The Black Dog werden 20. Mit neuer Besetzung haben sie ein neues Album produziert, dessen Sound sowohl an die warme, analoge Elektronika früherer Zeiten anknüpft, aber auch in neue, technoide Sphären vordringt.
Text: Eike Kühl aus De:Bug 122


20 Jahre, das wären in Hundejahren gemessen stolze 140 Lenze. Umso erfreulicher, dass sich die grauen Haare, die in den Jahren der Funkstille zwischen 1999 und 2005 gewachsen sind, wieder gelichtet haben. Denn als sich Black Dog Mitte der 90er Jahre trennten und zwei Drittel der Band unter dem Namen Plaid und der Schirmherrschaft von Warp Records u.a. Erfolge mit Björk feierten, hat sich Ken Downie, das bis heute einzige feste Bandmitglied, zunächst als alleiniger Hundehalter versucht, bevor 1999 wirklich das Studiolicht ausging.

Sechs Jahre hat es gedauert, bis er mit Martin und Richard Dust zwei neue Mitstreiter fand und dem Projekt neues Leben einhauchen konnte. Nach einem Album auf deren Label Dust Science im Jahre 2005 hat man inzwischen mit Soma ein neues Zuhause gefunden. Dort erschien zunächst mit “The Book of Dogma“, eine Neuauflage der ersten Produktionen, die damals, als Ende der 80er die Technowelle von Detroit auf die Insel überschwappte, maßgeblich den Sound der Warehouse-Szene in Sheffield und UK geprägt haben.

Dass es The Black Dog nun gelungen ist, mit “Radio Scarecrow“ ein ungemein vielschichtiges Konzeptalbum am Zahn der Zeit zu produzieren, dessen Basis die subliminale Verwendung von Electronic-Voice-Phänomenen (EVPs) und kurzwelligen Zahlensendern aus dem Äther der Nacht darstellt und dabei wie zu besten Zeiten zwischen chirurgisch-präziser Glitch-Elektronika, SciFi-Ambient und intensiven Technovibes pendelt, beweist, dass auch alte Hunde noch beißen können. Aber wie kam es überhaupt zu diesem Konzeptalbum?

Martin: Ich beschäftige mich schon lange mit EVPs und Zahlensendern, weswegen ich in den letzten zehn Jahren eine Menge an Aufnahmen gesammelt habe. Wir hatten zunächst nicht vor, diese Aufnahmen in “Radio Scarecrow“ zu implementieren, aber als sich das Album langsam herauskristallisiert hat, haben wir gemerkt, dass dieses Material ziemlich gut dazu passt. Außerdem wollte ich noch einige Leute verfluchen, und das geht besser mit Morse- oder Zahlencode. (lacht)

De:Bug: Vor dem neuen Album habt ihr eine Retrospektive veröffentlicht. Wo steht ihr mittlerweile, und wie hat sich euer Sound verändert, gerade im Hinblick auf Innovation?

Martin: Langfristiger Fortschritt ist uns wichtiger als kurzlebige Innovationen. Wir haben unsere alten Produktionen neu veröffentlicht, aber nicht als Retrospektive oder Best-Of-Bullshit, sondern weil wir das Material einfach in guter Qualität zu einem fairen Preis herausbringen wollten. Den Detroit-Einfluss, der auf diesen Produktionen zu finden war, gibt es auch heute noch in subtiler Art und Weise. Trotzdem wollen wir heute nicht mehr diesen Sound kopieren, wir versuchen vielmehr dem Tribut zu zollen.

Ken: Unsere Einflüsse sind vermutlich nicht mehr auf die Studiotür gepinselt wie früher, aber sind wir ehrlich, die gesamte Technoszene hat nicht gerade Quantengesprünge gemacht in den letzten Jahren. Innovation hat auch eine Kehrseite, denn niemand möchte und kann immer innovativ sein. Oft ist der beste Track, den man an einem Abend hört, ein Klassiker.

Innovation hin oder her, schon immer schienen Downie & Co. genau in die entgegen gesetzte Richtung der Trends zu laufen und diese autarke Position im Elektronik-Bereich lässt sich auch anhand der Band-internen Evolution verfolgen: Nach den Detroit-infizierten Anfängen hat man vertrackte IDM-Sounds für Warp produziert, danach sphärisch-mäandernde Ambientkompositionen, die von den Werken Erik Saties beeinflusst waren. Inzwischen ist man auf “Radio Scarecrow“ wieder bei einer aktuelleren Soundästhetik angekommen, ohne dadurch Kompromisse einzugehen oder sich gar einem Trend zu beugen. Dennoch pulsieren die aktuellen Produktionen wie lange nicht mehr mit stringenten Techno-Elementen und erhöhter Tanzbarkeit, ohne dadurch den Tücken der Repetition zu verfallen, während andere Tracks wie die vorab veröffentlichte Single “Floods“ verstärkt an der Schnittstelle von Dubstep und Techno kratzen. Ein aktiver Schritt nach vorne, logische Konsequenz oder einfach nur Zufall?

Martin: Ich bin prinzipiell an jeglicher Art von Musik interessiert, aber ich durchforste nicht täglich das Netz auf der Suche nach dem neusten Shit. Wir gehören auch keiner Szene bewusst an, wir haben ganz andere Sachen zu tun, als auf die Frisuren von anderen zu schauen. Wir machen Musik für die Gegenwart, ganz einfach weil wir Teil davon sind. 1992 is over. Und selbst wenn das keiner mehr hören will, dann sterbe ich lieber als Außenseiter, als mich von irgendeinem Trend auffressen zu lassen. Die Remixe zu “Floods“ waren eher Zufall als wirklich eine bewusste Entscheidung. Wir brauchten nicht unbedingt einen Dubstep-Mix.

Ken: Das sehe ich ähnlich. Ich bewege mich gerne in bekannten Kreisen, und ich bin mit vielen alten Produzenten um einiges enger verbunden als mit den neuen. Das heißt aber nicht, dass ich sie nicht respektiere. Ich kann nur nicht sagen, ob es einen aktuellen UK Sound gibt, dafür kenne ich mich zu wenig aus, aber spielt das denn eine Rolle? Irgendjemand wird es immer zum ersten Mal hören, daher ist jeder Sound auf seine Weise zeitlos.

De:Bug: Zeitlosigkeit ist auch etwas, das man oft mit Techno verbindet. Mit den aktuellen Minimal-Produktionen habt ihr ja nicht viel zu tun. Wie wichtig ist euch der Techno-Aspekt überhaupt?

Martin: Das Problem mit Techno und gerade Minimal ist, dass jeder die Top 10 von Beatport auflegt – 12 Loops und ein paar EQ-Tweaks machen noch keinen Producer. Außerdem wissen viele ja noch nicht einmal, was “minimal” eigentlich bedeutet. Ich frage mich, wie viele überhaupt mit dem Werk von Stockhausen oder Satie vertraut sind.

Ken: Es bringt aber auch nichts, Leute in Schubladen zu schieben. Wir waren vielleicht mit einigen Sachen früher dran als andere, aber das macht uns nicht besser. Techno ist und bleibt auch eine Lebenseinstellung, so cheesy das klingen mag. Wir machen eben unsere Form von Techno, für uns ist das Techno, und wir mögen es, wenn die Leute dazu tanzen. Mehr interessiert uns nicht.

De:Bug: Ihr habt gesagt, dass dieser düstere Vibe von Sheffield eine eurer Inspirationsquellen ist. Ist das noch immer so?

Martin: Der Industrievibe von Sheffield ist bei uns im Blut, das ist wie mit Detroit. Es gibt hier kein richtiges Nachtleben, die Crowd ist kompliziert, und besonders hübsch ist es auch nicht. Trotzdem lieben wir es, und das zeigt sich vermutlich immer in unserer Musik. Auch wenn sie nicht wirklich fröhlich ist, so ist sie doch sehr emotional.

Ken: Scheiß auf fröhlich! Hat sich mal jemand die Welt angeschaut? Wir sollten uns verschanzen und die Mistgabel auspacken…

The Black Dog bleiben eben doch schwarz wie die Nacht über Yorkshire, und so bastelt man auch weiterhin mit stoischer Unbekümmertheit an einer eigenen Soundidee, ohne dabei den aktuellen Trends und Hypes hinterherzuhecheln. Und das klingt auch nach 20 Jahren noch erfrischend.
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Elektronische Lebensaspekte.