Der Drag-Konzeptualist Terre Thaemlitz verarbeitet mit zerhacktem Audiofootage seinen ”Best Piss of his Life” mit unseren Vorstellungen von Liebe, Apartheid und ”House-Nation” zu einer Politik über die Rolle des Vergessens in historischen Prozessen. Wieso "Love" kaum an dem Suffix "bomb" vorbeikommt, diskutiert er aus seinem Wahlwohnort Japan mit Aljoscha Weskott.
Text: Aljoscha Weskott aus De:Bug 69

Disarming ”Thug Lovin”
Terre Thaemlitz

Irgendwie ist man komplett fehlgeleitet, ”Lovebomb“ mit autodidaktischem Gestaltungswahn oder stoisch-genialer Hörspiel-Kunst zu verbinden. In “Lovebomb“ treffen wir auf die radikale Regie-Perspektive eines Drag-Maestros, der Sichtfenster im Noir-Stil bastelt und völlig stumm inmitten eines packenden italienischen Historien-Musikfilms agiert.
Dafür wurden von ihm besondere Werkzeuge bereitgestellt: unscharfe, futuristisch-entstellte Audio-Operngläser. Damit konnte Thaemlitz Ereignisse einer scheinbar abgeschlossenen Geschichte einfangen, nur so der Blick des liebenden Ichs auf seine liebgewonnene Geschichte und ihrer recycelten Gegenwarts-Splitter verschärft werden. Und plötzlich lassen skurril anmutende (Gewalt)-Szenen diese sonderbare Konstruktion zerspringen. Das betrübt. Aber hört es sich so an? Nein. Wie also den hyperkonzeptuellen Lovebomb-Entwurf liebestrunken aufsaugen, gar denken? Zwischendurch der Gedanke: Terre Thaemlitz, ihre Exzellenz, bombs back, ganz aufgeregt und lustvoll. Doch “Lovebomb“ entfacht wenige kleine, schön codierte, hübsch umherpurzelnde performative Plateaus: Lustvolle Möglichkeitsräume sehen anders aus, hören sich auch anders an. “Lovebomb“ ist schwindelerregendes Intim-Werden mit Zeitgeschichte. Terre Thaemlitz weiß das in Klangbilder zu übersetzen, eine bedrohliche Entzerrung des Realen hervorzurufen. Dann wirkt “Lovebomb“ beängstigend. Fast wie ein Vorbote eines Zeitalters, das nicht auszuhalten ist, weil die Liebe zu historischen Bild und Ton-Segmenten nicht in poröse, unentschiedene Zonen verwandelt werden darf. Nein? “Ich liebe meine historischen, hübsch separierten Geschichtschnipsel“, werden einige sagen, andere gar das Lied der Liebe anstimmen. Und dann doch! Thaemlitz’ Sezieren erhält sich einen Impact drangvoller Positivität. Darum Vorhang auf: It’s “Lovebomb“-Time.

Liebe hat ausgespielt

Debug:
Würden Sie zustimmen, dass “Lovebomb“ aus radikalen Audio-Fenstern auf und aus (Zeit)-Geschichte besteht? Warum geht es um Liebe?

Terre Thaemlitz:
Viele Soundquellen und politische Themen werden absichtlich entsorgt, sind daher ”outdated“, manchmal einfach nur ausgespielt. Mich hat dieses Dilemma herausgefordert, es war regelrecht initialisierend, um ein Projekt über Liebe zu forcieren, was ja auch ein sehr politisches Thema ist. Liebe ist definitiv played-out, vor allem in der Musik. Es ist gar so sehr ausgespielt, dass es wieder interessant geworden ist, darüber Aussagen zu treffen. Daher ist in Lovebomb alles als eine Art Regurgitation (Rückstau) zu begreifen. Auf diese Weise verwende ich auch politische Themen, die ähnlich “regurgitated” und “overfamiliar“ sind, um sie dann in das Spiel der Erwartungen einzubinden. Aber eigentlich handelt mein Album von der Rolle des Vergessens in historischen Prozessen.

Debug:
Für herausragend halte ich “between empathy and sympathy is
time”. Worin bestand die Idee des Re-Writings einer historischen ANC-Radio-Ansprache, deren Verwandlung in ein skurriles Wortklangbild?

Terre Thaemlitz:
Die Idee des Tracks besteht darin, reflexartig ein mitfühlendes Ohr
auszulösen, so dass der Zuhörer sich selber dabei erwischt, die zuerst uneingeschränkt erfahrene Sympathie in Frage zu stellen.
Apartheid ist solch ein irritierender Punkt: Jeder ist frei davon, weil jeder weiß, wie er dazu stehen sollte. Wir wissen, dass der ANC in der Lage gewesen ist, viele der Verbesserungszielsetzungen zu vollenden, sie friedlich zu realisieren. Der ANC war aber ursprünglich eine militante Gruppe, die Terrorismus befürwortet hat: Wie schreiben wir Geschichte und sogar unsere Gefühle neu, um diesen Widerspruch von Kontexten und Tagesordnungen unterzubringen? Der Track benutzt Aufnahmen vom alten ANC-Radio-Sendungen. Er beginnt mit Maschinengewehrsalven, gefolgt von Geschichten des Ansagers über Repression unter dem Apartheids-Regime: Alles dreht sich schließlich im Kreis, indem der schwarzen Gemeinschaft geraten wird, sich in der Vergeltungsgewalttätigkeit zu engagieren, indem schwarzen Frauen empfohlen wird, wenn sie in ”weißen Häusern“ arbeiten, Handfeuerwaffen zu suchen und auch zu stehlen usw., um sie gegen Weiße einzusetzen. Alles wird sehr alarming – mindestens denke ich, dass es alarming sein sollte. Eine scheinbare Nähe, gar eine Sympathie weicht plötzlich einem Zustand der Depression und wird vom Abstand zwischen Radiosprecher und Zuhörer überschattet – geographisch, kulturell, persönlich und möglicherweise am wichtigsten: Ein Abstand zu dieser Zeit wird hervorgerufen. Wenn Sie so wollen, ist es gar ein Stück schwarzen Humors: Schließlich wird es auch eine Metapher für den Schock, den Glücklich-Verliebte erfahren, wenn sie auf diesen “Ich-weiß-gerade-gar-nicht-mehr-genau-wer-du-bist-Moment“ stoßen.

Liebe ist ein Feigenblatt

Debug:
Sie haben Queer-Investments in elektronischer Musik auftauchen lassen, ohne von “Politik kann ganz schön sexy sein“ reden zu müssen. Was hat sich mit Lovebomb verschoben? Welcher politische Einschnitt wird markiert, wenn Sie sagen: “The beat, the Dancefloor, what a senseless territorial claim.“

Terre Thaemlitz:
Yeah. Wenn Sie mir schon ermöglichen, weiter Salz in diese Wunde zu streuen, werde ich selbstverständlich davon Gebrauch machen und noch eine Spitze hinzufügen. Es heißt ja: “The ’global’ dancefloor: Was für ein sinnloser territorialer Anspruch! Wie jede andere Nation benutzt die House-Nation einen Schwall von Liebe-Samples, die in finanziellen Gaunereien, faulen Abkommen, Unterschlagung, Ausnutzung, Drogen und organisiertem Verbrechen regelrecht ertrinken. Der zu Fall gebrachte Vorwand der Clubszene, den anderen zu lieben, kann nicht vom gedämpften Ambiente der Happenings hinter geschlossenen Türen getrennt werden. Ich denke, dass der sozial-”CUT” dieser Situation auf eine Weise erfolgt, in der Leute dazu neigen, die Rhetorik des Dancefloors (als ein zu errichtendes und erweitertendes Territorium) von diesen sehr ernüchterdnen Wirklichkeiten der Infrastruktur zu trennen, die das Haus stützen, das Jack errichtete. Es wird immer als harmloses Wort-Spiel beschrieben. Aber es gibt auch etwas sehr Aufdeckendes, fast Hoffnungsvolles darin, weil sich die House-Szene mit ihrer pseudo-nationalistischen und selbstgerechten Sprache selbst dekonstruiert.

Debug:
Ist “Lovebomb“ auf die westliche Liebe-Matrix gerichtet, soll Liebe davon losgelöst werden?

Terre Thaemlitz:
Sie wissen, dass ich alles hasse, was nur ansatzweise kulturelle Transzendenz oder Trennung andeuten könnte. Obwohl ich über Liebe als trennenden Mechanismus spreche, markiere ich einen “Schnitt”, der soziale Strukturen eher verstärkt, als sie abzubauen. Das ist vergleichbar mit diesem Akt des Erkennens, dass Gesellschaft auf Diversität beruht, dadurch aber noch lange keine romantische Öffnung erfolgt. Es geht darum, eine althergebrachte Trennung in den Griff zu bekommen und zu versuchen, unsere Beziehungen in ein Gefüge sozialer Differenzen zu verwandeln. Ich bin wirklich weg von dieser Idee, dass es eine “Universelle Liebe” gibt, die größer als ein Verständnis der Kultur “der Liebe” ist und uns alle zusammenbringen kann usw. Das ist der Mythus, den wir als Resultat kulturellen Trainings akzeptiert haben. Verstehen Sie mich nicht falsch – ich denke, es gibt etwas Hilfreiches in einem trans-kulturellen Austausch, das positive Sachen ergibt – aber wenn man die Erfahrungen genauer untersucht, liegen ihre Lektionen eher in dem, was wir DENKEN, was passiert sei, als in dem, was tatsächlich passiert ist. Und je mehr wir versuchen, uns von unseren Vorurteilen zu trennen, während wir in andere Kulturen eintauchen, und glauben, dass wir die Lücke überbrückt haben, desto klarer wird es jedem, dass wir alle Poser sind, die unsere eigenen Vorurteile verneinen. Es geht nicht darum, wie man Liebe von der westlichen Liebe-Matrix trennt. “Lovebomb” ist mehr von einer Geste motiviert, Anschlüsse zu bilden, Verbindungen sichtbar zu machen – möglicherweise sogar praktikabel zu machen? Nun, das ist wohl ein zu optimistisches Konzept für mich …

Liebe ist nicht die Antwort

Debug:
Lassen sie mich kurz John Lennons “All you need is love“ anstimmen. Sie aber summen eher “Need for disarming ’thug lovin’?” Sehe ich das richtig?

Terre Thaemlitz:
Hm, ich glaube, ich verstehe ihre Frage nicht. Aber “Disarming ‘thug lovin’” klingt super … Liebe ist da. Nur Liebe ist nicht die Antwort. Weder als kulturelle Devise noch als emotionaler Mechanismus. Ich glaube, dass es Systeme der Verbindung gibt, die von Kultur zu Kultur schwanken und als “Liebe” oder eine damit korrelierende Folgebezeichnung definiert werden kann. Nur sind sie nicht gleich oder sogar ähnlich. Was ich versuche mit “Lovebomb“ anzusprechen, ist die Weise, in der “Liebe” etwas verbirgt – normalerweise einen gegensätzlichen Gewaltakt oder eine kulturelle Trennung – demnach einen “Schnitt”. Der “Schnitt“ kann so einfach sein wie die stufenweise soziale Isolation eines Langzeit-Paares (Post-Marriage-Syndrom, man lässt die Freunde wegziehen). Schon die Vermutung von Liebe verursacht soziale Räume, in denen sich Leute einer Gewalttätigkeit unterwerfen, einer häuslichen Gewalttätigkeit, die in anderen sozialen Kontexten nicht annehmbar ist. Nochmal: Es ist wie mit Apartheid. Wir wissen, wie wir zu diesem Thema stehen sollten – jeder weiß es. Es ist Unrecht und niemand kann glauben, dass jedermann es tut. Es ist eines der größten Probleme, die wir in dieser Welt haben, weil es Millionen unterschiedlicher Formen annimmt. Und eine der Schlüssel zu den Vorbedingungen dieser sozialen Räume, in denen diese “häusliche Gewalttätigkeit” auftritt, ist das Band der Liebe.

Debug:
Und vor einigen Jahren, George Michael in den Cruising Areas L.A.s? Ist das nicht Liebe – auch heute noch?

Terre Thaemlitz:
Ja, das ist interessant, weil es die populäre Tendenz reflektiert, ständig Sex mit Liebe zu assoziieren, etwas worauf wir ja seit frühster Kindheit gedrillt werden. Gleichzeitig denke ich aber, dass diese Art von “Gay Cruisin’“ die Erwartungen an Liebe und Sex total verkompliziert. Ich denke da an eine Situation vor eine paar Jahren in Berlin. Es war vier Uhr nachmittags und ich suchte einer dieser öffentlichen Toiletten auf, weil ich dringend urinieren musste. Also rannte ich förmlich zu einer der Urinale und realisierte plötzlich, dass der ganze Raum PACKED mit Männern war, die rings um die Urinale standen. Einige holten sich einen runter, andere hingen herum. Ich war der einzige, der die Toilette nutzen wollte. Der Typ auf der rechten Seite schien es richtig zu genießen, dass ich dort urinierte, während die anderen wegschauten. Es schien, als wäre diese WC-Nutzung so etwas wie eine Brücke zwischen einem hyper-sexualisierten Moment und der Zerstörung von Romantik. Ein Gefühl der Störung blieb in mir haften. In diesem Moment gab es dort keinen Platz für Liebe … aber etwas anderes ging vor sich, eine Art gemeinschaftliches Band hatte sich dort erhalten, das durchaus als Form der Liebe analysiert werden konnte. Ich verletzte dieses Band für einige, während ich es für andere aufrecht erhielt … Best Piss of my Life!

Debug:
Dann ist Liebe …

Terre Thaemlitz:
Nun, ich denke, Howard Jones hat diese Frage mit seinem Hitsong “What is Love“ schon in den 80ern sehr schön beantwortet: Wenn ich mich richtig an das Video erinnere, dann hat Liebe etwas mit einem lächerlichen Pantomimen zu tun, der große Plastikketten herumträgt …

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Elektronische Lebensaspekte.