Wie begann das eigentlich und wie spezialisierte sich das aus mit den Gitarren und der Elektronik im Knurpschelmitsinglager, sprich Indietronics? Wir referieren 20 Jahre Musik auf des Übersehens Schneide.
Text: sascha kösch & thaddi herrmann & jan joswig aus De:Bug 53

indietronics

Sicherlich irgendwo Indie
Auf der Suche nach dem historischen Faden zwischen Elektronik und DIY

Die Geschichte von Indietronics, so rigoros sind wir jetzt mal, lässt sich entlangverfolgen an einer historischen Figur. Stilgeschichte als Individualgeschichte. Wir folgen dessen Fährte und rekapitulieren die wichtigsten Eckdaten eines Genres, dessen Protagonisten noch auf ihre Chronisten warten. Also jetzt, Ladies and Gentlemen: Als einer der Godfathers von Indietronics soll hier ausgerufen werden – Martin Hennett. Hennett produzierte in kurzer Folge Northern Protopunk wie Joy Division (1978), White Funk wie A Certain Ratio (1979, was eine erste große antiimperialistische Musikachse Manchester-New York aufmachen sollte), Weicheiimpressionisten-Gitarrengedaddel mit Stil wie Durutti Column (1980, der im gleichen Atemzug durch seine Belgienvorliebe eine Art Reeuropäisierung der Musik vertreten konnte) sowie das, was man als Zusammenfassung dieser drei Bereiche gelten lassen könnte und gleichzeitig einen der wichtigsten Posten für die Aneignung des Produktionsmittels Drummachine darstellt, New Order 1981. Andere wie Throbbing Gristle mit der Glorifizierung von Disco mitten im anarchischsten Experimentalindustrialpornsekten-Umfeld oder Kunsthochschulverlierer wie Cabaret Voltaire (die später als Sweet Exorcist die Clonks einläuten sollten), Wire (die dann beim ~Swim Label wiederauftauchten) trugen diese Entwicklung vor der endgültigen Ablösung von Punk durch Elektropop mit.
Ab Depeche Mode, OMD (auch von Hennet produziert), Human League, Yellow Magic Orchestra usw. hätte dann eigentlich alles klar sein können. Es gab Anfang der 80er eigentlich gar keine Berührungsängste mit elektronischer Musik. Weder in England noch im Plan-strukturierten Deutschland von DAF, Palais Schaumburg, Pyrolator usw., die noch dazu auf Kraftwerk als Mensch-Maschinen Urväter zurückblicken konnten. Doch dann starb diese Vorliebe für elektronische Tanzmusik nicht nur in den Charts aus ähnlich ungeklärten Gründen wie die Dinosaurier aus. Und auf dem Schutthaufen der Geschichte landeten die letzen Zöpfchen, Dauerwellen, und elektronische Musikinstrumente wurden gleich hinterhergeworfen. Wo sie natürlich von den notorisch Unterbemittelten der Bedroomarbeitergeneration nur zögerlich wieder aufgegriffen wurden (merke: die Halbwertzeit von Haarspray ist relevant höher als die der Hörgewohnheiten). Indie als Nachfolge des DIY Modells von Punk stand vor allem erst mal etwas betreten im Rampenlicht.

Let there be the Whimp

Der Whimp wurde geboren, der ewige Shoegazer. Die Schule von C86 mit Primal Scream (ja, schon hier, aber noch ohne Andrew Weatherall-Mix) oder The Wedding Present: mit Gitarre, Bass, Schlagzeug, Gesang und einem Taperecorder zum Olymp. Aus der Elektropop-Phase hatten in Europa eigentlich nur ein paar Moogs überlebt (geheiligt durch Benutzung schon vor der Phase der komplett diskreditierten Fairlights, Linndrums und anderer elektronischer Hochrüstungsphantasien), die Unterhaltungselektronik durfte ihr Unwesen nur dort treiben, wo man Elektropop aus verschiedensten Gründen fast nur als Hörer mitbekommen hatte, im schwarzen Amerika. HipHop und Indie schlossen sich mehr oder weniger komplett aus. Kulturell wie musikalisch. Die Punkausläufer wie Sonic Youth usw. hingegen hatten plötzlich die ansonsten eher seit Jahren britisch orientierte Szene in England allein auf Grund anderer musikalischer Sozialisation (Velvet Underground, Stooges) besser im Blick. Experimentell sein hieß im besten Fall: Gitarren umstimmen können. Und im Laufe der Entwicklungen der 80er Jahre sollte selbst Big Black Gründer und Chicago-Ikone Steve Albini irgendwann (89) die Drummachine aufgeben. Er verkaufte sie vermutlich an post Napalm Godflesh Grindboxer Broadrick (heutzutage bei Techno Animal). Martin Hennet jedenfalls produzierte vorsorglich schon mal 1986 die erste Stone Roses Single, die Spacemen 3 führten schnell die Drogen wieder in das ubiquitäre Jingle Jangle der 86er Generation ein und lieferten mit ihren 60er Hippieretrovisionen die ersten Vorläufer für die kommende Ravegeneration, während sämtliche Arbeiter an der Casiofront sich mit gutgemeinten Indie-Chanson-Neubelebungen nur knapp über Wasser hielten. Deutschland dankte nach dem unaufhaltsamen Abstieg der Neuen Deutschen Welle erst mal elektronisch und auch sonst trotz einiger tapferer Kämpfer komplett ab, was ihnen die Neueröffnung von MTV-Konkurrenz VIVA mit einem recht nationalistischen Anspruch dankte.
Unbeachtet hatte sich in dieser ganzen elektrolosen Zeit über Europa in Amerika nun allerdings House entwickelt, was uns wieder schnurgerade nach Manchester zurückführt. Mit Joy Division im Kopf und leeren Fabrikhallen in der Innenstadt erfand man den regnerischen Norden als Madchester komplett neu und scheuchte die Inspiral Carpets gemeinsam mit Paul van Dyk auf eine Bühne. Absurd, aber in Ordnung. Und mitgemacht haben auch alle. Bei uns zumindest auf der Rezipientenseite. Und weil Engländer ja Rocker sind, fiel das auch nicht schwer, sprich: die Tourbusse quälten sich über die Autobahnen und wir guckten, gekleidet in lange weite T-Shirts, in bunte Moonflower-Lichter. Dann passierte eine Weile gar nichts, jedenfalls in den Indieclubs, weil Techno alles zudeckte und das bei uns doch sauberer getrennt wurde als auf der Insel. Bis alle auf dem letzten Loch hechelten. Die Indieaner, weil sie nichts anderes kannten, und die Elektroniker, weil, doch, wahrscheinlich weil sie auch ein bisschen älter geworden waren und Platten zwischen allen Stühlen plötzlich aus allen Presswerken flogen. Lasst euch von diesem Zeitraffer hier nicht verwirren, wir sind mittlerweile weit in den 90ern und haben den Spacerock (Gitarrenwand und Oscillator) mal einfach ausgelassen, weil es den ja auch immer gab. Vielmehr denken wir an Labels wie Warp, die sich die Lorbeeren, das, worum es hier auf den nächsten Seiten geht, initiiert zu haben, zwar nicht einstecken können, doch aber mit ihrer massiven Präsens und Künstlern, die in Interviews plötzlich über alles mögliche redeten, nur nicht über Elektronik, den Weg für Indietronics bereitet haben. In komplett elektronischen Studios wurden plötzlich wieder Mikros aufgestellt, Mouse On Mars spielten zur 303 Schlagzeug und die Vertreter der akustischen Fraktion riefen ihre Ravefreunde an, um sich endlich das mit der Elektronik erklären zu lassen. Eine breite Fraktion an Bands und Projekten mit Adidas Campus und Cubase (siehe Listen Seite 14 und 18) begibt sich seitdem auf die Suche nach einem zeitgemäßen Folk, der die Gitarre aus ihrer Antiquierung, die Elektronik aus dem Club und die Poesie fürs 21. Jhdt. rettet. Von Martin Hennett können sie sich dabei nicht helfen lassen. Hennett stirbt 1991. Wir rücken näher an den Kamin und summen alle Lautmalereien, die mit “kn…” beginnen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.