Mit dem Tagebuch zeitreisen klingt eigentlich ganz gut. Evan, der Protagonist aus "The Butterfly Effect", entdeckt diese auf den ersten Blick praktische Zeitmaschinen-Funktion und springt zu traumatischen Punkten in seiner Vergangenheit, um sie neu zu gestalten. Dass Veränderungen in der Vergangenheit aber immer auch was mit der Gegenwart anstellen und Filme darüber es meist nicht so mit der Logik haben, wissen wir ja schon seit “Zurück in die Zukunft“. Spätestens.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 85

Gruseliger Besuch in der eigenen Vergangenheit | The Butterfly Effect

Da sind diese weggeschobenen, bösen Erinnerungen von Evan. Der ist erst sieben und weiß: “Heute treffe ich meinen Vater. Er heißt Jason und ist verrückt. Ich hoffe, dass ich ihn Daddy nennen darf.” Soweit dokumentiert er es in seinem Tagebuch, das er später als Psychologiestudent wieder lesen wird. Aber was, wenn der Erinnerung an alles Weitere die Klarheit fehlt? Wenn er zu ihr so wenig durchsehen kann wie durch die geriffelte Milchglasscheibe, hinter der sein Dad an diesem Tag den Gang der Psychiatrie hinabgelaufen ist? Und will Evan sich überhaupt daran erinnern, wie das Gesicht des Vaters genau ausgeschaut hat, rau, unrasiert, wie er ihn angesprungen und versucht hat, ihn zu erwürgen? Für Erinnerungen, die einen irgendwann aus der Vergangenheit überfallen und für die, die versuchen, einem die Luft abzudrücken, hat Evan sich einige Blackouts zurecht gelegt.

Die Couch als Zeitmaschine
“The Butterfly Effect” ist ein Thriller, der aus dem Konzept einer Analyse-Couch eine ordentliche Zeitreise zu den Erinnerungen unternimmt. Warum nicht. Die erste Erkenntnis dabei ist für den Zuschauer, dass Sweetie Ashton Kutcher auch schüchtern spielen kann, wenn er grad nicht “Versteckte Kamera“ bei MTVs “Punk’d” spielt. Das wäre geklärt, dann soll die Session anfangen: Evan (Ashton Kutcher) hatte als Kind einige Blackouts, immer in traumatischen Situationen. Um seine Vergesslichkeit in den Griff zu kriegen, beginnt er also Tagebuch zu schreiben. Situationen dieser Art gibt es vier, fünf mit seiner Kinderclique, der Sandkastenfreundin, ihrem schwer erziehbaren Bruder und dem dicklichen Nachbarsjungen. Das Drama lässt zur Verbildlichung nichts aus: Schuldsein am Tod von jemandem, Missbrauch vom Vater und schließlich noch ein Mord. Als Psychologiestudent nimmt Evan dann sein Tagebuch wieder in die Hand und muss es ausbaden. Sobald er die betreffenden Stellen vor den Erinnerungsbrüchen durchliest, fangen die Buchstaben an zu wackeln und er befindet sich zurückgebounct in der Vergangenheit wieder, genau an der Anschlussstelle der verschluckten Erinnerungen. Er durchlebt die Situation noch einmal und beschließt, diesmal alles besser zu machen. Und noch mal. Und noch mal. Daraufhin ändert sich immer wieder auch seine Jetztzeit komplett in einer Art Parallelwelt. Nur jedes Mal, wenn er was ändert, geht auch was anderes im weiteren Verlauf schief.

Zu straight
Wenn einzelne Schlüsselerlebnisse als extreme Horrorsituationen Traumata hinterlassen, so die Annahme von “The Butterfly Effect”, dann ändern sie wie bei einer Weggabelung die Richtung der weiteren Lebensweise in jeder Hinsicht. Straight spielt der Film das durch, ohne natürliche Veranlagungen oder spätere Faktoren mit hineinzupacken. So entschlossen wie die Sache mit den alternativen Welten angegangen wird, bleibt kein Raum für Verwischungen: In der ersten Version ist er ein sympathischer Junge mit einem fetten Waver als Zimmergenossen. In der nächsten ist er an der gleichen Uni als sportiver, versnobter Sunnyboy mit seiner Sandkastenfreundin als wirklicher Freundin in einer studentischen Verbindung. Seine parallele Peer Group ist abgeschoben. Als Konstruktion funktioniert das alles klarerweise ohne Logik. Evan hopst einfach von Jetztzeit zu Jetztzeit. Vielleicht kein Zufall, dass der Thriller fast zeitgleich mit “The Village“ startet (9.9.). Der bekommt das allerdings mit der übernatürlichen Vergangenheit wesentlich trickreicher und vor allem beklemmender hin, mit einer Horror-Sage aus den Wäldern als soziales Experiment.

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Elektronische Lebensaspekte.