Blechdach mit Ohrensessel
Text: Bastian Thüne aus De:Bug 163

Michael Matlak hat endlich eine Wohnung in seiner Münchner Heimat gefunden, in der er sich richtig wohl fühlt. Da muss sein Debütalbum fast zwangsläufig “Home” heißen, auch wegen seinem wohlvertrauten Techno zwischen Detroit und Dub aus Mr. Rolands analogem Maschinenpark. Er hat seine Sammlung einfach perfekt im Griff.

Das Wochenende durchgängig im Club zu verbringen, weil man zu Hause nichts mit sich anzufangen weiß, wird Michal Matlak alias The Analog Roland Orchestra bestimmt nicht so schnell passieren. Eher das Gegenteil scheint der Fall. Die Wohnung als zentraler Wohlfühltempel, als Spielwiese mit analogem Gerätepark und als Klangobjekt spielt in seinem Leben eine große Rolle. Denn der 27-Jährige fühlt sich seit letztem Jahr endlich heimisch. Da lag der Name seines Debütalbums mit “Home” recht nahe: “Die acht (Vinyl) bzw. zehn Stücke (CD) stehen für mein Zuhause. Ich habe schon viele Wohnungen in meinen acht Jahren in München gehabt. Aber hier fühle ich mich am wohlsten. Die Wohnung ist mein erstes richtiges Zuhause.”

Auch das Album wirkt schon beim ersten Hören wie ein wohlvertrauter akustischer Ohrensessel. Mit der Tiefe klassischen Detroit- und Dubtechnos funktioniert “Home” sowohl zu Hause als auch im Club. Dabei klingen die Tracks wie live eingespielt, damit sich der Sog, den die Musik ausübt, alle paar Takte intensiviert. Um so viel Charme zu versprühen, braucht es neben einer optimistischen Lebenseinstellung aber auch das Talent, Momente dann genießen zu können, wenn sie sich bieten. Chancen muss man nutzen. “Im letzten Track hört man den ersten Sommerregen 2011. Da hat es auf das Blechdach getropft. Diese Stimmung war total geil. Wir saßen auf dem Sofa und dachten: Das ist krass. Wir haben die Glotze aus und den Rekorder angemacht. Das sind die Details, die das Leben lebenswert machen.” Mit den warmen Regentropfen auf Kupfer wird man wieder von der tiefendubanalytischen Sitzung heimgeschickt.

Die eigenen Bedürfnisse
Doch so stringent wie sich das Debüt auch anhört, auf den Geschmack des Produzierens ist er anders gekommen. Schließlich hat Michal Matlak aus dem ursprünglichsten Grund überhaupt mit der Musik angefangen: um sich selbst zu unterhalten. “Meine Musik hat schon immer dazu gedient, erstmal mein eigenes Bedürfnis zu befriedigen. Nicht weil ich cool bin und mich selber toll finde, sondern weil ich den Klang der Maschinen mag. Deswegen nehme ich mir meinen Lieblingsakkord und hacke den eine halbe Stunde lang in meinen Fender Rhodes oder Jupiter 6 rein. Dann brauche ich kein Radio anzumachen.” Mit Massive Attack, Kruder & Dorfmeister, aber vor allem Air wurde er musikalisch sozialisiert und war so von ihnen begeistert, dass er sich die analogen Synthies besorgte, um die Musik nachspielen zu können. Während seiner Schulzeit begann er damit, beim Schultheater die Sounds zu machen und Hintergrundmusik für Filme zu komponieren. Zu Techno kam er dann eher zufällig über Dopplereffekt und Legowelt, bzw. weil er dann auch das Equipment dazu besaß.

Auch die Betreiber von Ornaments, wo das Album erscheint, lernte er zufällig und doch ganz klassisch auf einer Party kennen, wobei erstmal keiner vom anderen wusste. In seiner sympathisch-bescheidenen Art brauchte es einen zweiten Zufallsanlauf, der ihm einen Remix auf Polymorph, eine Single auf Ornaments und eine neue Freundschaft bescherte. Seine Arbeitsweise hingegen ist wiederum sehr straight. So gibt es neben seinen Vinyl-VÖs auch ein Video der Modedesignerin Anna Müller, das er, an Air angelehnt, vertonte. Ein von der “Moon Safari” inspiriertes Album wird es jedoch nicht geben: “Mittlerweile komme ich vom französischen Sound weg. Ich kann mich nicht nur auf Air beschränken, obwohl es jetzt bestimmt fett käme, wenn man eine Art “Moon Safari” wie 1998 rausbringt, weil zur Zeit keiner Downtempo oder was Verspieltes produziert.” Doch in De:Bug 150 sagte er auch, dass der Verkauf seiner TB 303 einer Armamputation gleich käme. Die Silberkiste ist inzwischen weg, die Arme noch dran. Weiterentwickeln wird sich sein Sound vielleicht auch, “hin zu etwas wie jazzigem Ambient mit housigen Elementen und einer 909-HiHat”, lacht er, oder eben doch Air. Bis dahin kann man mit “Home” in aller Ruhe immer wieder ein sehr ausgereiftes Album genießen, wo man die tiefe Zufriedenheit eines Menschen hört, der sich mit dem, was er macht, wohlfühlt und dazu noch seine Roland-Sammlung perfekt im Griff hat. 

The Analog Roland Orchestra – “Home” ist auf Ornaments/WAS erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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