eurokings sind, die Eurochampions. Das können sie halt so perfekt, wie wenn man so Autos baut. Das ist genau so, wie die deutsche Industrie nun mal funktioniert und auch diktiert: ‘mach was, was auf alle Fälle Geld bringt'”, meinen Fetisch und Meister. Mainstreamhitland vs.intelligent Non-Commercial? Mal schauen. Der deutsche Labelwald hat zwar zur Zeit viele Pflanzen in wilder Wachstumsphase, aber zu viel Sonne gibt’s in diesen Breiten trotzdem nicht. Nicht alles, was hier passiert, hat auch die Chance auf Entfaltung durch big Marketing, ect. Ob das natürlich beabsichtigt ist oder nicht, ist eine ganz andere Frage. Fetischs Blick auf die deutschen Producer sieht so aus: “Manchmal glaube ich, dass es hier so ist wie bei den Japanern, die wahrscheinlich besser jodeln können als die Deutschen, der Weltmeister im Jodeln ist z.B. ein Japaner. Ich glaube aber, dass die Deutschen handwerklich super gut sind und dass da manchmal einfach so eine innere Freiheit fehlt, einfach das zu machen, was man will. Die sind da eher immer vorsichtig, auch die guten Musiker, ja immer geschmackssicher zu sein und ja nicht abzustossen” . Da ist es auch klar, dass sich die Terranovas bei dieser Sicht eher wenig auf deutsche Sachen konzentrieren. Aber fehlt da nicht manchmal beim Blick nach aussen der Blick nach innen? Egal. Was sie schaffen, ist ein weitverzweigtes Netzwerk, das über Freundschaft, Respekt und akribische Arbeitsweise funktioniert und versucht, die Welt zu connecten. Da ist Deutschland eben nur ein Bruchteil. Aber die Basis ist ja trotzdem hier, und gut leben lässt es sich auch allemal (die Mieten für’s Studio sind billig) – “Berlin ist super!”, so das letzte Wort von Fetisch. Im Oktober gibt es dann noch eine Tour, und wer jetzt immer noch nicht weiss, was er von Terranova hält, der soll sich’s anschauen. Mir gefällt’s.

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