Wer würde es nicht vermissen, das Lieblingsobjekt aller Spießerhasser und Mobilitätsfanatiker? Das deutsche Eigenheim wird in der Uncoolitäts-Skala vielleicht nur noch von zwergenbeschmückten Schrebergärten getoppt, aber irgendwie geht es nicht ohne. Eine kurze Geschichte des deutschen Eigenheims als notwendigem Cocooningtool und seinen gemeinen Tücken.
Text: Johnnie Stiehler aus De:Bug 67

In Deutschland – so will es das Werbefernsehen – gibt es Menschen, denen zum Thema monatliche Wohngebühr mit fünf Buchstaben nicht viel einfällt. Das sind Menschen, die der Wohlstand mit aller Härte getroffen hat und die nachts besser schlafen, weil Scholle und Besitzer sich dann nahe sind. Bitte nicht lachen. Das ist wahr.
Das Haus, die Wohnung, der Grund, der Garten der dazugehört, die Garage und der Teich sind DAS tiefgreifend emotional verbindende Stück deutscher Kultur und Nation, umso mehr, wenn man das Wort “mein” davorsetzen kann.
Depression ist in Deutschland immer untrennbar mit dem Auszug aus dem Eigenheim-Paradies verbunden, mit dem Verlust dessen, was typisch ist für dieses Land: Cocooning, das warme Einigeln, die handwerklichen Pflichten in Garten und Keller, das zufriedene Kontrollieren der selbst angebrachten Dachziegel nach dem Herbststurm.
Form ist Leere – also ist Leere auch Form sagen die Japaner. Das wird in der Abwesenheit der Form der Eigentumswohnung, des Hauses und der damit verbundenen Handlungsspielräume, Erinnerungen und des darin gelebten privaten Lebens besonders schmerzhaft deutlich.
Seltsamerweise ist der Erwerb von Grundeigentum in Deutschland immer mit einer Option des Wegnehmens verbunden, sofern der Preis nicht gezahlt wird. “Sofortige Zwangsvollstreckung in das gesamte Vermögen” heißt das auf Amtsdeutsch. Schlitzohrige Anwälte und Notare fügen da gern die zusätzliche Klausel vom “Verzicht auf den Nachweis der Fälligkeit” ein, der den Kaufwilligen geradezu nackt dastehen läßt. Nackt und entrechtet zieht der Bundesbürger ins immobile Paradies – und zieht oft auch ganz schnell wieder aus. Meist ebenso nackt.
Warum gerade der Weg zum Grundeigentum mit derartigen Ritualen verbunden ist, lässt sich nur schwer nachvollziehen.
In Krisenzeiten – so lässt sich leicht schlußfolgern – steigt die Zahl der Zwangsvollstreckungen bei Immobilien schnell an. Und so ist es auch. Nach Hochrechnungen der UNIKA GmbH aus Köln sind allein im Jahr 2002 über 40.000 Immobilien-Zwangsversteigerungen durchgeführt worden – 1999 waren es noch knapp 34.000. Das sind auch 40.000 geplatzte Träume von Sicherheit, Anerkennung und Privatheit.
Die schnell wachsende Zahl zahlungsunfähiger Eigenheimbesitzer ruft Hyänen auf den Plan, die aus der Unglücksmasse ein gutes Geschäft machen. “Starker Zuwachs der Immobilien in der Zwangsversteigerung – Gute Zeiten für Schnäppchensucher” – so bewirbt die UNIKA GmbH aus Köln ihr Angebot einer bundesweiten Datenbank – den Zahlenfriedhof gebrochener Lebenswege. Angefangen hat man dort vor zehn Jahren mit dem lustigen Titel “Zwangsversteigerung aktuell”.
Aber auch Internet-Riesen wie Yahoo haben sich über entsprechende Partner den Zugang zum Tagebuch des Enteignungs-Ritual verschafft, dem online verfügbaren Zwangsversteigerungskalender, der offensichtlich entsprechende Klickraten hervorruft, denn den gibt es auf jeder gut sortierten Zwangsversteigerungs-Site. Bei Yahoo kann man in Datenbanken nach immobilen Zwangs-Schnäppchen suchen, bei Amazon gibt es Tips zur Schnäppchenjagd im Amtsgericht und etliche hundert Kleinsites widmen sich dem Trend zur Enteignung.
Schon seltsam: Ganz offensichtlich ist der Grunderwerb eine extrem riskante Idee, denn wie käme es sonst zu dieser Masse von Zwangsversteigerungen? Es ist ein echtes Lemming-System: Bodenlos zukunftsgläubig verschuldet man sich bis auf die Socken, dann geht alles nicht nach Plan und bleibt auf jeden Fall ein dickes Minus. Dem folgt die Zwangsversteigerung, Menschen werden unglücklich und schon geht der ganze Zirkus von vorn los.

Wo bleibt da die Logik?
Irgendwie hat die ganze Sache einen bitteren Beigeschmack und das Aasgeierfeeling sollte einem eigentlich die Lust auf die Schnäppchenjagd verhageln. Aber die Zeiten, in denen sich ethische Ansichten in praktischem Handeln niederschlagen, hat es ja ohnehin nur in Büchern und in der Vergangenheit gegeben.
Fakt ist aber, dass die gesellschaftliche Resteverwertung von Unternehmen und damit unmittelbar verbundener sozialer Institutionen ein Art eigener Industrie hervorruft. Unternehmensinsolvenzen, Zwangsversteigerungen von Immobilien und private Insolvenzen sind Wachstumsbereiche mit zweistelligen Zuwachsraten. Das damit verbundene nationale und kulturelle Element, das langfristig planbare und sozial sichere Leben in der sozialen Marktwirtschaft – abgesichert durch Haus- oder Wohnungseigentum – ist auf dem Weg in die Tonne.
Verschwindet diese Form der Sicherheit, dann verschwindet auch das Bürgerliche aus der Bundesrepublik Deutschland und das typische private deutsche Leben verliert seinen Handlungsspielraum.

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Elektronische Lebensaspekte.