Steve Poindexters legendäres Label Muzique ist zurück. Acht Jahre nach dem Tod seines Partners Armando trommelt er gemeinsam mit Jamal Moss die alten Helden wieder zusammen und bastelt an der Renaissance von Chicago-House.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 94

The House of Muzique // Steve Poindexter

“Work That Mutha Fucker!” Neben “Jack your Body!” gibt es wohl kaum eine andere atemlos ausgespuckte Aufforderung zur Entgrenzung, die den Vibe von Chicago-House so mit der puren physischen Intensität des damals noch jungen Sounds verbindet, so sehr zu seiner Chiffre geworden ist und ihn damit für alle Zeiten definiert hat, wie dieses Sample von Steve Poindexters größtem Hit. Das war 1990 und Muzique, das Label von Armando und Steve Poindexter, war mit dem ersten Release schon zum Klassiker geworden. In den folgenden vier Jahren folgte eine überschaubare Anzahl weiterer Maxis, denen man allen ohne mit der Wimper zu zucken dasselbe Prädikat verleihen kann. Einige Zeit später erkrankte Armando an Leukämie und starb kurz darauf. Damit schienen auch bei Muzique endgültig die Lichter auszugehen. Aber jetzt, acht Jahre nach Armandos Tod, soll ein neues Muzique-Kapitel und damit auch ein neues Kapitel für Chicago-House aufgeschlagen werden. Zusammen mit Jamal Moss, der sich als Mädchen für alles um den reibungslosen Ablauf dieses Projektes kümmert, hat Steve Poindexter tief in den Archiven gewühlt und in akribischer Fleißarbeit einiges zu Tage befördert. Grund genug, Steve zu seinen Plänen zu befragen.

Wie kam es dazu, Muzique wieder ins Leben zu rufen?
Steve Poindexter: Nachdem Armando 1997 plötzlich gestorben war, wurde ich gefragt, ob ich Muzique nicht weiter führen wollte. Ich fing erst mal damit an, die alten Masteraufnahmen wieder aufzutreiben. Vor allem von den unveröffentlichten Sachen. Damit hab ich ziemlich viel Zeit verbracht. Einige waren gestohlen, verloren oder kaputt. Von anderen gab es nur noch Kopien auf Kassetten. Mit den Kopien sind wir dann ins Studio und haben sie soundmäßig so weit aufgepäppelt, wie es ging, und haben davon neue Master gemacht. Jetzt ist alles soweit fertig. Es wird neues und unveröffentlichtes Material auf Muzique geben. Und Remixe von alten Klassikern.

Du bist einer der wenigen erfolgreichen frühen Produzenten aus Chicago, die weder bei Trax noch bei DJ International veröffentlicht haben. Wie kam das?
Steve Poindexter: Ja, die meisten sind zu Trax und DJ International gegangen. Damals, so 1985, war ich vor allem DJ und hab noch nach einer geeigneten Plattform für meine Tracks gesucht. Ich kannte Jesse Saunders und Vince Lawrence ganz gut, da ich mit ihnen manchmal auflegte, und bekam mit, was sie durchmachten. Ich wusste sofort, dass ich darauf keine Lust hatte. Also hab ich gewartet und bin kurz darauf Armando in die Arme gelaufen. Wir haben es dann auf eigene Faust durchgezogen. Teilweise haben wir auch mit Gherkin, eins von Larry Heards Labeln, zusammengearbeitet. Und später dann mit Dance Mania. Ich traf Larry Sherman ein paar Mal auf unseren Mental-High-School-Parties, aber er hat nie Tracks von mir bekommen. Er hat mir dann angeboten, A&R bei Trax zu werden, was ich auch eine Zeit lang gemacht habe. Als meine Platten dann rauskamen und ich genug Kontakte hatte, habe ich gekündigt, um mein eigenes Ding zu machen.

Von wann bis wann warst du A&R bei Trax?
Steve Poindexter: Lass mich überlegen (grübelt) … von 1989 bis 1992/93 etwa. Ich habe damals Paul Johnson, Glenn Underground und Roy Davis zu Trax geholt. Alles Freunde von mir.

Die Deals bei Trax sind berühmt dafür, dass sie die Künstler übervorteilten. War das zu deiner Zeit dann anders?
Steve Poindexter: Nein, nicht wirklich. Das war ein ruffer Deal. Man bekam sein Geld meist bar im voraus. Danach dann aber oft gar nichts mehr. Die meisten Leute wussten, was da abgeht, und sind trotzdem das Risiko eingegangen, abgezogen zu werden. Manche wollten auch einfach nur, dass ihre Tracks veröffentlicht werden, in der Hoffnung, dass sie einen Deal in Europa an Land ziehen konnten.

Europa ist ein gutes Stichwort. Du hattest immer einen guten Draht nach Europa …
Steve Poindexter: Ja. Saskia von Djax-Up lizenzierte ”Work That Mutha Fucker“, als ich noch bei Trax arbeitete. Ich erzählte meinen Kumpels davon und versprach ihnen, dass ich versuchen würde, ihnen auch einen Deal mit Djax-Up zu besorgen. Die Jungs in Chicago vertrauten mir und gaben mir Demos, die ich dann weitergeschickt habe. Und die meisten Sachen, die ich Saskia empfahl, mochte sie auch.

Hast du noch Kontakt zu Djax-Up?
Steve Poindexter: Nein, ich hab schon lange nicht mehr mit Saskia gesprochen. Ich habe nie Veröffentlichungsgeld von ihr bekommen. Ich weiß aber, dass sich die Platten verkauft haben. Deswegen hab ich den Kontakt abgebrochen und eine Publishing Company beauftragt, nach meinem Geld zu suchen.

Wann warst du das erste Mal in Europa?
Steve Poindexter: Sechs Monate nachdem ich von Djax-Up gesignt wurde, bin ich auf Europa-Tour gegangen. Ich glaube, das war 1991. Zehn Länder. Wir wurden behandelt wie Stars, wurden im Mercedes durch die Gegend gefahren und haben auch noch Geld verdient. Auf meiner ersten Tour bin ich mit 7000 Dollar nach Hause geflogen. Armando war schon vor mir in Europa gewesen und hatte mir erzählt, dass unsere Musik in Europa viel ernster genommen wird, dass die Leute unsere Musik schätzen und lieben.

Gab es jemals die Idee, aus den von dir gerade erwähnten Gründen wie Bam Bam oder Marshall Jefferson nach Europa zu ziehen?
Steve Poindexter: Es sind einige nach Europa gegangen: Rush, Felix da Housecat, Robert Owens. Für mich war das damals kein Thema. Außerdem habe ich ja meine Immobilienfirma mit meiner Verlobten. Wir kaufen alte Häuser auf, renovieren sie und verkaufen sie dann wieder. Ich pendel lieber zwischen Europa und Chicago.

Was machen die anderen Chicago-Veteranen wie Farley Jackmaster Funk heutzutage? Es scheint, als ob sich da zur Zeit wieder einiges rührt.
Steve Poindexter: Das letzte Mal, das ich mit Farley gesprochen habe, war er dabei, eine Eventagentur für Oldschool-Partys auf die Beine zu stellen. Alle anderen sitzen rum und warten darauf, dass irgendwer die Tür wieder für sie öffnet. Ich kann nur sagen, dass Jamal und ich dabei sind (lacht). Aber die meisten sind entweder zu faul oder zu ängstlich, um ihre Musik selbst wieder rauszubringen. Sie richten sich immer noch nach Trax Records, geben ihnen ihre Musik oder die Erlaubnis, ihre alten Sachen wieder zu veröffentlichen. Dabei hätten sie das heutzutage überhaupt nicht mehr nötig. Es gibt so viel gutes Material. Gute Platten. So langsam vertrauen uns eine ganze Menge Produzenten und geben uns Tracks. Wir versuchen, den Markt wieder für unsere Leute zu öffnen. Wir können die Sachen jetzt selbst pressen lassen und in die Läden bringen. Hardwax kümmert sich weltweit um den Vertrieb, und sie machen ihren Job bis jetzt sehr gut. Wir werden uns jetzt alles zurückholen. Es selbst in die Hände nehmen.

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Elektronische Lebensaspekte.