Meine Art von Techno ist hoffentlich sehr behaglich.
Text: Mats Almegard aus De:Bug 111


Der Stockholmer Axel Willner lässt sich gerne von bombastischer Musik erschüttern. Die sampelt er auf ein undramatisches Maß herunter und macht tanzbaren Ambient daraus.

Mit dem neuen Album ”From Here We Go Sublime”, das Ende März auf Kompakt erscheint, zeigt The Field aka Axel Willner, was auf den ersten beiden Maxis ”Things Keep Falling Down” und ”Sun & Ice” schon angedeutet worden ist: eine ganz eigene Klangwelt, die vor allem auf Microsamples basiert. Eine Welt, die bezaubernd schön, harmonisch glitzernd und gleichzeitig sehr effektiv auf dem Dancefloor ist. Mit gerader Bassdrum und unterschiedlichen Effekten moduliert Axel Willner Samples, die bei ihm ein besonderes emotionales Gefühl geweckt haben.

”Es geht mir überhaupt nicht um tolle Laute oder Sounds, keineswegs um coole Breaks oder so etwas. Mir geht es nur um die besondere Stimmung, in die ich von den Songs, die ich gesampelt habe, versetzt wurde. Es handelt sich hauptsächlich um sehr bombastische Lieder, die in meinem Leben eine wichtige Rolle gespielt haben und die ich, um es diplomatisch auszudrücken, lieber nicht beim Namen nenne.”

Im Internet begann eine Diskussion über The Field und woher die Samples kamen in dem Augenblick, als die erste Maxi auf Kompakt releast wurde. Axel verrät das aber nicht gern. Seiner Meinung nach sind die Samples eigentlich nur für ihn persönlich wichtig. So wichtig, dass man schon fast meinen könnte, es ginge ums blanke Überleben. Musik als rettende Kraft oder so was ähnliches. Nach seiner Bearbeitung ist aber nicht mehr viel davon zu erkennen. Außerdem verwendet er nur Mikrosekunden von den Liedern, um seine eigenen Tracks aufzubauen.

”Eigentlich hätte ich alles selber machen können: zuerst mit Streichern und was weiß ich alles aus dem Computer anfangen und dann eine Struktur aufbauen. Das interessiert mich aber nicht so sehr. Da ich von Anfang an schon ein Gefühl von dem Sample habe, weiß ich auch, in welche Richtung ich mit meinem eigenen Track will. Es geht viel schneller und ich mag diese Art zu arbeiten.”

Das Resultat ist eine eigenartig schwebende und emotionale Musik, die sehr tanzbar ist, aber gleichzeitig außerordentlich gut im Kopfhörer funktionert. Als ich das erwähne, strahlt Axel Willner und sieht sehr zufrieden aus. Er erwidert, dass genau dies sein Ziel sei: ”Die Samples stammen alle wie gesagt aus ziemlich pompösen Liedern, die emotional sehr anspruchsvoll sind. Nachdem ich sie aber durch meine Vorgehensweise gefiltert habe, sind sie nicht mehr so anspruchsvoll. Ich hoffe immer, dass ich sie leichter gemacht habe, denn was ich machen möchte, ist Musik, die eigentlich kaum wahrnehmbar ist. Oder besser gesagt: eine Musik, die immer zwischen Wahrnehmbarkeit, zwischen Vordergrund und Hintergrund pendelt. Als Zuhörer soll man dazu tanzen, zu Hause intensiv zuhören können oder die Musik einfach vergessen. Sie soll wie Ambient im Hintergrund anwesend sein, ohne zu viel zu erfordern.

De:Bug: Das klingt ein bisschen wie Brian Enos Ambientkonzept: dass Ambient wie ein Parfüm im Zimmer spürbar und vorhanden sein soll, aber nicht weiter bemerkbar.

Axel: Nun ja, das ist jedenfalls mein Wunsch. Meine Art von Techno ist hoffentlich sehr ansprechend und behaglich. Gleichzeitig darf es nicht allzu anonym werden. Sie soll ja auch Interesse anregen, und ich wäre sehr froh, wenn sie auch so herüberkommt.

De:Bug: Ambient scheint ein wichtiger Einfluss zu sein?

Axel: Ich stehe voll auf Ambient und das war schon immer so. Mein Interesse für elektronische Musik hat mit ”Little Fluffy Clouds” von The Orb angefangen und bis heute finde ich eigentlich Ambient unübertroffen. Natürlich mag ich auch harten Techno, zu dem ich stundenlang schwitzend auf dem Dancefloor tanzen kann, aber eigentlich war es für mich immer wichtiger und schöner, im Bett zu liegen und Ambient zu hören. Das bringt mir mehr. Klingt vielleicht lächerlich, aber was kann ich dafür? Nach The Orb habe ich Warp entdeckt und heute mag ich am meisten, was Wolfgang Voigt mit seinem GAS-Projekt veröffentlicht hat. Das ist wahrhaftig zeitlose Musik mit einer immensen Bedeutung für mein Leben. Klimek und Ulf Lohmann sind andere persönliche Favoriten. Auf Kompakt zu releasen, ist natürlich eine große Ehre, denn ich war immer sehr beeindruckt von dem Label, vor allem die mehr ambienten Sachen.

The Field mag harmonisch schwebend klingen. Seine Musik als Ambient einzustufen, wäre aber nicht völlig korrekt. Dazu ist sie immer zu tanzbar und Richtung Dancefloor orientiert. Live bietet The Field eher eine vorsichtig explosive Stimmung, die einzigartig klingt. Axel hat Angst, dass seine Tracks zu weich und emotional sind, um richtig gut in Clubs zu funktionieren. Gleichzeitig ist er kein Anfänger auf der Bühne und weiß, dass immer getanzt wird. Von der Stockholmer Clubszene hält er aber nicht viel: ”Die Clubkids in Stockholm sind voll mit ihrem Aussehen beschäftigt. Man muss eben sehr schick und cool aussehen, und das gefällt mir nicht. Techno muss mehr underground sein. Ich hasse Fotografen im Club, denn dann konzentrieren sich die Leute nicht auf die Musik. Im Ausland und bei kleineren Veranstaltungen ist das viel besser.”

Wir sitzen in Axel Willners Wohnung im südlichen Teil von Stockholm und trinken Sierra Nevada Pale Ale. Axel arbeitet Teilzeit für “Systembolaget”, die staatliche Ladenkette, in der man im bürokratischen Schweden Alkohol kaufen kann. Sein Interesse für alkoholische Getränke ist nicht zu übersehen, er spricht fast genauso viel von seinem Lieblingsbier, Champagner und Weißwein (Sauvignon Blanc) wie über seine eigene Musik. ”Ich mag natürlich Kölsch”, sagt er und grinst, ”aber Ale ist viel besser.” Plötzlich klingelt es an der Tür. Axel öffnet die Tür und dort stehen drei ernste Männer von der TV-Gebühreneinzugszentrale. Nach ein paar Minuten kommt er wieder ins Zimmer. Bleich und enttäuscht teilt er mit, von nun an fürs Fernsehen bezahlen zu müssen: ”Scheiße! Das ist schweineteuer und außerdem schaue ich sowieso fast nie fern. Ich mache entweder Musik oder hänge in Second Life rum. Fernsehen finde ich scheißlangweilig.”

Wer aber in Schweden einen Fernseher besitzt, muss Lizenz bezahlen. Bürokratisch eben. Um sich zu beruhigen, legt Axel die Nadel wieder auf die Vinylplatte. ”Königsforst” von GAS ertönt im Zimmer, Axel trinkt einen Schluck von seinem Bier und sieht wieder zufrieden aus. Ambient und Bier sind eben sehr gut dazu geeignet, jemanden wieder froh zu machen.

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Elektronische Lebensaspekte.