Raus aus dem Popgeschäft und rein in die einzigartige Mischung von zufriedener Traurigkeit, die nur Akkordionspieler entwickeln können, die This Mortal Coil hören. Das Duo The Late Cord setzt mit nur fünf Stücken einen neuen Anfang.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 104


Jenseits des inneren Schweinehunds
The Late Cord

Kleine Lobhudelei gefällig? “The Late Cord” ist die beste Band der Welt, obwohl sich John-Mark Lepham und Micah Hinson wahrscheinlich noch gar nicht daran gewöhnt haben, als Band zu gelten. Eigentlich haben beide genug mit ihren anderen Projekten zu tun. Lapham spielt bei der englischen Indie-Band “The Earlies”, Hinson releast folkige Soloplatten. In Texas lernten sie einander vor ein paar Jahren kennen, tauschten Loops, trafen sich in einem Keller, in dem es außer Musik nur die Gerüche eines mexikanischen Fastfood-Restaurants oben drüber gab, und entwickelten ihre ersten Stücke, die jetzt als Mini-Album auf 4AD erscheinen. “Lights From The Wheelhouse” krönt den erneuten Aufstieg des renommierten Labels der letzten Jahre und droppt, zum ersten Mal berechtigt, die Über-Metapher “This Mortal Coil”. Die drei Alben der 4AD-Allstar-Band veränderten damals die Welt, The Late Cord macht genau da weiter. “Ich war auf der Suche nach einer Möglichkeit, mich aus diesem überkandidelten Pop-Geschäft zurückzuziehen”, erzählt John-Mark. “Ernst gemeinten Gefühlen freien Lauf lassen, nicht mehr cool sein zu müssen … das ist die Idee des Wheelhouse, einem dieser erfundenen Orte, an denen man zu viel über sich selbst erfährt. Hat man seinen inneren Schweinehund überwunden, ist ein solcher Ort eine Quelle unglaublicher Inspiration.”
Mit lediglich fünf Stücken müssen wir zunächst Vorlieb nehmen, fünf Stücke, die stark und einzigartig genug sind, um eine alte Umzugskiste mit CDs voll zu machen und sie auf die Straße zu stellen. Weg mit dem Ballast, auf zu neuen Ufern, diesem perfekten Moment, in dem Traurigkeit nur positiv besetzt ist und sich mit einer endlosen Ruhe mischt. Derweil klettern Lapham und Hinson ganz nach oben in ihr Wheelhouse, pfeifen Seemanns-Melodien, spielen Akkordion und Kinderklavier, hebeln nebenbei den finnischen Tango aus den Angeln und bauen ihr ganz eigenes Universum. “Als ich Micah zum ersten Mal traf, hörte ich ihn singen und war hin und weg. Es war genau diese Mischung aus Traurigkeit und einer unbeschreiblichen Zufriedenheit. Da wusste ich, dass ich unbedingt mit ihm arbeiten wollte. Es ist genau diese Stimmung, die unsere erste Platte beherrscht, vielleicht wird die nächste aber ganz anders. So ein Wheelhouse hat viele Fenster, die man aufstoßen kann.” Völlig egal, welche Etage des Wheelhouses auf der nächsten Platte geöffnet wird, die Songs des Mini-Albums kreisen wie ein Heiligenschein über uns und beschützen uns an Tagen, an denen der Himmel zu laut und die Wände zu grell sind.

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Elektronische Lebensaspekte.