Sie mischen süddeutschen Holzbläser-Elektro-Indiepop mit amerikanischem Sample-Freakhop - auf himmelhohem gemeinsamen Nenner. Notwist und Themselves finden sich auf “13&God” zur Supergroup der Querköpfe.
Text: Moritz Metz aus De:Bug 91

TwOtwist
The Notwist & Themselves

Bei den besten Begegnungen ist schon nach zwei Sätzen alles klar. So steigt im November 2002 Adam Drucker aka Dose One nach dem Konzert seiner Freakhop-Gruppe Themselves von der Bühne des Münchner Ultraschalls – und wird erwartet vom Notwist-Sänger Markus Acher: “Die Freundschaft begann mit gegenseitigem Fantum: Unsere Platte ‘Neon Golden’ lief dauernd im Tourbus von Themselves – ich wiederum hatte meinen Bandmitgliedern schon lauter Platten von Adams Label Anticon vorgespielt und war auch vom Konzert total beeindruckt. Gleich im zweiten Satz hat er dann gefragt, ob wir nicht zusammen Musik machen möchten!”

Alle vordergründigen Genre-Abgrenzungen beiseite gelassen, beschnupperten sich hier tatsächlich die Richtigen: einerseits The Notwist, bekannteste Formation der Weilheimer Musikszene, deren Durchbruchsplatte “Neon Golden” 2002 Feuilletons wie auch Media-Control-Charts im Konsens-Chor erzücken ließ. So perfekt und dennoch ganz eigen klang Notwists neue Idee von Pop und wurde schnell zur international geschätzten Marke. Andererseits Themselves auf dem Label Anticon aus San Fransisco, das Ende der 90er den Camping-Trailer für verspielt rappende Grenzüberschreitungen in alle musikalischen Himmelsrichtungen bereitstellte – und mit einem überschaubaren Zirkel von Musikern in jedoch fast genauso vielen zusammengewürfelten Projekten oft auf einer Trennlinie herumtanzte, wo alles möglich ist, wo jeder Skeptiker sein Misstrauen schnell mit begeistertem Kopfnicken verabschiedet – dank einem verspielten, zerstörten und hörspielhaften Sound, der weder vor akustischen Instrumenten noch vor Gesang noch irrenhausreifen Textcollagen oder ganz ehrlicher Weichheit zurückschreckt – und allenfalls durch Rhythmus und Sprechgesang daran erinnert, was HipHop einmal war. Auch die Dreierformation Themselves prasselt vor Output-Rundumschlägen, bewiesen auf “The No Music” und auf der Bühne mit einer maximalkreativen Präsenz, an der sich die diesbezüglich eher kautzigen Notwist nur bereichern können: “Adam ist in meinen Augen ein totales Genie, ein hyperaktiver Freak im allerpositivsten Sinne. In jedem Moment sammelt er Eindrücke, lässt sie durch sich durchgehen und spuckt sie wieder aus, in Form von Texten, Bildern, Büchern, Fotos, Aufnahmen. Dax singt, dass mir das Herz aufgeht, spielt die Keyboards. Und Jeff ist die Instanz am MPC und produziert geniale Beats in Minutenschnelle.”

Schnelle Folge der unübersehbaren Verwandtschaft – eine gemeinsame Nordamerika-Tournee im Jahr 2003: “Dies Tour war voller Pannen, aber der Stress hat uns wirklich zusammengeschweißt! Unser Tourbus zum Beispiel war dauernd kaputt – am Ende hat er wegen der Autobatterie zu brennen angefangen, wir saßen drei Tage irgendwo in Kanada fest und mussten die Konzerte in Chicago und Minneapolis ausfallen lassen. Die einzige Firma mit Ersatzbussen hatte gerade alle fünf an Linkin Park vermietet, wo jedes Bandmitglied einen eigenen Bus braucht. Und die einzige einigermaßen nette Gaststätte in dem Ort zierte ein großes Schild mit “Mongolian Couch Tours”. Wir mussten aus der Katastrophe das Beste machen und haben das gemeinsame Album beschlossen”, grinst Markus Acher. Zurück in Deutschland basteln The Notwist zunächst einen Remix für Themselves “The No Music for Aiffs”-Remix-Album, Markus sang auf der Single “Unseen Sights” des Anticon-Urgesteines Alias, und die neuen Freunde schickten immer konkretere Ideen für das neue Album über den Atlantik, bis im Februar 2003 Doseone, Jel und Dax für knapp drei Wochen nach München reisten.

Ein enges Zeitfenster für ein großes Vorhaben, aber: “Eine extrem energiegeladene Art zu arbeiten. Keiner von uns hatte damals Ideen für eine neue Notwist-Platte. Wir waren auf eine Dreier-Kerngruppe aus meinem Bruder Micha Acher, dem Martin Gretschmann von Console und mir zusammengeschrumpft und wollten lieber mit ganz anderen Stimmungen, Sounds und Ideen konfrontiert sein. So war die Arbeit mit Themselves genau das Richtige – trotz der Geschwindigkeit sehr detailliert, ganz intuitiv und unglaublich intensiv! Die setzen sich hin, jeder fängt sofort an Sachen zu suchen, irgendetwas auszuprobieren, mit einer so ansteckenden Energie!” Was man der mitreißend-energetischen 13&God betitelten Platte sehr wohl anhört. Das beginnt sacht mit Songs wie ”Low Heaven”, dessen minimales Klarinettenbett ursprünglich ein Entwurf für den Filmsoundtrack von “Lichter” bildete, den bald ein verstreut klickender Ryhtmus und verzerrte Klaviertöne dekonstruieren und in einem chorstimmigen Gesang enden lassen, in dem auch die Stimme von Lali Punas Valerie Trebeljahr herausklingt. Men of station ist das poppigste der Stücke, die Aussage nennt Markus “aber doch irgendwie einen Punk-Text!” – “We´re men of station – We´re trouble bent just the same – But were not as hell as you” – “Mein grammatikalisch nicht ganz amtliches Englisch tut auch seinen Teil. Adam hat mich sogar noch mehr zu solchen Texten ermutigt.”

Der düstere Megahit mit Gefühl ist Soft Atlas, gleich einem Film ohne Bilder ziehen hier Rapfragmente und Computerstimmen, verhallte Pianos und kanonartige Refrains vorbei und lassen den Hörer nach vier berauschenden Minuten friedlich-verstört zurück. Gerade die oft zersplitterte, eindruckssprühende Assoziationslyrik von Dose One wirkt wie Salz in der warmen Suppe der eingängigen Notwist-Harmonien.

Und der Bandname? “War ursprünglich ein Songtext von Adam, worin es um die Erfahrung geht, 13 Jahre alt zu sein und sich zur Religion verhalten zu müssen: einerseits unter dieser Tyrannei zu leiden, weil Gott ja immer zuschaut – aber mit 13 denkt man sich auch: Ich bin Gott, ich kann die Welt verändern! Das Gute an 13 ist, dass es so viel sein kann – je nach Kulturkreis sagt dir jeder etwas anderes. Einerseits sind Zahlen so nüchtern – andererseits haben sie so viel Bedeutung. Das mag ich total.”

Und wir mögen 13&God. Denn am Ende ist es die ganz eigene Dreigliederung aus warmer Professionalität, kauziger Musik und dem Drang zu dichtgedrängten Gefühlen, die 13&God zweifellos zu einem der schönsten Alben des noch jungen Jahres 2005 macht.

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Elektronische Lebensaspekte.