Als Antonio Negris und Michael Hardts Buch "Empire" erschien, ging ein Schlachtruf durch das Netz: Befreit das Empire. Denn auch ganz linke Theoretiker beugen sich dem Copyright, zumindest offiziell. Textz.com, Sebastian Lütgert und einige andere griffen pragmatisch in die Diskussion ums Copyright ein und nutzten das Netz, um mit der Lehrmittelfreiheit ernst zu machen.
Text: ulrich gutmair aus De:Bug 56

Befreit das Empire

Letztes Jahr stellte Harvard University Press eine geschützte PDF-Version von Negris und Hardts “Empire” ins Netz. Mittels gecrackter Software konnte bereits kurze Zeit später der interessierten Netzöffentlichkeit eine druckfähige Version des Schinkens auf irgendeinem Server zur Verfügung gestellt werden. Gewissenlose Büroarbeiter blieben also eine halbe Stunde länger im Office und druckten sich das Ding aus. Der Weg zum Copyshop kostete eine halbe Stunde, das Bindenlassen weitere 20 Minuten und circa 27 Deutsche Mark.

Da knapp 500 Seiten ziemlich dick sind und die Bindemaschinen nur ungefähr 200 Seiten schaffen, ging man schließlich mit drei, zusammen ungefähr 10 Zentimeter Regalplatz beanspruchenden und relativ unhandlichen Teilen nach Hause. Schon vor der Haustür war der Vorsatz gefasst: Wenn das Buch halbwegs interessant wäre, würde man wohl früher oder später doch die Taschenbuchversion kaufen, allein aus ergonomischen Gesichtspunkten. Was außerdem blieb, war das beruhigende Gefühl, dass das Netz als sozialer Zusammenhang bestens funktioniert, sowie die erneuerte Erkenntnis, dass Filesharing nichts als der konkrete Ausdruck eben dieses Zusammenhangs ist.

Inzwischen kann man sich Empire auch als Ascii-Version bei textz.com besorgen, einer eklektizistischen Sammlung von textwarez, also mehr und weniger legalen “Vervielfältigungen” von Werken, die zu einem großen Teil selbst die politischen und ökonomischen Bedingungen des Internet reflektieren. Neben klassischen Texten wie Adornos “Culture Industry Reconsidered” oder diversen Pamphleten der Situationistischen Internationale finden sich hier aktuelle Beiträge wie Rishab Aiyer Ghoshs “Cooking Pot Markets”, die “Californian Ideology” von Barbrook und Cameron oder John Perry Barlows “Declaration of the Independence of Cyberspace”. Sowie kurze und lange Beiträge von Bataille, Baudelaire, Bey, Blissett, Burroughs, Baudrillard, Debord, Deleuze, Derrida etc.

Eine öffentliche Festplatte

Textz.com ist als Nachfolgeprojekt zu Rolux.org entstanden, das Sebastian Lütgert seit 1998 zusammen mit Freunden betrieben hatte, damals noch net.art im Blick. Während Fake-Banner zu Nato, Microsoft und anderen die Verflechtungen des militärisch-kulturindustriellen Komplexes sichtbar machen sollten, manipulierten an anderer Stelle Skripts die Festplatten der User. Daneben wurden jedoch schon damals Texte gesammelt. Rolux verstand sich als eine “öffentliche Festplatte” im Sinne einer veröffentlichten Festplatte: Eigene Beiträge, etwa aus dem Fanzine “Auseinander”, korrespondierten mit Texten aus dem Umfeld der Situationisten.

Jetzt findet sich dieses Ascii-Archiv auf textz.com wieder, der Fokus aber hat sich verschoben: Wo net.art noch die in Codes, Standards, Formaten wirkenden sozialen, politischen und ökonomischen Bedingungen von Zugängen, Interfaces und Codes thematisierte, stellt textz.com vor allem das Regime des Urheberrechts in Frage, das derzeit eben jene Codes, Standards und Formate zu kolonisieren versucht. Textz.com spricht vor allem durch seine Anwesenheit als dot.com unter vielen. Das ist am Ende wiederum nur eine andere Form des Symbolischen, die allerdings diskursfördernd wirkt. Vor kurzem postete Lütgert auf der Mailingliste “Rohrpost” einen erhellenden Dialog, der mit Teilnehmern der Liste “Netzliteratur” geführt worden war.

Auf die Frage der Netzliteraten, ob Raubkopierer letztendlich nicht den Autoren schadeten, gab Lütgert zu Protokoll: “Mir ist ein pragmatischer Umgang mit illegalen sozialen Praktiken, die der Allgemeinheit nicht ernsthaft schaden (und es wird ja niemand behaupten wollen, dass die finanziellen Schäden durch Software-Piraterie im Vergleich zu ihrem sozialen Nutzen auch nur irgendwie ins Gewicht fielen, oder?), lieber als das Verbot von Dingen, die sich nicht verhindern lassen, und vor allem ist mir die relative Offenheit jener Protokolle, die den gegenwärtigen digitalen Netzen zugrundeliegen und dem reibungslosen Markt-Werden jedes digitalen Austauschs im Wege stehen, wichtiger als die Verwertungsinteressen von Inhabern geistigen Eigentums.”

Letztere sind ohnehin immer seltener die Autoren, immer öfter aber die Konglomerate, die den guten alten Verlag mitsamt seinen Visionen und künstlerischen Programmatiken längst abgelöst haben. In diesem Sinn ist textz.com paradoxer Weise auch ein digitales Mahnmal für Formen der Textproduktion, die für den Markt immer uninteressanter werden.

Die Empire Geschichte

In der Diskussion klärte Lütgert auch die Empire-Geschichte auf: “Die Autoren werden von mehreren Seiten um die Herausgabe des Manuskripts gebeten. Das müssen sie natürlich ablehnen, sie sprechen aber mit ihrem Verlag. Der muss das auch ablehnen, stellt aber binnen einer Woche ein kopiergeschütztes PDF ins Netz. Tags drauf findet sich ein Crack für Elcomsofts Advanced PDF Password Recovery Tool, und nach ein paar Minuten erscheint das nicht-geschützte PDF, gefolgt von der Plain-Ascii-Version.”

Inzwischen sei eine Floppy-Version des Buchs für den indischen Markt in Vorbereitung, vielleicht sogar mit einem “Vorwort zur ersten indischen Raubkopieausgabe” der Autoren. Ein Aktivismus des Offensichtlichen stellt manchmal die besten Fragen, auch wenn sie im wuchernden Weltbild von Copyright-Anwälten bereits eine Schutzverletzung darstellt: Warum sollte ein Buch, das von einer amerikanischen Institution herausgegeben wird, die der Produktion kritischen Wissens verpflichtet sein sollte, nicht zum Preis einiger Floppy-Disks den indischen Massen überlassen werden? Die Frage, ob Empire nun gerade das ist, was letztere brauchen, ist dann immerhin keine des Zugangs mehr.

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Elektronische Lebensaspekte.