„An den pool ... wurden Schriftsteller und Künstler eingeladen", lautet die lakonische Selbstbeschreibung von Elke Naters und Sven Lager für ihr Internet-Literatur-Projekt "Leben am pool" (www.ampool.de), das seit dem 4. Juni 1999 für genau zwei Jahre einigen Autoren und Künstlern eine Sammelstelle für Texte und Netzkunst bot. Britta Höper war eine von ihnen.
Text: Markus.Krajewski@berlin.de aus De:Bug 50

Die Freischwimmerin
Netzliteratur & Britta Höper

Ein Himmel ohne Wolken, Sonnabendnachmittag, Hitzestau. Mal im Freibad vorbeischauen. Der einzig freie Fleck am Rande der Liegewiese dicht bei der Brombeerhecke erlaubt einen guten Blick auf die versammelte Mannschaft. Die üblichen Verdächtigen, einige dösen, manche lesen ein Buch, einige hadern, einige schreiben geschäftig in ihre Laptops, was per Wochenend-Flatrate direkt ins Netz fließt. Leben am pool. Nach kurzem Vor-Sich-Hinköcheln in der verschwenderischen Sonnenflut – eine Seltenheit im Sommer Null Eins bislang – hin zum Bad, um abzukühlen.

Am Nichtschwimmerbecken hat’s einen Vorfall gegeben, die Umherstehenden diskutieren aufgeregt. Thomas M. aus Berlin, soviel wird aus den Wortfetzen klar, hat einem Mädchen schwer zugesetzt. Britta H. aus Hamburg habe, obwohl das Wasser eigentlich viel zu flach dazu sei, hier ungestört ihre Bahnen schwimmen wollen, doch Thomas sei nicht davon abzubringen gewesen, sie dabei immer wieder zu ärgern. Angefangen habe er mit Wasserspritzern in die Augen, darauf habe sie noch, so berichten Zeugen, ganz freundlich, vielleicht gar ein bisschen kokett reagiert. Dann sei es auch vorgekommen, dass er sie versucht habe zu döppen, erst ganz offensichtlich, dann auch hinterrücks. Das ist dann schließlich zuviel gewesen, man streitet sich, und nun verbietet sie ihm jeden weiteren Kontakt. Während sich die Gruppe schon wieder zerstreut und einige noch auf Thomas einreden, reißt er sich plötzlich los und versucht, durch einen sehr unvorteilhaften Satz in Form einer ungelenken Arschbombe vom Beckenrand auf die davonschwimmende Britta draufzuspringen. Er verfehlt sie nur knapp. Und erst jetzt schreitet die Badeaufsicht ein. Sven und Georg, die diensthabenden Bademeister, verweisen zunächst Thomas des Bades und versuchen dann Britta (à la “Du schwimmst doch so schön!”) zu überreden, lieber in den großen pool zu gehen, wo man sich eigentlich nur als ausgewiesener Schwimmer aufhalten darf (“Das Freischwimmerabzeichen bzw. distinkte Markenlabel sind stets deutlich sichtbar auf der Badehose aufgenäht zu tragen. Ausrufezeichen”, lautet eine allgemeine Lebensregel am pool). Brittas Badeanzug ist ohne Aufnäher, dafür schick geschnitten und grün. Dass er aus dem Altkleidercontainer stammt, sieht man ihm nicht an. Die Badeaufsicht insistiert und Britta H. wechselt das Becken.

Auch im großen Becken zieht sie gleich die Aufmerksamkeit auf sich. Die Bewunderung der Alten Herren im flachen Teil des Privilegiertenbassins, die längst schon nicht mehr Schwimmen, sondern der Technik des berüchtigten “Rentnergehens” folgen – also storchenhaft ein Bein vor das andere und mit den Armen tapfere Brustschwimmbewegungen –, ist ihr sicher: “Ein Meister. Einer, der ganz, ganz Großen”, Christian Kracht Bangkok, Thailand – 14.07.99. Mit ruhigen, gleichmäßigen Zügen schwimmt sie den anderen davon. Was ist es, dass alle gebannt jede ihrer Bewegungen verfolgen? Zum einen ihr Stil, mit dem sie das spezielle Medium beherrscht. Literatur im Netz verlangt eigene Strategien des Geschichtenerzählens, eine Kurzform jenseits von Aphorismen oder assoziativem Rauschen der Signifikanten. Brittas Prämisse ist ebenso einfach wie radikal (weil anderenorts so oft missachtet): jeder Äußerung muss ein Gedanke zu Grunde liegen. Dieses Material, etwa eine beobachtete Alltäglichkeit, gilt es, anschließend in eine geeignete Form zu übersetzen. Ein Verfahren, wofür Poetisierung hier der falsche Begriff wäre, eher Genauigkeit, und zwar nicht nur in der Sorgfalt der Wortwahl und hervorgerufenen Szenarien, sondern auch im Sinn von Evidenz: genau so hätte das Ereignis sein sollen, dann erst ist es schön und wert, mitgeteilt zu werden. Die “Macht der Fabel” ist eine Strategie, auf die Britta dabei vertraut.

Zwischendurch wieder mal im Planschbecken, erscheinen in loser Folge unter dem Pseudonym einer Farbenreihe ihre Smirn & Gratze-Szenen, zwei Prototypen von Figuren, in deren Dialogen sich so überraschende Konstellationen wie beispielsweise zwischen Christina Ricci und Lino Ventura ergeben. Die Miniaturen finden nicht nur viel Beifall, sondern auch Nachahmer, was Britta einige strenge Regeln zur Produktion solcher Kunststücke nachschieben lässt. Beinahe berüchtigt – nicht nur bei Nichtschwimmern – ist ihr (gerechter) Zorn gegen jene, die aus Unachtsamkeit ihre Bahn kreuzen oder über die falsche Atemtechnik verfügen. (“Ich hasse sprachliche Ungenauigkeiten wie: DER GESTRIGE SPIELTAG. Es kann einen gestrigen Tag geben, obwohl man besser und gerader einfach: gestern sagt. Ein Spieltag dagegen wird in Spielen gemessen.”) Einige halten sie wegen ihrer manchmal auch schamlos schillernden Wortwellen für keine Frau, aber bei den chinesischen Schwimmerinnen kann man sich ja auch nie ganz sicher sein. Doch Brittas unsichtbares Freischwimmerabzeichen, man ahnt es bereits, wird längst nicht mehr vom DSV vergeben; es ist der Totenkopf auf schwarzem Grund.

Unterdessen besteigt, mit einem sinnlosen String-Tanga aus Lycra bekleidet, vorne groß “Armani” drauf, Eckhart N. das Ein-Meter-Brett, nimmt Anlauf wie einst der legendäre Meister am Turm Albin Killat, federt hoch… doch der Satz misslingt schon im Ansatz: “Heute morgen, während ich über den Text nachdenke, an dem ich schreibe, schaue ich aus dem Fenster, und es ist ein wunderbarer Frühlingsmorgen,…” nach weiteren 395 quälenden Wörtern endlich dann der Punkt. Was ein imposanter Köpfer werden sollte, verkommt zum Bauchklatscher. Da muss noch geübt werden, zumal beim Zeichensetzen.
Ein Teil der Badeaufsicht hat die alltäglichen Geschehnisse, aber auch die besonderen Ereignisse vom Leben am pool dokumentiert und kürzlich unter dem auf den ersten Blick etwas faden, dann aber umso anspruchsvolleren Titel “the Buch” auch Nicht-Freibadbesuchern zugänglich gemacht. Die Anthologie enthält teils noch unveröffentlichte Texte von Britta und anderen. Während man bei der Komposition aus der schlichten Bezeichnung “Buch” mit dem noch schlichteren, weil unbeugsamen englischen Artikel “the” als Titelgebung zunächst noch an eine etwas einfallslose neue Phrasenschöpfung des Denglischen denkt, so erkennt man auf den zweiten Blick doch schnell den sophistischen Hintersinn dieser beinahe genial zu nennenden Titelwahl. Sie adelt sich nicht nur selbst durch die offenbare Anspielung auf das Buch der Bücher, als eine Bibel der Bademeisterei also; überdies reiht sich der Titel ein in eine ebenso traditionsreiche wie ehrenvolle Galerie buchtechnischer Projektmacherei, wo so klangvolle Namen wie Novalis und Friedrich Schlegel (Projektitel: “Das absolute Buch”), oder aber Stéphane Mallarmé (noch ungekünstelter mit: “le Livre”) residieren. Deren freilich unerreichtes Ziel war es, mit einem einzigen Buch alle anderen künftigen Bücher zu erledigen. Danach sei nur noch Schweigen, zumindest was Autornamen angeht, die man – so Mallarmé – nach “dem Buch” nicht mehr benötige. Kurz bevor “the Buch” erschien, anonymisierten sich die Autoren am pool durch frei gewählte Nummern, kurz danach wurde das Becken geschlossen. Zu besichtigen mit all seinen Episoden und Ereignissen ist dieses Leben jedoch immer noch, samt Nichtschwimmerbecken, unter http://www.ampool.de und http://www.htwk-leipzig.de/~mlorenz/loop/loopgo.htm. Texte und Bilder von Britta Höper finden sich fortan auch unter http://www.be09.de.

Sven Lager und Elke Naters (Hg.), the Buch. leben am pool, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2001.

„An den pool … wurden Schriftsteller und Künstler eingeladen”, lautet die lakonische Selbstbeschreibung von Elke Naters und Sven Lager für ihr Internet-Literatur-Projekt “Leben am pool” (www.ampool.de), das seit dem 4. Juni 1999 für genau zwei Jahre einigen Autoren und Künstlern eine Sammelstelle für Texte und Netzkunst bot. Aus einer handverlesenen Schar von Freunden der Initiatoren entwickelte sich mit der Zeit eine regelrechte Gemeinde von Beiträgern, die ausgestattet mit dem exklusiven Schreibrecht sich am pool bequem einrichteten oder eben gelegentlich ihren Teil zur elektronischen Sammelstelle beisteuerten. Zur Gruppe der Beiträger zählten neben den Initiatoren etwa Diedrich Diederichsen, Kathrin Glosch, Rainald Goetz, Britta Höper, Christian Kracht, Helmut Krausser, Tom Kummer, Andreas Neumeister, Eckhart Nickel, Cathy Skene, Moritz von Uslar u.v.a.m. Die Beiträge reihten sich einfach in der Abfolge ihres Erscheinens untereinander, jede Woche eine neue Datei, so dass eine ständige Bezugnahme auf die Einträge der anderen nicht nur erwünscht war, sondern auch erfolgte.
Wer am pool nicht zum Schreiben oder upload kam, weil uneingeladen und also ohne entsprechende Rechte, konnte (und kann immer noch) zu dem Projekt etwas beisteuern, was dann ins Gästebuch, in den sogenannten loop (www.htwk-leipzig.de/~mlorenz/loop/loopgo.htm) wandert, und dort von allen gelesen und beantwortet werden kann. Von dieser Möglichkeit haben viele Gebrauch gemacht, auch und insbesondere, um immer wieder die Geschehnisse am pool  zu kommentieren.
Britta Höpers Texte erschienen zunächst im loop, wo sie sich mit Thomas Melle eine viel beachtete virtuelle Affäre lieferte (deren Gesetzmäßigkeiten dann von Melle gen Realbesuch hin übertreten wurden); nach einigen Einladungen von Naters & Co wechselte Britta zu pool, schrieb jedoch zwischendurch immer auch wieder, teils unter Pseudonym, im loop.

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Elektronische Lebensaspekte.