Gustav Temple ist der glühende Verfechter einer anti-jugendlichen Gentleman-Kultur aus Pfeiferauchen und Tür-Aufhalten. Mit seinem Fanzine The Chap gibt er zweimonatlich Tipps, wie man sich dem Mode-Jahrmarkt entzieht.
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 124


Gustav Temple ist der glühende Verfechter einer anti-jugendlichen Gentleman-Kultur aus Pfeiferauchen und Tür-Aufhalten. Mit seinem Fanzine The Chap gibt er zweimonatlich Tipps, wie man sich dem Mode-Jahrmarkt entzieht. Dass er damit gerade schwer in Mode ist, kann ihm nicht die Contenance rauben.

“Sind sie in Kleidungsfragen unsicher? Dies muss Sie nicht beunruhigen, es geht den meisten Männern nicht besser. (…) Der Kauf guter Kleidung will gekonnt sein. Männer haben es hier schwer. (…) Die beste Garderobe bereitet wenig Freude, wenn man sie nicht anlassgerecht zu nutzen weiß. Auch wenn heute Kleidungsvorschriften weitgehend verschwunden sind, so besteht doch in vielen Bereichen eine Vorstellung, wie es sein sollte, zumindest wo die Grenzen sind.“

Das Zitat stammt aus der Vorbemerkung des sehr zu empfehlenden Ratgebers “Der stilvoll gekleidete Herr“ von Oscar Lenius. Die Grenzen, von denen der Autor spricht, scheinen heute zwar recht durchlöchert zu sein. Dass man sie jederzeit wieder enger ziehen kann, beweist das Magazin The Chap aus London. Das zweimonatlich erscheinende, in Schwarz-Weiß gehaltene “Journal für den modernen Gentleman” sieht aus wie eine Fanzine-Gazette und versteht sich als Ratgeber-Magazin.

Thematisch geht es beispielsweise um den Effekt, den die Erderwärmung auf die männliche Garderobe hat, maßgeschneiderte Hemden, Sir Richard Burton, weibliche Dandys und Snooker. Oder sexuelle Devianz. Und es stehen Sätze darin wie dieser: “A step further than cufflinks, tie pin, fob watch and cane could lead one into the dangerous territory of the spiv and the fop.” Man muss das gar nicht verstehen. Gustav Temples Magazin ist augenzwinkernder Abglanz einer Welt, die einteilt in “am I chap or not?” und in der man Angst haben muss vor Kindern, die einem in riesigen Kapuzen in der Dunkelheit auflauern.

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Derjenige, der den ewigen Dandy heraufbeschwört und gekonnt an sich selbst inszeniert, ist Gustav Temple, 42. Er begründete das “Chap-Movement“ 1999, als kulturpessimistischer Gegenentwurf zur “fürchterlichen Kultur dieser Zeit, Männermagazinen, dem unangemessenen Haufen an Freizeitkleidung und den Spice Girls“. Chaps halten dagegen mit einem Zweischritt aus erhabener Exzentrik und vollendeten Manieren. Sie tragen Tweed, rauchen Pfeife und beklagen den Verlust englischen Charmes. Wer würde den “Civilise the City“-Gedenkmarsch an den großen Beau Brummel vergessen, den sie 2004 in London initiierten. Im selben Jahr trugen sie erstmals eine Chap Olympiade aus. Ganz nach dem Motto eines ihrer, in einer Fotostrecke dokumentierten Tweed Cycling Clubs: “Stil, nicht Schnelligkeit, Eleganz, nicht Anstrengung.“

De:Bug: Hallo Gustav, tragen Sie heute Oxfords oder Broques an den Füßen?

Gustav TempleWeder noch. Ich trage einen Half-Broque, den finde ich angemessen für einen Dienstagmorgen in städtischer Randlage.

De:Bug: Was für eine Bedeutung hat der Begriff “alt” für Sie?

Gustav TempleAlt ist gut. Jung ist in aller Regel grässlich. Alt ist das Vergangene, Knisternde, Verblichene. Neu ist blendend, aus Plastik, und normalerweise geht es nach ein paar Monaten kaputt. Alt dagegen hält für immer.

De:Bug: Mit The Chap stehen Sie für die Bewahrer und Befürworter klassischer Etikette. Wie kann etwas wie Etikette aber nicht ausschließlich nostalgisch sein? Oder ist diese Art der Nostalgie gerade heute der einzige Fluchtpunkt einer besseren Welt?

Gustav TempleWie kann ein Wert wie “Hallo sagen” ausschließlich nostalgisch sein? Wie kann es nur nostalgisch sein, auf den 12-Stunden-Tag zu beharren? Wir treten für die Dinge ein, die unsere Gesellschaft am Laufen halten. Höflich zu sein, ist eins dieser Dinge.

De:Bug: Und wie stehen Sie zu zeitgenössischer Mode? Es scheint nicht so, als würden Sie die neuesten Trends aus Paris verfolgen. Gibt es Designer, die Sie bewundern?

Gustav TempleMode bedeutet mir nichts, Stil und Eleganz alles. Manchmal kommt das, was ich trage, “in Mode”, dann bin ich modisch, wie im Moment. Kurz darauf ist es nicht mehr modisch, doch ich bleibe derselbe und trage dasselbe. Konstanz ist wichtiger als fashionable zu sein. Designer, die ich mag? Anderson & Sheppard, Savile Row. Old Town, Holt, Norfolk. Church’s Shoes.

De:Bug: Die Mode wird immer förmlicher und erwachsener. Ist Konservativ das neue Progressiv? Woher kommt diese Sehnsucht?

Gustav TempleAn einem Moment von Wahrheit, der darin liegt. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass die Leute heute strebsamer sind als jemals zuvor? Jetzt ist es cool, sich wie ein Gutsherr auf dem Land zu kleiden, etwas, das noch vor kurzer Zeit als absolut uncool galt. Diese Sehnsucht kommt meiner Meinung nach allerdings schlicht daher, dass jeder der “Top dog” sein möchte (eine Sehnsucht, die heutzutage viel zu verbreitet ist), kombiniert mit einem nostalgischen Gefühl für “Britishness”, das schnell wieder verfliegen wird.

De:Bug: Aber ist es doch auffällig, dass es weniger wichtig zu sein scheint, jung und dynamisch auszusehen, eher schon inszeniert man sich alt, weise und Pfeife rauchend?

Gustav TempleNur raucht niemand wirklich Pfeife. Es wird eher als humoristisches Accessoire benutzt …

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De:Bug: Was ist besser daran zurückzuschauen anstatt nach vorne? Gibt es eine spezielle Zeitdekade, in der Sie lieber gelebt hätten?

Gustav TempleNein, jede ist besser als heute. Und das Morgen sieht auch recht grauenvoll aus.

De:Bug: Mit dem Beginn der Jugendkulturen in den 50er Jahren begann sich das Kaufangebot und der Konsum am Jugendlichen auszurichten. Gibt es irgendeine modische Jugendbewegung, bei der Sie nicht direkt wegschauen?

Gustav TempleMods. Sie waren ordentlich angezogen und immer vorbereitet, ihre Kleidungsvorlieben mit Gewalt zu verteidigen.

De:Bug: Was halten Sie von der Art, wie sich der Gentleman und die Dame von heute kleiden?

Gustav TempleFürchterlich, ausgenommen natürlich einige wenige, die sich entschieden haben, sich wie Chaps and Chapettes zu kleiden.

De:Bug: Und welche Rolemodels würden Sie einem Teenager dieser Tage empfehlen?

Gustav TempleStephen Fry. Terry-Thomas. Bertie Wooster.

De:Bug: Ist es eigentlich Absicht, dass Ihr Magazin so unglaublich schlecht aussieht? Ist es vielleicht ein Gegenmodell zur Ästhetik, die von den bekannten Hochglanzmagazinen vorgeschlagen wird?

Gustav TempleIch dachte eigentlich nicht, dass es so schlecht aussieht, aber vielen Dank, dass Sie das anmerken. Ich persönlich finde es fast unmöglich, diese überdesignten Magazine wie GQ überhaupt zu lesen.

De:Bug: In Deutschland veröffentlichte der Stil-Journalist Adriano Sack just ein Buch mit dem Namen “Manieren 2.0. Stil im digitalen Zeitalter”. Interessieren Sie so “zeitgenössische“, neue Formen der Etikette?

Gustav TempleJedes Buch über Manieren ist immer interessant. Ich bin allerdings sicher, dass dieses Buch schrecklich aussehen wird, aber zuletzt scheint die Botschaft die richtige.

De:Bug: Welche Rolle ist für die emanzipierte Frau in der Chappist-Welt vorgesehen?

Gustav TempleDieselbe Rolle wie in der Non-Chappist-World. Sie kann tun, was sie will solange sie Handschuhe und einen Hut trägt.

De:Bug: Die “Chappists“ beabsichtigen eine Revolution, die gegen Gewalt und Bomben ist, aber für schöne Kleidung und gute Manieren einsteht. Wie genau funktioniert denn das? Haben Sie zuletzt ein paar praktische Ratschläge für unsere jungen Leser?

Gustav TempleAber ja. Tritt ein gegen gemeines Benehmen! Akzeptiere keinen dünnen Tee in Pappbechern von Starbucks, bestehe auf dein Recht auf einen vernünftigen Tee in einer geeigneten Tasse plus Untertasse, dazu ein Gurkensandwich. Ziehe den Hut vor Damen, die dir auf der Straße entgegenkommen – du wirst überrascht sein, wie sie reagieren. Wenn ein paar junge Rowdys dir dumm kommen, rücke dein Monokel zurecht, richte deine Krawatte und sage in knusprigem, aber klarem Tonfall: “Sir, you appear to have dropped your consonants.”

De:Bug: Möchten Sie etwas zum Tod von YSL sagen?

Gustav TempleEins meiner liebsten Hemden ist von YSL, ich habe es vor acht Jahren gebraucht gekauft und es hat länger gehalten als alle, die ich danach neu gekauft habe. Es ist traurig, dass dieses Hemd nun den Mann dahinter überlebt hat, aber es ist ein großes Testament für die Qualität seiner Kleidung – obwohl ich eigentlich kein Interesse an Frauen in Hosen habe.
http://www.thechap.net

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Elektronische Lebensaspekte.

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