Frischer Nahostwind
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 151

In Mecklenburg-Vorpommern ist mit 3000 Grad, Voltage, SAT, Acker Records, Night Drive und weiteren Labeln in den letzten zehn Jahren eine der aktivsten Szenen in Deutschland gewachsen, die ihren ganz eigenen Charakter hat, ihre eigenen Festivals, darunter nicht zuletzt das Fusion, und mit Decks Records die größte Plattendistribution in Deutschland. In und um Rostock haben wir die umtriebigen Protagonisten The Glitz, Schäufler & Zovsky und Mollono.Bass getroffen, die alle gerade neue Alben releasen, um die Geheimnisse des Bundeslandes zu ergründen, in dem die Menschen großflächig verteilt leben und dennoch eng zusammenhalten.

Wenn man von einer Szene spricht, meint man normalerweise die einer Stadt. Den berühmten “Sound einer Stadt”. Den Zusammenhalt innerhalb dieser örtlich begrenzten Community, in der jeder jeden um die Ecke trifft, und die Sound-Ideen sich quasi per Mundpropaganda verbreiten. Vielleicht denkt man auch an die Szene eines Genres. In Mecklenburg-Vorpommern ist das anders.

Die Szene ist groß, aber weit verteilt. Wohnt in Dörfern, deren Namen nicht selten auf “ow” enden. Man fährt gerne mal 100 Kilometer mit dem Auto zur nächsten Party. Club-Hopping führt hier mindestens über endlose Landstraßen. Dem Zusammenhalt schadet das überhaupt nicht. Aber auch musikalisch geht es nicht um diesen einen Sound. Eher um ein Sound-Gefühl. Eines, das die Weite der Gegend mit einschließen kann. Kein Wunder, dass Dub irgendwie immer auch eine Rolle spielt. Formatdenken, Genre-Fetischismus, Club-Scheuklappen, fundamentale Einseitigkeit, das alles hat hier keinen Platz, weder auf den Partys oder den Festivals, noch auf den Labeln. Ausdifferenzierung bis ins kleinste Detail, wozu?

Glück im Erdloch
Es ist kein Zufall, dass die Festivals hier “Fusion” oder “Kommt Zusammen” heißen. Mecklenburg-Vorpommern, das ist eine Weite, die aus den Differenzen heraus Freundschaften entwickeln kann. Und gerne zieht man auch zusammen rum. Wie auf der Wanderzirkus-Tour, auf der die Label der Region den Rest der Nation mit einer Art von surrealem Zirkus umspannen, auf dem der Dancefloor auch schon mal mit einer Polka und Feuerjongleuren rocken kann.

Auf unserer kleinen Reise ins diesig verfrorene Rostock, das man nicht wirklich das Zentrum von Mecklenburg-Vorpommern nennen darf, auch wenn es die größte Stadt weit und breit ist, kommen wir an den diversesten Geburtsstädten von Musikern, Labeln und Festivals vorbei. Da rechts geht’s zur Fusion, der gewaltigsten Ferienkommunismus-Kommune an der Müritz, hier links nach Plau am See, wo der Ostwind pumpt und bläst, dahinter verbirgt sich Deutschlands größte Vinyl-Metropole in Parchim bei Decks Records. Überall rings um die A19 Wasser, Seen und am Ende das Meer.

Andreas Henneberg – ein Teil von The Glitz, aus Berlin – ist hier schon durch Schneeverwehungen gebrettert. Natur, manchmal auch die romantische Variante, ist an diesem Ort keine Sehnsucht, sondern sitzt einem immer auf der Nase, ist der natürliche Raum, in dem die Clubkultur hier stattfindet. Und das findet sich immer in der Musik wieder, den Harmonien, den Melodien, dem offenen Ansatz und natürlich den Covern. Auf dem von Mollono.Bass sucht Ronny im Friesennerz in einem Erdloch nach dem Glück, auf dem Schäufler&Zovsky-Album ist ihr Heimatort, die Liebesinsel in Mirow, zu sehen.

Strandspaziergang
Rostocker Stadthafen. Ein verlassener, monströser Parkplatz im Winter. Selbst die boomende Backfischindustrie scheint Winterpause zu haben und auch die Stadtrundfahrten haben keine Lust, Eisbrecher zu spielen. Im Winter wird sich hier eingebuddelt und für den Sommer gesammelt. Hier wohnt Daniel Nitsch von The Glitz, der wie alle in der Gegend seine Finger in vielem hat.

Im Label Voltage Musique, das er unter anderen mit Henneberg und Marquez Ill macht, aber vor allem auch im “Kommt Zusammen”-Festival, dessen Vorbereitungen für Ostern auf Hochtouren laufen, und hier im Stadthafen über drei Tage 12 Orte besetzt. Zum Mecklenburg-Vorpommern-Techno-Stammtisch kommen langsam in Kleinstwagen angetrudelt: Ronny Mollenhauer aka Mollono.Bass von Acker Records, Kombinat 100, 3000° und Sandro Schäufler vom Kollektiv Ost & Zovsky, die auch Simple As That (SAT) Records machen. Und last but not least Stephan Witzovsky von Schäufler & Zovsky. Alle releasen in diesen Tagen ein Album.

Und wie es sich gehört verlassen wir erst mal Downtown Rostock – in dem das Kneipen- und Cafés-In-Viertel knapp zwei kleine Straßenzüge umfasst – und tuckern über die Landstraße nach Warnemünde, um uns über einen Strandspaziergang vom Stasi-Hotel Neptun zu Ulrich Müthers Teepott angemessen für ein paar Portionen Bratheringe anzufrieren. Und festzustellen, dass hier alles irgendwie auf eigene Weise verzahnt ist. Henry und Ronny machen zusammen mit zwei anderen Kombinat 100. Alle sind in der 3000°-Booking-Agentur, in der Ronny arbeitet und die obendrein als 3000° Records auch das Glitz-Remix-Album und Schäufler & Zovskys “The Village” rausbringt.

Debug: Was sind für euch wichtige Stationen in der Entwicklung der Musik in Mecklenburg-Vorpommern?

Daniel: Für mich war die Pocketgame 01 ein ganz wichtiges Ding. Was Releases betrifft, war das ein Auslöser. Man hat gemerkt, dass auch Leute aus Mecklenburg-Vorpommern einen Hit landen können. Danach ist Voltage gestartet, Ostwind und ein paar mehr.

Ronny: Die Zeit war für uns alle wichtig. Wir hatten vorher nur mit Maschinen gearbeitet. Und der Sound war am Ende einfach noch nicht reif für Platte.

Daniel: Mittlerweile haben die Label aus unserem Kollektiv alle auch einen ganz eigenen Charakter, Acker Records und Acker Dub, SAT, Ostwind, Funkwerkstatt mit Superfancy Records, wir mit Voltage, André von Night Drive Music mit seinen fünf Labeln, das sind eigentlich ganz schön viele.

Andreas: Da spielt auch noch die Nähe zu Decks Records eine Rolle, denn das sind ja alles auch Vinyl-Label.

Ronny: Mir war es überhaupt immer wichtig, in Mecklenburg eine Vernetzung zu betreiben. Zu sehen, wer engagiert ist und gut, wer Substanz hat.

Daniel: Das Netzwerk hat uns alle auch professioneller gemacht. Wir sind Kollegen und Kritiker. Außerdem können wir Veranstaltungen auf einem höheren Niveau machen.

Ronny: Wir wohnen zwar alle weit voneinander entfernt, ich etwa 150 Kilometer von hier, aber für Mecklenburger Verhältnisse ist das nicht viel.

Stefan: Wenn du hier aufgewachsen bist, planst du eine Stunde Fahrt einfach bei allem mit ein.

Ronny: Ohne die Musik wären wir gar nicht zusammengekommen.

Andreas: Ich hab Daniel kennengelernt, als ich gerade einen Internetanschluss bekommen hatte. Ich habe mich direkt in einem Techno-Forum angemeldet und einen Tag später war er meine erste Internet-Bekanntschaft. Und dann haben wir auch gleich ein Label gegründet, vor fast neun Jahren.

Ronny: Ich hab vor acht Jahren meine erste Veranstaltung gemacht. Und in Mecklenburg macht man nicht nur Club, sondern gleich auch Jugendkultur, weil es einfach nicht mehr viel anderes gibt. Und es laufen die ganze Generationen durch unsere Veranstaltungen. Die meisten gehen später weg, nach Berlin oder Hamburg, aber letztendlich prägt man sie.

Andreas: Wenn ihr in Berlin eine Veranstaltung macht, habt ihr eine ganz schön große Fangemeinde.

Ronny: Klar, die kommen immer wieder zurück zu den Jungs, mit denen sie musikalisch groß geworden sind. Man muss auch immer bei den jüngeren Leuten gucken wer nachkommt, das hält uns alle frisch.

Daniel: Wir haben auf dem ”Kommt Zusammen“-Festival jetzt auch das erste Mal Workshops für DJs und Produzenten. Weil wir ein bisschen Angst haben, dass der Nachwuchs sonst ausstirbt oder in die Disco-Ecke abrutscht. Und Jugendclubs gibt es ja kaum noch, in denen standen früher immer zwei Technics und ein Mixer, wenn auch eher HipHop-orientiert.

Stephan: Schuld ist eine Gesetzesänderung, nach der die Kommunen und nicht mehr das Land die Sozialarbeiter finanzieren müssen. Und die Kommunen haben dafür kein Geld.

Debug: Wann ging es in Mecklenburg-Vorpommern eigentlich los mit elektronischer Musik?

Ronny: Bei uns in der Gegend war das so ´94. Die Älteren in der Dorfgemeinschaft sind immer nach Berlin gefahren, in den Tresor oder ins E-Werk. Irgendwann hat es dann eine Eigendynamik entwickelt. Aber es war immer sehr eigen hier, total tolerant. Wir haben stets versucht über Techno und House alles zu spielen und keinen Starrsinn zu entwickeln.

Daniel: Du hast immer einen breiten Bogen, der sich über die ganze Nacht spannt ohne die sogenannte Subkultur zu verlassen. Wir hatten auch immer so ein Hopping. Eine Woche Gerberei Schwerin, dann Papierfabrik in Burg Stargard in der Neustrelitz und die Woche drauf Mau Club in Rostock. In Güstrow kam später noch André Kronert von Neurotron, Night Drive Music und 3rd Wave hinzu. Und mit seinem neuen geheimen Projekt ist er auch wieder ganz vorne.

Stephan: Ich bin ja merklich der jüngste in der Runde und war mit 13 auf meiner ersten Fortschritt Party von Ronny in Lärz. Etwas später bin ich mit dem Fahrrad zu meiner ersten Fusion geradelt, durch den Wald, und dann über den Zaun geklettert. Da wusste ich überhaupt nicht was los war.

Sandro: Du konntest entweder Nazi werden oder zu uns kommen.

Stephan: Bei uns ist auch toll, dass es nicht so teuer ist. Ich musste mir trotzdem immer gut überlegen zu welcher Party ich gehe. Und für die Fusion hab ich ein halbes Jahr gespart.

Daniel: Hier ist auch einfach mehr Luft zum atmen. Wo du feierst, bleibst du einfach auch mal das ganze Wochenende.

Ronny: Bei uns hast du immer zuerst die Kultur, in Berlin immer zuerst das Business. Es gibt natürlich auch hier die ein oder andere eher mafiöse Veranstaltung und bei Schwerin noch die Überreste der Raveszene, wo Marusha heute noch auflegt. Wir waren alle immer eher deep, minimal, House-orientiert. So richtig harte Techno-Sachen haben nie gepasst.

Daniel: Wenn man richtig harte Sachen machen will, dann bekommt man Probleme mit dem Publikum. Man möchte ja auch auf keinen Fall, dass Nazis kommen.

Ronny: Genau aus dem Grund hab ich es immer gescheut, harte Musik zu machen. Da haben wir bewusst gegengesteuert, absichtlich früher Schluss gemacht, damit die, die hart auf Drogen sind, woanders hingehen. Mit Thor-Steinar-Klamotten kommt man bei uns sowieso nicht rein. Wir fangen jetzt manchmal auch mit richtigen Bands an. Mecklenburg klingt anders als Großstadt. Lieber Harmonien als industrielle Strukturen, mit Instrumenten arbeiten.

The Glitz Remixed erscheint am 4. April auf 3000° Records

Schäufler & Zovsky “The Village” ist am 14. März 3000° Records

Mollono.Bass “My Hidden Playground” erscheint Ende April auf Acker Records

19 Responses

  1. thomas wendt aka dj benno

    Ich liebe diesen Bericht. Und es stimmt das wir hier sehr vernetzt sind. So auch ich springe mit unseren djs and friends von location zu location und jeder weiß immer wo wir sind.

    Greetz Benno

  2. Mecklenburger

    So ein Quark.
    McPomm ist musikalisch sehr viel mehr als das hier Be- und Geschriebene. Fängt bei einer jahrelangen und sehr lebendigen Clubinstitution wie der Gerberei in Schwerin an, welche nicht umsonst in einer damaligen d2000 von Claus CB Bachor zum besten Club Deutschlands gekürt wurde, biegt kurz nach Wismar ab, wo Kollektiv Turmstrasse ihren Ursprung haben, geht weiter zu den Bittersweet-Veranstaltungen im südlichen Landesteil, ist in Rostock – wo nun wirklich von Väth über Bodzin zu den Wighnomys und Steve Bug oder M_nus und Berghainbrigade irgendwie alle schon mal gespielt haben, wo auch tatsächlich in oben verpöhnten industriellen Hallen gefeiert wurde und wird (legal & halblegal) – sehr stark ausgeprägt, vielseitig und weniger ländlich, erstreckt sich weiter bis nach Stralsund und Greifswald mit den dortigen Protagonisten/Label.

    “Mecklenburg klingt anders als Großstadt. “? Nein, Mecklenburg ist genauso vielseitig wie jede andere Region auch. Und das ist gut so. Denn die Reduzierung auf “deep, minimal, House-orientiert …. Lieber Harmonien als industrielle Strukturen, mit Instrumenten arbeiten.” endet in “fundamentale(r) Einseitigkeit..”

  3. parallaxe

    @Mecklenburger

    Wenn man davon ausgeht, dass Ronny an der Stelle von den U-Ground Parties redet, stimmt es allerdings wieder sehr genau was er sagt und ich finde die Entwicklung nicht schlecht. Auch wenn einige Landjugendliche erstmal ungläubig schauen, wenn sie eine Live Dubstep-Band sehen. 😉

  4. Mecklenburger

    @parallaxe

    Ist ja auch richtig. Und der Ronny kann und soll da auch gerne weitermachen, auch weil es der Vielfalt guttut.
    Aber: man sollte dies (seitens der De:Bug) nicht als DEN mecklenburger Sound hier und damit ja der interessierten Öffentlichkeit darstellen. Zitat: “Mecklenburg-Vorpommern-Techno-Stammtisch” (Moment. Techno?). Das wird der gesamten Region nämlich so gar nicht gerecht. Und nicht zuletzt gibt’s die Musik von Acker, SAT, VMR und co so oder so ähnlich auch auf anderen Labels, so dass eine musikalisch stilistische Verortung in die Region ebenfalls nur teilweise bzw. gar nicht passt.

    Allerdings bin ich auch nicht ganz so dumm, um nicht gemerkt zu haben, dass es hier ja eigentlich um Promoarbeit für anstehende Releaes geht… 😉

  5. Uschi

    Ich muss ehrlich sagen, dass der Artikel und vor allem das Interview der sehr vielfältigen elektronischen Szene in MeckPomm und Rostock in keinster Weise gerecht wird.

    Vor allem verstehe ich den Zusammenhang zwischen elektronischer Szene und Nazis nicht. Die Kommentare bewirken nichts Gutes. Weder für die Stadt noch für die hier von den Herrschaften beschriebene Szene.

    Besonders der Satz: “Du konntest entweder Nazi werden oder zu uns kommen.” Stößt auf.
    Als ob man in Rostock nur zwei Optionen haben würde. Nazi oder bei “uns”! Wobei immer noch zur Frage steht, was mit UNS gemeint ist. Nach dieser Bewertung bin ich wohl ein Nazi, obwohl ich mich als Mitglied der Szene sehe. Aber das UNS, das hier beschrieben wird, klammert einen Großteil der Leute aus, die die Szene seit Jahrzehnten ausmachen.

    Da hat man die Chance Größe zu beweisen und zeigt das was MeckPomm und Rostock schon lange nicht mehr ausmachen: Kleinkariertheit!

  6. Christopher

    Also, ich sehe das nicht ganz so. In meinen Augen haben gerade Acker-Records und Ostwind schon einen speziellen Sound und sie haben auch gerade Künstler aus MV auf ihren Labels. Das war für viele schon das Sprungbrett. Kollektiv-Turmstrasse hatten z.B. auf Ostwind auch einen großen Clubhit.
    Der Artikel bezieht sich auch nicht auf Rostock und auch nicht ausschließlich auf die Gegenwart sondern auch oft auf die Vergangenheit und ganz MV…z.B. “und war mit 13 auf meiner ersten Fortschritt Party” oder Ronny redet über 1994. Daniel erzählt sogar von der Gerberei, Burg Stargard usw. Und ich denke in Rostock spielen Nazis in der Clubszene überhaupt gar keine Rolle. Wie das in Ostvorpommern ausschaut kann ich aber nicht sagen. Ich denke, da muß man die Aussagen der dortigen Veranstalter&DJs schon nicht unterschätzen.
    Generell freue ich mich, dass die De:Bug auch mal über unsere Leute berichtet und sehe da überhaupt gar keine Kleinkariertheit. MV raus in die Welt!

  7. Marcel

    @ uschi

    man kann sich auch an bestimmten sachen aufhängen 😉

  8. gerome

    quote: Du konntest entweder Nazi werden oder zu uns kommen

    hardest decision ever!11 könnt mich nich enttscheiden, welches das größere Übel is…. *lulz*