Klagen ums Copyright häufen sich, schon Verlinkungen werden neuerdings abgemahnt. Dennoch kann das Netz als ein Ort zwischen den Regierungen jenseits der Verrechtlichung beschrieben werden. Textz.com, gerade wieder ungestraft von Suhrkamp abgemahnt, führt eine derartige Schreibweise und Textpraxis vor und zeigt, dass bis auf weiteres eine Menge möglich ist, was Fileverschiebungen im Netz betrifft. Und das ist – hört, hört - doch politisch! De:Bug sprach mit dem Kopf hinter der Website Sebastian Lütgert.
Text: Karen Khurana aus De:Bug 62

Copyright

textz.com

Auf Textz.com findet man im Warez-Stil Texte, die allesamt plain & simple über und unter dem Anticopyright – no copyright textz.com – stehen. 656851 Minuten Ascii-Text in 642 Files stehen zur Verfügung. Copyright, zugehörige Autoren und Rechteinhaber-Lizenzen zählen nicht. Die Selektion steht mithin in klarer Differenz zu einer Textzusammenstellung, wie sie beispielsweise das Gutenberg-Projekt betreibt, in der Texte online verfügbar werden, sobald ihr Copyright durch Verjährung erloschen ist. Nebenbei macht Textz.com neuerdings auch in Floppy Discs und versorgt Indien mit ”Empire“.

Debug: Geht es allein um die Verbreitung von guten Texten?

Sebastian Lütgert: Also dieses Zur-Verfügung-Stellen der Texte ist schon ein Einsatz in einer bestimmten, über das Kopieren von Texten hinausreichenden Auseinandersetzung um Intellectual Property im Netz. Es gibt eine bestimmte Option, ein bestimmtes Potenzial, das Computer plus Internet haben, was Rechteinhabern, also Leuten, die ihre physischen Eigentumsrechte auf das Digitale ausweiten wollen, extrem missliebig ist, nämlich die Möglichkeit a) mit digitalen Daten auf deinem Computer zu machen, was du willst, daran herumzurechnen oder simpelst die Funktionen zu bedienen: copy, paste, save. Und b) Daten übers Internet aller Welt binnen Stunden verfügbar zu machen. Das sind eigentlich die Funktionen, die wirklich das Potenzial haben von so etwas wie einer digitalen Revolution, weil sie einerseits ein bestimmtes Eigentumsverhältnis in Frage stellen und auf der anderen Seite massenhaftes Potenzial haben für neue und bessere Produktionsbedingungen durch die Verfügbarkeit von Material. Die Verteidigung und die massenhafte Durchsetzung von diesen beiden, also PC und Internet, und der Kampf dagegen von Rechteinhabern und einigen Softwarefirmen, das ist die Auseinandersetzung, um die es geht. Und da braucht es an ganz vielen Ecken, an denen dieser Konflikt aufbricht, Einsätze. Davon ist Textz.com vielleicht einer.

Debug: Textz.com ist vor kurzem von Suhrkamp abgemahnt worden aufgrund eines Postings in diversen Mailinglisten, das auf einen File namens walser.pdf im Trash-Folder auf Textz.com verwies. Als Reaktion hat Textz.com ein walser.php.txt released. Was kann man damit anfangen?

Sebastian Lütgert: Das ist ein Skript, dass dadurch, dass es unter der Gnu Public Licence veröffentlicht ist, frei kopierbar, modifizierbar und verteilbar ist, so dass man dieses Skript, das als einzige Funktion hat, den Walsertext ”Tod eines Kritikers“ auszugeben, legal lesen, modifizieren und verteilen kann. Das Einzige, was du damit nicht darfst, ist es auszuführen, wenn du keine schriftliche Genehmigung von Suhrkamp hast.

Debug: Die Kommunikation mit Suhrkamp ist – zumindest einseitig – eingeschlafen, seit Textz.com das php-File zur Verfügung gestellt hat und seit einem Antwortschreiben von einem gewissen Nicholas Name aus New York, New York, das Suhrkamp und ihre Münchner Anwälte darauf hinweist, dass die Domain Textz.com in Amerika registriert ist. Ist man wirklich so schnell auf der sicheren Seite?

Sebastian Lütgert: Also ich hätte es nicht gemacht, wenn mir nicht im vorhinein klar gewesen wäre, dass du zum Beispiel mit so einem Php-Skript absolut auf der sicheren Seite stehst. Zeit, die man nicht damit verbringt, irgendwelche Anwaltspost zu lesen oder böse Antworten zu schreiben, ist gewonnene Zeit, weil es kein Vergnügen ist, sich damit auseinanderzusetzen, nicht so sehr wegen der Konsequenzen, sondern wegen des Elends, mit dem man da konfrontiert ist. Also in diesem Fall mit dem Elend eines Verlages, sowohl in der publizistischen als auch in der juristischen Sicht, und so einem völligen Elends einer Münchner Anwaltskanzlei, die morgens um 7 in New York eine E-mail ankommen lässt, die so tun, als wäre München die Welthauptstadt und als würden deutsche Gesetze überall gelten. Das ist schon trist, einfach.

Debug: Ist denn amerikanisches Recht soviel besser?

Sebastian Lütgert: In diesem Fall zumindest schon. So etwas wie das Teledienstegesetz gibt es in Amerika erstmal nicht. Also natürlich: Das Netz ermöglicht es dir dazwischen zu sein, in so einem Spagat. Auf Dauer wird es auch nicht ausreichen halb in Deutschland und den USA zu sein, sondern du brauchst dann noch ein drittes Land, aber zumindest bist du ein bis zwei Schritte vor Rechtsanwälten, die glauben: Jetzt schauen wir mal in unser deutsches Recht und machen das alles platt. Es gibt deutsche Gerichtsurteile, nach denen Nazipropaganda strafbar ist, die von Ausländern im Ausland betrieben wird. Das ist doch ein Witz, diese unglaubliche Vorstellung von World Domination des deutschen Rechts. So etwas immer wieder mit der tatsächlichen Praxis zu konfrontieren, in der so etwas nicht geht, ist schon notwendig.

Debug: Was sagst du zu den Standardvorwürfen gegen ein Anticopyright, wie textz.com es praktiziert: Dass es doch ein Problem ist, wenn Autoren nicht mehr mit Geld für ihre Arbeit bezahlt werden?

Sebastian Lütgert: Der soziale Nutzen von z.B. geklauter Software ist so weit größer als der wirtschaftliche Schaden, der durch geklaute Software entsteht, dass ich es immer komisch finde, dass sehr, sehr selten überhaupt so argumentiert wird, sondern dass immer nur defensiv gesagt wird, ”es ist ja nicht richtig klauen“, oder ”es schadet doch niemandem“. Als wirtschaftspolitischer Sprecher der FDP könntest du sagen: Es schafft Produktivität, es kurbelt den Markt an, es ist volkswirtschaftlich sinnvoll. Auf der anderen Seite lässt sich argumentieren, dass es, was das Leben der Leute angeht, sinnvoll ist, weil du eine Bandbreite von Produktions- und Kommunikationsmöglichkeiten hast, man könnte das auch Kultur nennen oder bestimmte Politiken des Digitalen, die niemals entstanden wären, wenn Leute für die Software Geld bezahlt hätten. Dieses ganze digitale geistige Eigentum ist einfach ungerecht verteilt und es gäbe Eigentumsordnungen, die das Leben der Leute besser machen würden. Deshalb gibt es schon diesen positiven Wunsch sich digitale Güter anzueignen. Und das ist auch okay.

Debug: Textz.com versteht sich im Unterschied zu anderen Filesharern als explizit politisch und will möglichst offen mit der Praxis des Kopierens umgehen. Steckt es nicht aber in einem ähnlichem Dilemma wie derzeit die Filesharer, die einerseits ihre Netze offen halten wollen, die sich gleichzeitig aber nicht unbedingt leisten können, verklagt zu werden?

Sebastian Lütgert: Ich glaube, es ist nicht wirklich ein Dilemma, weil der Businessplan von textz.com nicht sagt, wir brauchen 20% Wachstum im Jahr, sonst rechnet sich das nicht, sondern der Businessplan von Textz.com heißt bis zu diesem Punkt: Ich möchte erstmal erleben, dass da wirklich irgend etwas passiert. Immer schon zu entscheiden anhand dieser Hypothese der Polizeiaktion, ist vermutlich nicht die Haltung, mit der man Websites machen sollte. Entscheidend ist der Einsatz, um den es in einem größeren Kontext geht, um Auseinandersetzungen um Intellectual Property, aber auch um das ganze Feld von biologischem Eigentum und Pharmapatenten, das in den nächsten Jahren sicher noch deutlicher werden wird. Dass du in Deutschland einen proprietären Text nicht lesen darfst, ist ein relativ kleines Problem im Vergleich dazu, dass ganze südamerikanische und afrikanische Staaten beispielsweise keine Aidsmedikamente produzieren können, ohne gegen amerikanische oder europäische Patente zu verstoßen. Und natürlich, wenn sich Brasilien hinstellt und sagt uns ”egal, wir verletzen diese Patentrechte, um ein eigenes nicht proprietäres Aidsmedikament herzustellen“, ist das natürlich ein viel größerer Gewinn für Anticopyright als 50.000 Walser-Downloads.

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Elektronische Lebensaspekte.