Henrik Schwarz, Dixon und Åme. Mit der Vergangenheit in eine bessere Zukunft
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 130


The Grandfather Paradox

Mit ihrer Compilation “The Grandfather Paradox” bringt das Quartett aus Åme, Henrik Schwarz und Dixon die Minimal-Dogmatiker in Wallungen. Wieso maßen sich diese House-Gralshüter an, die Minimal-Definition umzustoßen? Die vier Musikfanatiker haben gute Gründe, wie sie im Interview erklären.

Schnee fällt auf den ehemaligen Berliner Mauerstreifen. Dann läuft Rainald Goetz an uns vorbei. In den Neunzigern hatte er enthusiastisch über die ravende Gesellschaft geschrieben und ist mit Westbam um die Welt gezogen. Heute trägt er, ganz bürgerlich, einen schön gewickelten Schal zu dunklem Mantel. Wir winken. Er lacht und winkt freundlich zurück. Wir warten auf Frank Wiedemann und Kristian Beyer (zusammen Âme), Henrik Schwarz und Dixon. Die vier haben in der Nacht zuvor als Innervisions Orchestra gespielt. Es war ein unfassbar schöner Abend, wird Henrik Schwarz später erzählen. Einer, der ihm wieder deutlich gemacht hat, wie toll das alles eigentlich ist … die Musik, die Leute, das Zusammensein.

Mit ihrem Label ”Innervisions“ setzten die vier in den letzten zwei Jahren immer wieder musikalische Standards. Sie haben mit ihren Veröffentlichungen den Sound auf den Tanzflächen wieder in Richtung House gedreht, weg vom sturen Minimal Techno. “Reij” von Âme war dabei eines der wichtigsten Stücke elektronischer Tanzmusik der letzten vier Jahre, wegweisend in der perfekten Zusammenführung von klassischen Techno-Sounds mit den feinen emotionalen Schwingungen von House. Und ob es Henrik Schwarz mit dem grandiosen Remix des Coldcut House-Klassikers “Walk a mile in my shoes”, seinem Beitrag zur DJ-Kicks Reihe oder dem wegweisenden Live-Album oder Dixons Kompetenzen als ewig stilvoller, deeper DJ-Dandy sind, die vier Männer von Innervisions veröffentlichen nicht einfach nur Platten, sie prägen und formen elektronische Musik gerade entscheidend.

Um das umzusetzen, muss man Musik ernst nehmen. Sie wissen, dass Musik nicht einfach nur eine Frage von Sound, Rhythmus und Melodie ist, sondern immer auch eine der Haltung. Es geht um Verantwortung, Würde und die Verpflichtung, elektronische Musik weiterzudenken und so lebendig wie möglich zu halten. Diese Aufgabe vernachlässigen viele ihrer Kollegen. Sie geben sich früh zufrieden, ruhen sich auf standardisierten Sounds aus, kopieren sich gegenseitig bis zur Schamlosigkeit, veröffentlichen Platten im Stundentakt. Raushauen, was das Zeug hält, in den Neunzigern war das eine nachvollziehbare Strategie, die Musik, die so aufregend neu aus den Maschinen strömte, war es tatsächlich: neu und aufregend. Das ist elektronische Musik immer noch, aber sie muss sich keine Anerkennung mehr erkämpfen. Das sollte man verinnerlicht haben, wenn man sich heute als Produzent, Hörer und Labelbetreiber in dieses Erbe einreiht. Battery-Presets in Ableton zusammenzimmern, reicht einfach nicht mehr. Man muss als Musiker doch denken, dass man etwas Besonderes macht, mit dem man eine Lücke schließt oder einen Sound weiterentwickelt. Die Musik und das Talent reifen lassen, stärker auf Originalität achten. Âme benötigen gerne mal ein gutes Jahr für eine neue Platte. Sie hätten ihren Hit “Reij” wiederholen können und dadurch noch mehr Platten verkauft. Sie wollten es nicht. Es fühlte sich für Frank und Kristian nicht richtig an.

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Diese Haltung setzen sie mit ihrer neuen CD fort. Den Mix ”The Grandfather Paradox“ kann man als eine Hommage an die minimalistische Musik der letzten 50 (!) Jahre lesen. Stücke des klassischen Minimal-Komponisten Steve Reich, der Elektroniker von ToRococoRot, des Detroit-Techno-Produzenten Robert Hood und des Ethno-Jazzers Yusef Lateef verweben sie mit neuen eigenen Beats. ”Drei Laptops, ein Riesenmixer, sechs Hände am Keyboard, vier Hirne, die denken, und das alles in Echtzeit“, sagt Henrik. ”Es ging uns in erster Linie um die Freude an der Musik, wie sich die Musikgeschichte da plötzlich zusammenfügt, diesen DJ-Moment.“

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Der Mix klingt nicht bildungshuberisch oder konzeptionell bemüht. Dennoch steckt in der Musik ein Anliegen: Was heute Minimal Techno genannt wird und trotz House-Revival immer noch die Tanzfläche beherrscht, passt den Herren von Innervisions überhaupt nicht. Ihnen fehlt bei vielen Kollegen und Clubbesuchern das Bewusstsein über die reiche Geschichte der minimalen Musik, die weiter zurückreicht, als der zeitgenössische Minimal Techno uns glauben lässt. Ein Bewusstsein, dass im Techno auf so selbstverständliche Art musikalische Pop- und Hochkultur, afro-amerikanische Musiktradition und deutscher Synthesizer-Futurismus zusammenfanden, dass dieses Massenphänomen Techno auf einmal im Einklang mit der Avantgarde, ja, die Avantgarde selber war. Musikalität bedeutet heute, mit eben dieser Vergangenheit produktiv umzugehen, im Sinne einer Intuition, die aus dieser gelernten, gelebten und verstandenen Musikgeschichte schöpft.
Der Titel “The Grandfather Paradox” ist angelehnt an ein Stück von X-102, ein frühes Projekt der Detroit-Legenden Jeff Mills, Mike Banks und eben Minimal-Urvater Robert Hood. Das so genannte Großvater-Paradox beschreibt aber auch ein Problem der Physik: Wenn man in der Zeit zurückreist und seinen Großvater umbringen würde, dann würde man nicht existieren. Man kann also die Vergangenheit nicht ändern, wäre die Schlussfolgerung, und Zeitreisen sind im Grunde nicht möglich. Aber auch: Man kann seiner Geschichte nicht entkommen. Überträgt man das alles also auf die Platte von Henrik, Kristian, Frank und Dixon, so könnte man sie so verstehen: Nur mit einem Bewusstsein über die Vergangenheit geht es in eine bessere Zukunft.

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Henrik Schwarz trifft in seinem schweren BMW-Kombi als erstes zum Termin ein. Er wirkt trotz der letzten Nacht frisch, schließlich musste er sich am Morgen schon um seine kleine Tochter kümmern. Die anderen folgen kurze Zeit später per Taxi. Nach dem Fotoshooting sitzen wir endlich in der warmen Wohnung gleich um die Ecke und reden. Es sollte ein langer Nachmittag werden.

Ist die Tanzfläche noch der Maßstab der Dinge für euch oder wird der musikalische Wert an sich für euch wichtiger?

Dixon: “The Grandfather Paradox” ist nicht im klassischen Sinne Clubmusik, es ist eine Platte über Clubmusik.

Henrik: Wir suchen darauf nach einer Musik, die musikalischer ist als vieles, was gerade im Techno produziert wird.

Dixon: Aber es geht nicht um Musikalität im Sinne von Live-Instrumenten. Wenn Künstler, die eigentlich aus der elektronischen Musik kommen, auf einmal in ihren Live-Sets ein Saxophon, einen Percussion-Spieler oder einen Bassisten einsetzen, kann das sehr bemüht wirken. Man verleugnet damit seine musikalische Herkunft. Techno ist seinem Wesen nach Computer- und Sample-basierte Musik.

Was ist das Minimal in Techno für euch?

Henrik: Ein Stück von Robert Hood zum Beispiel besteht eben wirklich nur aus vier changierenden Elementen. Mit diesen extrem begrenzten musikalischen Mitteln hat er fantastische Musik geschaffen. Heute reiten viele Produzenten auf einer schablonenhaften Soundästhetik rum, ohne die zu hinterfragen oder weiterzudenken.

Eure Minimal-Begeisterung wundert mich fast ein wenig. Man denkt immer, ihr bezieht euch in erster Linie auf House.

Kristian: Aber da kommen wir her! Die erste Platte, die ich mir gekauft habe, war ”Internal Empire“ von Robert Hood.

Henrik: Versteh uns nicht falsch: Wir wollen keine Oberlehrer sein! Die Platte ist ein Angebot oder ein Hinweis, dass man tiefer in der Musikgeschichte graben kann, dass Minimal Techno viele spannende Großväter hat. Außerdem steht auf der Platte ja auch ”minimalistic“ und nicht ”minimal“. Die Unterscheidung ist extrem wichtig.

Inwiefern?

Henrik: Für mich ist das wie der Unterschied zwischen modernem R’n’B und Rhythm and Blues. Zu Robert Hoods Zeiten gab es den Stilbegriff noch nicht, da war das alles einfach Detroit Techno.

Das Konzept minimalistischer Musik hält sich extrem lange. Warum ist das so?

Frank: Weil man als Hörer im Rhythmus, in den Harmonien immer wieder neue Details entdecken kann. Man ist aktiv an der Musik beteiligt, gerade weil sie so offen ist. Das Robert-Hood-Stück, das sich auf der Platte befindet, läuft auf 45 und nicht auf 33. Ich habe es aber mein Leben lang auf 33 gehört, und es hat trotzdem wunderbar funktioniert.

Henrik: Minimalistische Musik spannt Riesenräume auf, und je spartanischer ein Stück ist, desto mehr Projektionsfläche entsteht. Das Genre ist meiner Meinung nach längst nicht ausgeschöpft.

Kristian: Minimal Music, wie die von Steve Reich, war für mich immer eine coole Form der Hochkultur.

Henrik: Genau. Aber das gilt nicht nur für Steve Reich, sondern auch für Techno. Der Club ist für mich ein Schmelztiegel, in dem alles zusammenkommt. Hoch- und Popkultur. Im Club zu stehen, hat für mich immer bedeutet, an der absoluten Frontkante der Avantgarde zu sein. Du kannst durchgeknalltesten Scheiß machen und die Bassdrum holt es auf den Boden. Musikalität im Club bedeutet für mich genau das, ein Öffnen von neuen Räumen, theoretische, aber auch ganz unmittelbar sinnliche.

Kristian: Musikalität bedeutet aber nicht Virtuosität. Das Genie ist doch schon lange abgeschafft.

Henrik: Nein, um Himmels Willen. Es geht nicht um Handwerk. Virtuosität im Spiel ist irrelevant. Soli sind immer noch der Feind. Ich meine damit eine gedankliche Perspektive. Vielleicht ist unsere Sicht auch mittlerweile verstellt, weil sehr viele Leute heute in der Lage sind, Musik zu machen. Dadurch entsteht eben auch mehr Unfug.

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Man kann ja auch sagen, das Potential ist vorher nicht ausgeschöpft worden. Das passiert aber jetzt, weil der Zugang zu Produktionstools viel zu einfach geworden ist.

Dixon: Ich weiß nicht. Heute gibt es vielleicht vier richtig gute Künstler anstatt zwei, aber dafür steigt ja auch die Zahl der Veröffentlichungen. Es ist dadurch viel schwerer, das Gute zu finden. Die Risikobereitschaft geht im Techno zunehmend verloren. Du kannst den Leuten auch mal etwas Schräges, Unerwartetes anbieten. Etwas riskieren.

Nach 15 Jahren im Clubkontext schleichen sich unweigerlich Routinen ein. Man bewegt sich in einem Feld, das mehr oder weniger ausdefiniert ist, das man vielleicht selber mitdefiniert hat. Wie geht ihr damit um?

Henrik: Es gibt immer wieder so Momente wie gestern Abend. Es war so toll. Die Stimmung total positiv. In diesen Momenten entfaltet die Musik für mich wieder eine enorme Inspirationskraft. Das ist doch wie beim Fußball, man muss sich zwanzig schlechte Spiele anschauen, um ein richtig gutes zu sehen. Aber wegen dieses einen Spiels schaut man doch überhaupt Fußball. Man muss arbeiten, sich noch mehr Mühe geben, um aus der Masse herauszustechen. Irgendwann wird man schon belohnt. Das spornt einen doch auch an!

Frank: Es kann aber auch nicht darum gehen, das Rad ständig völlig neu zu erfinden. Wenn man in die Kunstgeschichte schaut, dann ist es natürlich so, dass man das Gefühl hat, die Schritte, die wir gerade machen, werden immer kleiner und unbedeutender. Aber trotzdem sind es eben Schritte. Die beschleunigte Wahrnehmung durch die Medien und vor allem das Internet führen dazu, dass man denkt, es gäbe eine Stagnation.

Kristian: Die Zeit ist kein Filter mehr. Wir sind bei Paul Virilio, dem Geschwindigkeitsphilosophen! Merkt ihr’s? (lacht) Virilio sagt, die Geschwindigkeit führt zur Apokalypse, weil wir uns selbst überholen. Wir kommen nicht mehr hinterher und verlieren den Halt. Die Persönlichkeit, die Seele bleibt auf der Strecke, weil die Welt immer schneller wird.

Dixon: Ganz konkret gesagt: Früher hat es drei Jahre gedauert, bis etwas aus London zu uns rübergeschwappt ist, heute braucht es nur einen Wimpernschlag.

Ist es eine Entwertung des Kulturproduktes, dass man weniger dafür tun muss, sich nicht mehr so intensiv darum bemühen muss?

Dixon: Des Produktes nicht, aber des Prozesses. Man bekommt vieles sofort vors Auge gehalten. Man kann es nicht mehr richtig erschließen, ist gar nicht in der Lage, es richtig zu verstehen, weil man kurze Zeit später mit dem nächsten vermeintlich Neuen konfrontiert ist.

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Wie kriege ich die Hörer dazu, sich die Zeit zu nehmen?

Henrik: Wir reisen kreuz und quer durch die Welt und begegnen trotzdem immer wieder denselben Gesichtern. Einige Leute beschäftigen sich intensiv mit unserer Musik und schränken ihren Horizont ganz bewusst ein. Ich glaube, die Mühe, die man heute aufwenden muss, ist, an den Ort zu reisen, an dem etwas passiert. In einen Club, zu einer ganz bestimmten Zeit. Man überhöht diesen Moment, zelebriert ihn, macht was ganz Großes daraus. So ähnlich war das bei mir damals auch. Ich bin extra nach London gefahren, um mir eine ganz bestimmte Pressung einer Sun-Ra-Platte zu kaufen, für die ich dann 150 Euro auf den Tisch gelegt habe. Heute klingt das fast lächerlich, denn du hast die gesamte Sun-Ra-Diskografie in einer viertel Stunde auf dem Rechner. Aber den Moment im Club, den musst du erleben, den kann man sich nicht runterladen.

Kristian: Natürlich steckt auch in der Technik eine Philosophie, eine Magie. Irgendwas, das einen berühren kann. Nur was? Und wie wird das dann in Zukunft funktionieren, frage ich mich?

Henrik: Wo ist der 18-Jährige, der uns vom Hocker haut? Der auf alles scheißt, der sich für Tradition nicht interessiert, der sich eine gecrackte Ableton-Version aus dem Netz zieht und uns alle wegpustet. Den wünschen wir uns doch seit Jahren.

Aber müsste es nicht eigentlich jemand sein, der uns empört. Über den wir sagen, dass das, was er macht, eigentlich keine Musik ist.

Henrik: New Rave hatte da Potential. Das nervte ziemlich.

Dixon: Nein, New Rave war wirklich schrecklich, musikalisch viel zu kalkuliert. Ich glaube, wir würden das Potential dieses Typen erkennen und ihn mit offenen Armen empfangen.
Aber als junger Musikbegeisterter hat man es heute auch nicht leicht. Man muss mit MySpace und Facebook klarkommen und dem riesigen Musik-Archiv, das auf einen einstürzt. Man hat kaum mehr Geld für Platten. Denn das braucht man für das Handy, den Computer, die Playstation.

Kristian: Wir haben uns früher He-Man-Figuren gekauft.

Frank: Hast du wirklich?

Kristian: Na klar, Masters of the Universe. Ich habe das kombiniert mit Lego und Playmobil. Der He-Man hat in der Lego-Ritterburg gewohnt. Vielleicht ist das Handy der neue He-Man.

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Elektronische Lebensaspekte.