"Wie verhalten sich eine Klarinette und eine verzerrte Gitarrenwand zueinander?"
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 142

Die amerikanischen The National klingen so New York wie nur Interpol zu ihrer besten Zeit. Den Durchbruch erlebte die Band zusammen mit und auch durch den Wahlsieg von Barack Obama. Und obwohl sie kein bisschen so klingen, sind sie trotzdem die gelebte Antithese der Indie-Romantik. Screengazing ersetzt Shoegazing.

“Am Anfang sind unsere Songs voll bis obenhin, als hätten sie von der ersten Idee an konsequent Fett angesetzt. Dann stecken wir ihnen den Finger in Hals und lassen sie den Ballast wieder auskotzen. Dabei brüllen wir uns an und kündigen uns gegenseitig die Freundschaft auf. Sind die Songs dann rank und schlank, vertragen wir uns wieder und die Platte ist fertig.” Achtung, Borderline! Matt Berninger, Sänger von The National, würde niemals so explizit den Alltag seiner Band beschreiben, dazu ist er viel zu gut erzogen und außerdem zu müde. Zusammen mit dem Songschreiber Aaron Dessner sitzt er in der Lobby einer Berliner Luxus-Herberge und lässt die Journalisten ihre Fragen stellen.

In Deutschland ist man spät dran mit dem Hype um die Band, da muss schnell gehandelt werden. Die Geschichte stimmt aber. Berninger und die vier anderen Mitglieder der Gruppe, zwei Brüderpaare (Aaron und Bryce Dressner, Bryan und Scott Devendorf), kämpfen bis aufs Blut, wenn es um die Fertigstellung einer neuen Platte geht. Und nach “Boxer”, dem letzten Album, waren sich alle nicht sicher, ob sie diesen schmerzhaften Prozess noch einmal durchstehen würden. “High Violet”, das neue, fünfte Album, beweist das Gegenteil. Zum Glück! Welchen Grund hätte man sonst, dem Indierock die erste Lobhudelei 2010 auf den Leib zu schneidern. Das Geheimnis der Band: nichts neu erfinden, sondern einfach alles nur besser machen. Von Grund auf. Viel melancholische Euphorie, die richtige Prise Stadion-Attitüde, große Texte, vorgetragen im mitreißenden Bariton.

Ein schlichtes Konzept, eigentlich, aber doch von keiner anderen Band im Moment so perfekt umgesetzt. Dazu kommt natürlich das einzigartige Songwriting. Und das ist auf “High Violet” noch besser als auf “Boxer”, dem Album, mit dem die Gruppe endgültig den Durchbruch schaffte. “Für uns ist die neue Platte schon eine Art Neuanfang, ein Abschied von Techniken, die unseren Sound bislang bestimmt und geprägt haben. Weniger Finger-Picking auf der Gitarre! Ganz wichtig. Aber auch mein Part hat sich geändert. Ich schreibe Lyrics generell immer zur Musik, nie trocken. Dieses Mal aber habe ich versucht, erst eine gute Melodie zu finden, die ich dann später vertextet habe. Außerdem war uns wichtig, alle Komponenten unserer Songs noch stimmiger miteinander zu vermischen. Wir setzen Sounds nicht ein, um einen bestimmten Effekt zu erzielen, eine Stimmung zu verstärken. Das muss man erstmal zusammenkriegen: Wie verhalten sich eine Klarinette und eine verzerrte Gitarrenwand zueinander, wie kann diese Mischung Sinn machen?”

Der Skandal daran: All das entscheidet The National nicht etwa zusammen im dunklen Proberaum, sondern über das Netz. Matt wohnt in Brooklyn, die Brüderpaare immer noch in Ohio. Skizzen werden ausgetauscht, Runden gedreht mit dem iPod, neue Fragmente in den Heimstudios aufgenommen, wieder auf den Server gestellt. “Das ist auch der Grund, warum unsere Songs immer so viel Fett ansetzen … wir fügen einfach immer noch etwas dazu”, sagt Matt, der sich übrigens mittlerweile von den beiden Pärchen wie adoptiert fühlt. Und dann gehen die Kämpfe über die Bühne und dann ist die Platte fertig. “The National” ist die gelebte Antithese der Indie-Romantik. Gemeinsam sind wir stark? Vielleicht, aber bitte nicht jeden Tag. Screengazing ersetzt Shoegazing. Wozu muss man denn mit den anderen Musikern Sixpacks trinken, wenn es ProTools gibt?!

Bei “The National” ist nicht der Weg das Ziel. Das ist viel zu klar definiert und der Weg dahin hat sich bewährt. Denn: “Boxer” war ein Hit, hat sich allein in den USA rund 200.00 Mal verkauft, der Track “Fake Empire” wurde immer wieder von Obamas Medienberatern für die Präsidentschaftskampagne eingesetzt. Obwohl es der Band eigentlich gar nicht Recht ist, vor einen politischen Karren gespannt zu werden. Nach acht Jahren Bush aber ging es nicht anders. Die Republikaner bezeichnet Matt als “the dark side” und “psychotic fanatics”, die Entscheidung von Obama, “Fake Empire” zu verwenden, als “deep”.

Solche charismatischen Songs finden sich auch auf “High Violet” zu Hauf. “Runaway” zum Beispiel wogt im gemächlichen, fast schon Balladen-artigem Tempo und es sind genau solche Texte, die die großen Gefühle des Lebens wieder greifbar machen, die Fäuste wie automatisch in die Höhe schnellen lassen und uns teilhaben lassen an etwas, das aus unserer Wahrnehmung fast vollständig verschwunden ist. Es wird Zeit, die kleinen Tragödien des Alltags nicht länger zu ignorieren. Wir brauchen mehr Hymnen.

“High Violet” ist auf 4AD/Indigo erschienen.

http://www.4ad.com
http://www.americanmary.com

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