JETZTSCHAU
Text: Dominikus Müller aus De:Bug 168

new_aesthetic

Eine neue Jetzt-Ästhetik zelebriert die Nabelschau des Heute: unbedingt digital, grotesk verpixelt und schrecklich diffus. Hauptsache der Krampf einer Dekade Retrozwang löst sich endlich.

Das Neue hatte in den letzten Jahren keine gute Zeit. Man denke nur an Simon Reynolds wehmütigen Klagegesang in Retromania. Reynolds hatte in diesem Buch auf Hunderten von Seiten der Popkultur das Abhandenkommen einer positiven Idee von Zukunft angekreidet und auch im Gang durch die jüngere Geschichte nur noch Rückwärtsgewandtes entdeckt. Aber: Das war letztes Jahr. Im Windschatten der Trauer über all die utopisch gebliebenen Jet Packs, künstlichen Intelligenzen und visionären Zukunftsszenarien, staute sich zunehmend die Lust auf Neues. Und 2012 ist der Damm dann eben gebrochen. Menschen springen inzwischen ja auch aus 40 Kilometern Höhe durch die Schallmauer. Ganz ohne Jet Pack.
Passend dazu waberte 2012 eine neue Ästhetik durch die Blogs, Tumblrs, Ausstellungsräume und Clubnächte, eine Ästhetik, die zuallererst dadurch gekennzeichnet ist, sichtbar auf der Höhe der Zeit sein zu wollen – und weder nach vorne noch nach hinten gucken möchte, sondern ins Jetzt. Unter dem Schlagwort einer “New Aesthetic”, wie es der Tech- Blogger James Bridle propagiert und wie es auf einer Konferenz beim SXSWFestival in Austin, Texas erst angeschoben und dann von Bruce Sterling mit einem großen Rundumschlag in The Atlantic endgültig aufs nächste Hype- Level gehoben wurde, lässt sich eine ganze Menge verstehen. Im Zentrum aber steht die Frage nach einer “Computer Vision”, nach dem Blick durch die Augen digitaler Maschinen. Algorithmen und Datenstrukturen, Glasfaserkabel, Touchscreens, Benutzeroberflächen und soziale Netzwerke, Gesichtserkennung, blinkende Online-Werbung und bewegte GIFs, Drohnen, Videotelefonie, QR-Codes, Augmented Reality, Kartendienste, Streetview-Fotografie und so weiter und so fort haben in der letzten Dekade alles umgekrempelt und dieser Prozess geht – gerne vollautomatisiert – auch weiter und weiter. Maschinen sehen, Computer handeln. So scheint es zumindest. So möchte es die Rede von der “New Aesthetic”. Man kann darin getrost den Versuch erkennen, nach all der kulturpessimistischen Retro- Introspektion der letzten zehn Jahre zumindest ein bisschen kapieren zu wollen, wie sich die Welt in dieser Zeit eigentlich verändert hat. Das Bild, das man sich von ihr macht, soll endlich auf die Höhe seiner technischen Rahmenbedingungen gebracht werden. Darum geht es hier in all der Diffusität, die einer Frage dieser Größenordnung anhaftet.

Kalter Schmutz
Das pixelige Camouflage-Muster auf Rihannas Uniform aus “Battleship”, das sich auf dem Filmplakat so wunderschön mit den Spritzern des Ozeans überlagert, gehört genauso zur JetztÄsthetik wie das dichte Bildergeflecht auf Tumblrn wie Hyper Geography, die aus Abbildungen von iPhones, Pflanzen, Avataren, Steinen und Kristallen eine seltsam ornamentale und fast organische, stets aber kühle Oberfläche kreieren. Es geht um die seltsamen Perspektiv-Verschiebungen, Glitches und Pixelunfälle in zusammengesetzten Straßenansichten, um zufälliges CCTVFootage und ganz generell darum, wie das digitale Meer immer weiter aufs Realwelt- Festland schwappt. Wolfgang Tillmans nannte seine diesjährige Ausstellung in der Zürcher Kunsthalle “Neue Welt” und kümmert sich darin nicht nur um die Digitalfotografie, sondern nach Jahren der introspektiven, medientechnischen Selbstausleuchtung der analogen Fotografie plötzlich auch wieder darum, wie man sich ein Bild von der Welt da draußen machen kann. Und das geschieht natürlich stets auf der Oberfläche, abgetastet in hyperrealistischem HD. Andere Künstler bringen morphige PhotoshopÄsthetik in den Ausstellungsraum und bauen Skulpturen, die aussehen wie objektgewordene Glitches. Verschwommene, verruckelte Formen, die auch in der Dreidimensionalität noch seltsam flach und glatt wirken. Wie ein Interface eben. Man muss darin nicht gleich – wie etwa der Wissenschaftler Matthew Battles – die ganz große Nummer erkennen und behaupten, dass die Maschinen, mit denen und durch die wir seit Jahr und Tag kommunizieren (mit all ihren Fehlern, Pixeln und Störgeräuschen) nun tatsächlich beginnen, “in aller Ernsthaftigkeit zurückzuwinken”. Man muss die “New Aesthetic” und ihren offensichtlichen Einbruch des Technischen ins Ästhetische auch nicht mit einer Rückkehr der Avantgarde gleichsetzen und – wie Sterling das teilweise tut – mit dem Futuristischen Manifest vergleichen, in dem Filippo Tomasso Marinetti 1909 die Geschwindigkeit, die Maschine und die Jugend feierte. Es ist interessant genug zu beobachten, wie sich in dieser Verschiebung raus aus dem Retrozwang der letzten zehn Jahre und hinein in die Gegenwart auch noch etwas anderes abzeichnet: dass das Visuelle, das Bildermachen und das Bilderdenken in all seiner reflexiven Kühle dem Intensitätsimperativ der Musik auf erst einmal unabsehbare Zeit den Rang als popkulturelle Leitidee abgelaufen hat.