Kevin Paschold und Sebastian Kökow geben ihren Lieblingstracks ein Gesicht
Text: Bianca Heuser aus De:Bug 153

The29Nov Films unterlegen seit knapp vier Jahren ihre Lieblingstracks mit Sequenzen aus Filmklassikern, Werbung oder schlichtem Trash. Teilweise stellen sie bis zu acht selbstgebaute Filmchen pro Tag online, von Omar S über Soundstream bis Terre Thaemlitz. Eine bisher knapp 1000 Videos umfassende fantastische, cineastische Sisyphusarbeit, deren Ende noch nicht abzusehen ist.

Die Initialzündung für The29Nov Films waren ein paar Videoschnipsel, aus denen Kevin Paschold Mitte 2007 ein Filmchen zusammenschnitt und dabei bemerkte, wie einfach das von der Hand ging. Gelangweilt von den zahllosen YouTube-Uploads, die großartigen Tracks nicht mehr als deren Plattencover zur Seite stellen, unterlegt er seitdem zusammen mit seinem Cineasten-Buddy Sebastian Kökow Lieblingstracks mit Sequenzen aus Filmklassikern, Werbung oder schlichtem Trash. Das Auge isst ja bekanntlich mit. So entstanden in mittlerweile fast vier Jahren an die tausend Videos, teilweise stellen sie bis zu acht pro Tag online. Ihr engster Verbündeter bei dieser Arbeit ist und bleibt das Internet, aus dem sie ihr Material fast ausschließlich schöpfen.

Angefangen haben The29Nov Films aber zunächst als Musikprojekt, als das Duo noch in Sonneberg im südlichen Thüringen lebte. “Ich hatte dort zu jener Zeit noch mein Studio, in das irgendwann auch Kevin stolperte”, erklärt Sebastian. “Wir haben dann eine Art elektronischen Krautrock gemacht, Kevin spielte Gitarre und ich habe aufgelegt.” Als dritten im Bunde habe es damals außerdem noch einen Orgelspieler gegeben. Anders als ihr derzeitiges Konzept geht ihr Name schon auf jene erste Zusammenkunft im Studio zurück: “Die fand eben am 29. November 2006 statt. Wir haben dann einfach, wie alle coolen Rockbands, ein ’The’ davorgesetzt.”

Das Web als Lab
Inzwischen haben sich The29Nov Films voll und ganz der Videoproduktion verschrieben, wenn auch nicht so fanatisch, wie man angesichts ihres Outputs annehmen würde: “Wir sitzen nicht den ganzen Tag zu Hause vor dem Rechner. Wir führen ein ganz normales Leben mit Arbeit, Freundinnen, Feiern gehen. Aber nebenbei klappt das ganz gut”, beteuern sie, werden den – im besten Sinne – nerdigen Eindruck, den sie und ihr Projekt machen, damit aber mitnichten ganz los. Denn vor Augen führen muss man sich ja einmal, dass es der beiden Leidenschaften sogar zwei sind: die Musik und der Film.

Während sie also das WWW nach neuem, alten Material (bei aktuellen Blockbustern macht ihnen das Copyright einen Strich durch die Rechnung) durchforsten, scheint ihr Wissenshunger auch in Sachen Beats keine Grenzen zu kennen. So findet sich beispielsweise Terre Thaemlitz’ unter dem Namen K-S.H.E. erschienenes “Double Secret”, das nach seinem Release in Japan 2006 erst diesen März hierzulande auf den Markt kam, auf dem the29novClassics-Channel, und zwar seit sieben Monaten. Wie an diesem Beispiel zu erahnen ist, treffen sie also auch eine Track-Auswahl, die sich bisher durch eine weißere Weste als die der meisten DJs auszeichnet: Von Osborne und Omar S über Soundstream und DJ Koze bis zu etlichen Smallville-Verfilmungen wird wirklich allem Tribut gezollt, was schon mal einen cleveren Fuß zum Wippen gebracht hat. Neben einem schüchtern auf ihrem Dailymotion-Kanal hockenden Sonic-Youth-Video existiert außerdem auch eine Art Best-Of-Edit von Alec Empires VJ-Alter-Ego Philipp Virus in ihrer Videografie. Dessen Arbeit sei im Übrigen die Initialzündung gewesen.

Gefühl statt Gezappel
Was the29nov films aber von ihm wie auch einer Zahl Nachahmer, die sie mittlerweile auf den Plan gerufen haben, unterscheidet, ist ihre Ausdauer. Phil Virus’ Videografie, die es schließlich bis ins New Yorker Museum of Modern Art geschafft hat, umfasst nicht mehr als rund 40 Kurzfilme und ohne die Ergebnisse verkaufen zu können, werfen die meisten Schlafzimmer-Produzenten schnell das Handtuch: “Uns schrieb mal jemand, der nach drei Videos fragte, wie er das verkaufen könne. Dem habe ich geantwortet, dass wir seit Jahren keinen Pfennig dafür sehen. Daraufhin hat er nie wieder von sich hören lassen. Wir hauen eben mehr Videos raus als jeder andere.” Einen Geschäftssinn haben sie dabei bis heute nicht recht entfaltet. Klar wäre es schön, irgendwann davon leben zu können, das finden beide, aber dafür beispielsweise Werbung vor ihre Videos zu schalten? Wie blöd ist das denn! Und auch dass sie es sich derzeit noch gefallen lassen müssen, wenn Labels ihnen die Channels löschen lassen ohne die Videos zu schauen, bremst ihren Enthusiasmus kaum. “Es ist interessant, dass wir so gut wie nie Probleme mit dem Filmmaterial hatten, obwohl wir den Labels doch eigentlich einen Gefallen tun. Irgendwann weiß man aber auch, für wen man einfach nichts mehr machen muss. Zu Skylax, Upon You und David Moufang (Move D), für den wir Ende 2008 die komplette Reagenz-Platte bebilderten, besteht dagegen sehr guter Kontakt.”

Im Grunde fabrizieren Sebastian und Kevin also l’art pour l’art. Um die Welt etwas schöner zu machen, einem Lied den nötigen Extratwist zu geben oder auch einen Film von seinem Trash-Korsett zu befreien. Teilweise warteten sie wochenlang auf den richtigen Film zur Platte oder umgekehrt: “Kürzlich erst habe ich Fellinis Casanova gesehen. Den fand ich großartig und passend, deshalb habe ich daraus ein Video zu ’Yours’ von Steffi gemacht”, erklärt Sebastian. ”Yours“ gibt er mit der filmischen Komponente eine völlig neue Sinnlichkeit. Die lebendigen Wachsfiguren, hysterische Sexualität und mittelalterlich-fantastische Ästhetik des Videos verleiht dem relativ straighten Popsong, der an sich, bildlich genommen, ein relativ unbeschriebenes Blatt sein mag, eine Abgedrehtheit, die im Club für ein umso größeres Vergnügen sorgen und selbst Metalheads von mehr als hohlem Gezappel und geweiteten Pupillen als Technos Daseinsgrund zu überzeugen vermag.

Tropen und Knochen
Die Videos von the29nov films erspielen elektronischer Musik ein zusätzliches Publikum, indem sie ihm beispielsweise einen weiteren Zugang zu Virgo Fours “Sex“ in Form der Untermalung mit Andy Warhols “Mario Banana 1” verschaffen – Oder auch Andy Warhol neue Freunde mit musikalischer Stilsicherheit. Beides entfaltet im Zusammenspiel eine völlig neue Wirkung. So klar wie der lasziv eine Banane verzehrende Mario Montez als Visualisierung eines gleichnamigen Tracks sind die Verknüpfungen zwischen Lied und Video allerdings nicht immer. Oft arbeiten Sebastian und Kevin hier nach ihrem Gefühl, aus dem Bauch heraus. “Wenn die Platte dreckig ist, muss es das Video auch sein”. So illustrieren mit entfremdenden Filtern überlegte Szenen aus “Natural Born Killers” und Pasolinis hochkontroversen “Die120 Tage von Sodom” Len Fakis “Kraft und Licht” in seiner hypnotischen Brutalität, während Omar S’ “Here’s Your Trance, Now You Dance” über eine Tropenlandschaft schwebt, Schädelformen und die Evolution erforscht. Was hier an textlichem Überbau fehlt, machen die balearischen Keyboards wett.

Klar, dass sich bei einer solchen Bildgewalt auch trotz der überlangen Tracks zumindest im Vergleich zu allen übrigen Genres, nur schwerlich eine Story in die Clips zwängen lässt. The29nov films geht es hier vorrangig um die Untermalung einer Stimmung, die Extraebene, auf der schon Pavement (“Rattled By The Rush”) oder Biggie Smalls (“Juicy”) mittels ihrer Videos ihre Songs tiefer in unsere Hirnwindungen einbrannten und Attitüden suggerierten. Warum sie die ersten sind, die auf diese Idee für elektronische Musik kommen, kann wohl keiner so recht erklären, wo doch die Rhythmik und assoziativ arbeitende Struktur der Songs gerade zu wie gemacht für das Konzept der beiden Wahlberliner sind. Die verstehen the29nov übrigens als Allround-Projekt: “Wir würden gern einen Spielfilm über die Ostdeutsche Punkband Schleim Keim drehen. Die sind wie so viele an der Wende zerbrochen, hatten ihr Feindbild verloren. Der Sänger, Dieter Ehrlich, ging dann nach Berlin und an Techno und Drogen zugrunde. Irgendwann fuhr er wieder nach Hause und erschlug seinen Vater mit der Axt, woraufhin er in der Psychiatrie landete. Seine Biografie zu verfilmen ist noch ein Wunschtraum, aber wir bleiben optimistisch.” Und trotz latenter Planlosigkeit Visionäre.

http://www.youtube.com/user/the29novfilms

6 Responses

  1. eiermann

    die nächsten artikel bitte zum urheberrecht und “bunte filmausschnitte via windows movie maker”.

  2. Herr Jemineh

    Ich mag die Clips der Jungs! Es ist eine tolle Untermalung der Tracks und man entdeckt immer wieder Filme die man schon einmal gesehen hat. Wunderbar und Hut ab vor der vielen Arbeit!

    Da es sich trotzdem um nur leicht verfremdete Ausschnitte von Klassikern und Public Domain Filmen handelt, wird das aber wohl aufgrund des Urheberrechts und Co. nichts mit dem Geldverdienen.

    Eins sei auch angemerkt: Nur weil es nicht auf Youtube auftaucht, heißt es nicht, das nicht schon jemand zuvor Videos dieser Art produziert hat.

  3. muss

    alle videos offline , sogar der account user/the29novfilms ist weg : (