The Chap sind verwirrt, talentiert und funky wie Hölle. Die vier gealterten Kunststudenten aus London mausern sich gerade zur Über-Kombo der 3rd-Millenium-Bands.
Text: Ran Huber aus De:Bug 122


The Chap sind verwirrt, talentiert und funky wie Hölle. Die vier gealterten Kunststudenten aus London mausern sich gerade zur Über-Kombo der 3rd-Millenium-Bands, gegen die Hot Chip plötzlich leicht unterbelichtet und LCD Soundsystem etwas einfallslos wirken. Denn The Chap sind eine überbordende Ausgeburt an Komplexität, Experimentierfreude und Eklektizismus. Und 2008 gelingt es ihnen auch endlich, dabei richtig heiß zu sein, heiß, tight und mit lässigem Hüftschwung, ohne ironische Brechungsprobleme oder nerdiges Tölpeltum. Die Chaps mussten nämlich einen verdammt weiten Weg zurücklegen, um an diesen Punkt zu kommen.

Die Widersprüche und die tiefen Wunden der eigenen Uncoolheit hängen aber auch heute noch weit aus dem Fenster, und auf dem Fensterbrett stecken massenhaft “witzige” Sachen neben den verkommenen Blumen in den Töpfen. Typen wie die Chaps finden so was “schräg”. Genau wie die Knäckebrotkrümel im Bart des Drummers, auch wenn die nicht “schräg”, sondern eklig sind, da sind Ex-Mitschülerinnen, Ex-Kommilitoninnen und Jetztzeit-Werbe-Agentur-Produzentinnen einer Meinung.

Entschieden mit Macke
Die vier Chaps seien “ganz weit draußen, sehen aber aus wie Lehrer“, befand ein glücklich durchgerockter, knapp volljähriger Fan unlängst nach einem Konzert. Und tatsächlich gehen die Chaps Berufen wie Musiktherapeutin, Kompositionslehrer, IT Consultant und TV-Komponist nach, Lad-Probleme sind ihnen als Creative-Class-Mitglieder im besten Freiberuflerverdienstalter eher mal sehr fremd. “Warum sollte man beispielsweise immer down to earth sein wie die Arctic Monkeys?” Nein, “down to earth” rollt bei Herrn Johannes von Weizsäcker gar nichts, so viel ist klar. Natürlich spielt er damit, tatsächlich oder nur scheinbar der Spross einer gewichtigen deutschen Sippe zu sein, weder ein Dementi noch das Outing als Enkel seines Großvaters sind zu erwarten.

Drummer Keith Duncan sieht unterdessen auf allen verfügbaren Fotos aus wie Dietmar Dath mit Blödelgrimasse, dem die Obskuritäten in der Hosentasche durchdrehen. Von Weizsäcker, Duncan und ihre Bandkollegen Panos Ghikas und Claire Hope gebärden sich aber auch sonst wie eine Bande irrer Kunststudenten mit gravierendem Hedonismus-Problem. Heitere Gesellen, keine Frage, sympathisch obendrein, aber eben auch entschieden mit Macke. “Erst wollten wir uns ‘Friendly bacteria’ nennen,” erklärte Duncan in einem der wenigen Chaps-Interviews. Von Weizsäcker wäre übrigens für “Led Zeppelin” gewesen.

Endlich in der Disko
Als die Kunststudenten 2001 ihren langen Weg zum echten Funk-Bumms antraten, bedienten sie sich noch übelster Mucker-Zutaten, heute sind sie schon fast so camp wie die Pet Shop Boys. 2002 klangen sie noch wie die NDW-Combo Trio mit Helge-Schneider-Soli aus Einmachgummi-Gequietsche. Dabei sind The Chap wohl auch überfressene Kinder des Rave-Jahrzehnts: “Wir waren genervt von langweiliger Laptopmusik und dem ganzen 90er-Jahre-Postrockgetue, Motorik hier, Motorik da, und wollten Neues ausprobieren“, erklärt von Weizsäcker die damalige Motivation.

In Großbritannien für ein “German Electronica Minimal Techno Duo” gehalten zu werden, kratzt das Quartett erst mal wenig. Die LP “Ham” von 2005 ist dann kaum noch cheesy, es funkelt schon ganz mächtig, aber erst 2007 macht die Maus endlich den Doppelklick zum “Yeah Yeah Yeah”: Der Track “President at Last” tuckert als tightes Mucker-Wippen los, bis dieser Ecstasy-Schub vom Synth direkt aus dem Club-Himmel kommt: der astreine Joy-Division-Hallenrave für Popper mit Arbeitslager-Phantasien.

Großes Frühstück ohne Käse
Die aktuelle LP “Mega Breakfast” sollte “etwas Eingängiges, das einem nicht mehr aus dem Kopf geht, werden”, erklärt von Weizsäcker: “Aber gleichzeitig soll es abstoßend wirken und einen den Abgrund spüren lassen.“ Also wird ein sparsamer, fast technoider Rhythmus mit superharmonischen Gesangsmelodien gekreuzt und beim Einsatz pathetischer Chöre Sinn für Dramatik bewiesen. Akzente werden mit 70er-Disko-Streicherparts getupft, und in “I saw them“ taucht unverhofft ein Chor aus Paul Simons Graceland-Phase über dem Horizont auf. Die Motivationshymne “Fun and Interesting” ist schließlich ein echter Pet-Shop-Boys-Knaller von “Go West”-Format, in dem die New-Rave-Postille “SuperSuper” als Shouting im Wechsel mit “Sweet Harmonie” gedisst wird. Ein glatter Schlag in die Generationsfresse, der im Slogan “My Generation needs a new Beat!” kulminiert. “Ich habe eine Hassliebe zur Popmusik, wie sie gemacht und wie sie präsentiert wird”, erklärt Johannes von Weizsäcker, der das Gitarrespielen beim Hören von Dire-Straits-Platten gelernt hat, die er ebenso wie Mark Kings Bassspiel bei Level42 immer noch goutiert. “Wir wollten nicht völlig ironisch sein, aber auch keine Botschaft haben, wir hängen irgendwie dazwischen. Es geht uns um die Gespaltenheit und Verwirrtheit des Menschen.“

PS: Das Gentleman-Dada
“The Chap” ist übrigens auch ein Magazin für den modernen Gentleman zwischen Country-Club und Dada. Die ketten sich beispielsweise im Victoria & Albert Museum in historischer Golf-Kluft an eine zeitgenössiche Plastik, um gegen die Verschandelung der Innenstädte durch lebende Bildhauer zu protestieren.

http://www.thechap.org

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