Alex Patterson hat mit Thomas Fehlmann gerade das disziplinierteste "The Orb"-Album seit 14 Jahren gemacht. Wir unterhalten uns mit dem ehemaligen Squatter und Killing-Joke-Roadie über die alten Zeiten.
Text: Ed 2000 aus De:Bug 97

Der Ambientpunker erzählt

Die schnell wachsende Ravekultur wurde das erste Mal aufmerksam auf The Orb durch die 12″ “A Huge Ever Growing Pulsating Brain That Rules From the Centre of the Ultraworld”, die damals sogar die englischen Charts eroberte und mehr oder weniger das Genre Ambient-House erschuf. The Orb, das waren damals Alex Paterson und Jimi Cautey, der später The Orb verließ, um seine Karriere als zweite Hälfte von KLF weiterzuführen. Davor war Alex A&R bei EG Records, noch früher Roady, Koch und Tour-Manager für Killing Joke. 1991 enterte The Orbs Debutalbum “Ultraworld” die Top 30 der Albumcharts und 1992 war ihre Single “The Blue Room” mit 39 Minuten die längste Single, die jemals in den UK Top Ten war. Und ihr Album “U.F.Orb” wurde auch noch Platz eins.
Ausverkaufte Touren und die obligatorischen rechtlichen Probleme mit dem Plattenlabel folgten. Dann, 1994, erschien “Pomme Fritz”, das nahezu ausnahmslos in Thomas Fehlmanns Berliner Studio produziert worden war, der seit 1995 neben Paterson festes Mitglied des Projekts ist. Zehn Jahre später hat genau dieses Lineup nun ihr neuntes Studioalbum fertig, das unter dem Namen “Okie Dokie Its The Orb” auf Kompakt erscheint. Dazu kommen noch diverse Remixe, Livesets, Compilations und Bootlegs, wie z.B. das ebenfalls im Oktober erscheinende “Orb Sessions Vol.1”, ein Album für The-Orb-Fans mit einer Sammlung rarer und unveröffentlichter Tracks aus dem Archiv.
Ehrlich gesagt bin ich an dieses Interview mit gemischten Gefühlen herangegangen. Es ist speziell, mit jemandem zu reden, für den man seit 1989 immensen Respekt hat, weil man die Platten jahrelang als Fixstern für Afterhour-Sets benutzt hat.
Das neue Album “Okie Dokie” wäre eigentlich, worüber wir reden sollten, aber ich halte mich eher an Frank Zappa, der meinte: “Reden über Musik ist wie Tanzen zu Architektur.” Und das, obwohl das neue Album sehr speziell ist und eine Kohärenz und Tiefe hat, die die feinsten Orb-Momente vielleicht noch übertrifft.

Wie kam The Orb zu Kompakt?

AP: Thomas Fehlmann und ich haben vom ersten Tag an Platten von Profan und Studio One gekauft. Thomas habe ich tatsächlich, glaube es oder nicht, bei EG Records getroffen. Thomas’ erster Gig, bei dem er dachte, “Ich will ein Musiker werden”, war von Robert Fripp. Und so kam es dazu, dass wir irgendwann ein Album mit Robert Fripp gemacht haben. Thomas liebte ihn und ich dachte, das könnte ihm gut tun, aber das wird ein bisschen kompliziert …

Von den “Robert Fripp & The League Of Gentlemen”-Tagen bei EG weiß ich wenig.

AP: Meine Beziehung zu EG geht bis zu deren Anfang zurück. Ich war seit 1979 Roadie von Killing Joke und die waren auf EG. Ich lernte die Leute des Labels kennen und wurde dann Tourmanager, dafür brauchte ich auch ein klein wenig Büroplatz, und so um 83-85 ging ich regelmäßig bei EG ein und aus. Ich hatte alle möglichen Aufgaben und irgendwann sagte ich: “Hey, dieses Roadie-Dasein langweilt mich.” Aber ich hatte nie den Mut in ein Studio zu gehen, obwohl ich, wie das bei Roadies so ist, immer ein paar kleine Bands hatte. Das muss einem Roadie passieren. Ich fragte EG also, ob sie nicht jemanden brauchen, der sich nach neuen Bands für sie umsieht, so einen gab es nicht und sie sagten, Ok, du hast den Job. Das war so um ’85. Nebenbei half ich dann Robert Fripp und Toyah oder Brian Ferry beim Umziehen oder Equipment rumtragen.

Das erinnert mich an den Vibe, der jetzt aktuell auch herrscht, wo man seine Hände wirklich in allem haben muss.

AP: Ja, das gab mir eine gute Basis für alles, was ich jetzt tue. Was ich bei Kompakt sehe, sind Dinge, mit denen ich auch vorher schon gearbeitet habe und von denen ich weiß, dass sie sehr erfolgreich sein können, deshalb bin ich sehr glücklich dort. Auf professioneller Ebene sowieso, aber auch auf musikalischer. Das ist so was wie Glück im Unglück. Eine wundervolle Beziehung.

Das Album hört sich auch so an, als wäre alles am richtigen Platz.

AP: Ja, richtiger Platz, richtige Zeit. Und Kompakt gab The Orb auch so etwas wie Disziplin. Deutsche Disziplin (lacht). Die EPs, die wir für Kompakt gemacht haben, hatten ja solche Namen wie: Kompassion, Komplott, Komfort und wir dachten, es wäre doch amüsant, das Album dann Komplete zu nennen. Als ich das Thomas sagte, klang es ein wenig so, als wär’s das jetzt, als würden wir keine Tracks mehr für Kompakt machen. Und dann sagte er: “Okie Dokie”, und das war dann der Titel. Es ist auch der Name eines Clubs in Neuss bei Düsseldorf, in dem Thomas und ich so um 91 zusammen gespielt haben.

Wenn ihr zusammen produziert … führt diese Disziplin wirklich zu einem kompletteren Album? Ist das mehr ein Gewinn für den Künstler oder hat der Hörer auch mehr davon als bei einer losen Sammlung von Tracks oder einer Art von musikalischem Tagebuch?

AP: Das letzte Album, das mit dieser Disziplin bei The Orb entstanden ist, war “U.F.Orb”. Damals hatten wir uns für einige Monate im Studio eingeschlossen. Ich und Thrash (J. Caulty) damals. Disziplin ist wirklich sehr, sehr gut. Gestern z.B. habe ich mit einem Freund einen Elektropunktrack gemacht, sehr britischer Sound, und das ist auch etwas, was mich stolz macht, aber um so etwas wie Kompakt-Sound zu machen, da muss man sich wirklich reinknien, das kann man nicht faken, und da braucht es Disziplin, um unsere freudigen, ambienten, chaotischen Geräusche zusammenzubringen und sie in kleine Bits aufzusplitten. Von “Kan Kan” ab ist das glaube ich das Beste, was wir seit 10 Jahren getan haben.

Zurück zum Ursprung

Tatsächlich hat mich das Album direkt wieder zurückgebracht zu “U.F.Orb”, weniger was den Klang betrifft …

AP: … sondern wegen der Produktion. Ja. Wir haben das Album über zwei Jahre hinweg produziert. Genau zwei Jahre, denn ich erinnere mich noch, dass ich mir am 9.11. in Berlin einen Stempel in meinen Ausweis habe geben lassen. Ich kam immer montags und bin freitags zurück nach London. In Thomas’ Studio, das er ja in seiner Wohnung hat, ist es, als lebe man für fünf Tage in den Wolken, um dann wieder runterzukommen. Man hat da wenig Kontakt zu anderen Menschen. Ab und an kam mal Gudrun vorbei, freitags, hat sich angehört, was wir so gemacht haben, und es abgenickt. Es war sehr Herren-mäßig unter der Woche, nur er und ich. Thomas mag ja z.B. Jazz, ich nicht, obwohl ich es versucht habe, und ich habe Thomas aufgefordert, mir seine Lieblingsjazzmusik vorzuspielen, nachts um ein Uhr. “Thomas, jetzt hör dir doch einfach mal die Sorte Jazz an, die du hörst, wenn ich nicht da wäre.” Das macht Disziplin mit einem. Es lässt dich aus dir heraustreten und andere Dinge hören. Und ich verstehe immer noch nicht, warum ich keinen Jazz mag, wo es doch so viele Leute gibt, die das mögen. Mein Vater und meine Mutter haben sich in Jazzclubs ineinander verliebt.

Zehn Jahre Zusammenarbeit mit Thomas ist wohl die längste Zeit, die du mit jemandem ausgehalten hast.

AP: Ja, länger als die Beatles. Ich glaube, die einzigen Leute, die sonst so lange zusammengearbeitet haben, sind die Rolling Stones, und das sind Freaks.

Bei allem Respekt, das seid ihr ja wohl auch.

AP: Ja, wir sind Freaks. Und man muss es wohl auch sein. Ich habe damit keine Probleme, ich bin zu allem bereit. Ich feuere aus allen Zylindern, freu mich auf Gigs und mehr Musik. Wir hören nicht auf. Wir werden wohl noch ein Album auf Kompakt machen, aber das ist nur eine mündliche Absprache. Ambient, Pop Ambient 3000 oder so was. Etwas, das uns in die Welt zurückführt, die wir verlassen haben. So was wie “Snow Boy” oder “Kompagna”, diese letzten Tracks auf “Okie Dokie”.

Warst du eigentlich damals in den 80ern in der Squat-Szene in London unterwegs und dieser sehr speziellen PostPunk-Subkultur, den Wurzeln von Rave? Gibt es das in England noch und siehst du irgendeine Parallele in Deutschland?

AP: Ehrlich gesagt, wenn man so etwas durchlebt, dann realisiert man nicht wirklich, was man macht. Es passiert erst, wenn dich jemand danach fragt. Ja, da habe ich gelebt, weil ich nirgendwo anders leben konnte, ich hatte einfach kein Geld. Ich wäre sonst obdachlos gewesen. Es ist ein “Way Of Life” und was dabei herausgekommen ist, war wirklich gut, weil es gezeigt hat, dass Menschen auch etwas zustande bekommen, wenn sie nicht … schon wieder dieses Wort, diszipliniert werden. Aber sozial betrachtet, hey, ich bin jetzt 45, kein junger Welpe mehr, ich kann dir wirklich nicht sagen, was eine Squat-Gesellschaft in England heutzutage sein soll. Ich könnte dir etwas über die Traveller sagen, und dass sie überall rausgeworfen wurden und dass ich finde, dass das Scheiße ist. Und das gilt für die gesamte nordeuropäische protestantische Gesellschaft, die ist Scheiße, wo immer es darum geht, sich um die Mitmenschen zu kümmern. Diese Traveller gehen nach Spanien, Griechenland, Italien und da kümmert man sich um sie, sie bekommen sogar Jobs.

Es gibt wohl mehr Toleranz für kulturelle Diversifizierung.

AP: Mein Bruder hat das gemacht. Er war zehn Jahre in Italien mit der Mutoid Waste Company. Sie haben einen Flecken Land bekommen und ihr ganzes Leben in einen großen Zirkus verwandelt. Und sonntags wurden sie immer bei Festivals beschäftigt oder haben wilde Bars in irgendwelchen Clubs gebaut. Da bin ich selber auch durch, und ich weiß, dass sich das verändert, aber ich bin keine 20 mehr. Ich kenne zwar ein paar davon und versuche auch herauszubekommen, was vor sich geht, aber das ist schwer. Ich muss ja auch mein eigenes Leben führen. Ich bin nicht auf irgendein großes Anwesen auf dem Land gezogen, lebe immer noch in Süd London und das macht mich froh. Weil ich die Kids draußen auf dem Spielplatz rappen hören kann. Die lernen zusammen Harmonien. R’n’B-Zeug. So ist das. Thomas sagt andauernd: “Das ist der Punk in dir, Alex.”

Und das ist kein Trend, sondern ein “way of life”…

AP: Squatting, ja. Du musstest dich immer drum kümmern, auch Geld zu verdienen. Was immer du angestellt hast, es war dein Lebensweg. Immer von einem Tag auf den nächsten leben. Merkwürdigerweise habe ich das damals immer vor meinen Eltern geheim gehalten. Und als ich es ihnen endlich erzählt habe, waren sie auch noch stolz auf mich. Das war sehr schräg.

Jedenfalls hat sich dein Leben nicht nach einem Masterplan entwickelt. Kein Mainstream, der dir gesagt hat, wo es lang geht und welche Ziele zu erreichen waren. All die Dinge, in die du involviert warst, haben irgendwann einfach dazu geführt, The Orb zu werden, zur Ravekultur …

AP: Ja. Definitiv hatte ich keinen Masterplan. Der Masterplan kam mit Killing Joke (lacht). Da kannst du mich zitieren. Ich war immer bei denen, ich war glücklich, ein Teil des Spiels zu sein, und wir nennen uns immer noch alle Brüder. Das ist wichtig. Ich nenne nicht schnell jemand meinen Bruder, denn mein wirklicher Bruder ist vor vier Jahren gestorben und das war eine der erschütternsten Erfahrungen in meinem Leben. Eigentlich nur die Killing-Joke-Leute und den guten alten Thomas. Mit Killing Joke hab ich auch Berlin lieben gelernt. Sie sind nach Berlin, um im SO36 zu spielen und wir haben ein paar Alben im Hansa Studio bei der Mauer so zwischen ’83 und ’85 aufgenommen. Ich war ja Mr. Multitasking. Studioequipment mit aufbauen, kochen. Ich hab kochen gelernt, als ich noch sehr jung war und das brachte mir solche Jobs ein wie drei Monate im Studio abhängen und mich darum kümmern, dass alle glücklich sind. Es ist schon eine lustige Welt. Irgendwann meinten sie: “Wir wollen, dass du unsere Wäsche machst”, und ich: “Wie bitte?” Die haben mich gezwungen in einen Waschsalon zu gehen und sie hatten alle schwarze Unterwäsche und schwarze Socken von Mark and Spencer, das war grandios. Das einzige Mal, als ich beinahe miterleben durfte, dass Killing Joke sich auflöst, war, als ich mit ihrer gesammelten Wäsche zurückkam und sie darüber diskutieren mussten, wem jetzt welche Socken und welche Unterhosen gehören.

Auf der Danksagungsliste des Albums steht auch Ableton.

AP: Ja, wir haben alle kleinen Gigs, zum Beispiel bei der Shitparade in der Berliner Maria, damit bestritten. Das klingt vielleicht langweilig, aber wenn du Gigs hast, dann kannst du dein Yamaha-Mischpult einfach nicht mitnehmen. Ableton packt man einfach in eine Aktentasche und los geht’s und es ist so gut automatisiert, dass man auch weiß, was man tut. Vielleicht ist es nicht wirklich live, aber die Dinge, die man obendrein live machen kann, reichen. Es ist schon so, als hätte man sein Studio auf der Bühne.

Das letzte Mal, als ich dich auflegen hörte, das ist auch schon 10 Jahre her, hattest du Vinyl.

AP: Und das habe ich immer noch. Ich mag Vinyl. Und sehe mir, während wir reden, haufenweise davon an. Digitalen Sachen bei meinen Sets kommen von CD und dem Kaoss Pad. Ich habe überlegt, ob ich dieses Wochenende in Japan vielleicht nur mit CDs auflege, aber ich denke immer noch, dass das nicht richtig ist. Das wird einer dieser Petit-Orb-Gigs. Erst wenn wir mal Visuals machen, dann nennen wir uns auch The Orb.

Wie stehst du denn zu digitalen Verkäufen von deiner Musik? Ich habe auf deiner Webseite nachgesehen und nichts gefunden.

AP: Das neue Album wird es vermutlich bei iTunes geben, aber dazu kann ich noch nicht viel sagen, denn bislang ist das noch nicht entschieden, schließlich soll am Ende finanziell ja jeder glücklich mit der Lösung sein. Zurzeit aber sind es alle, denn das Album ist schon nachgepresst, obwohl es noch nicht mal in den Läden steht.

Wie viel ist das?

AP: Sie haben 4000 gepresst und jetzt 4000 nachgepresst und von denen sind 2000 auch schon weg. Und es ist noch ein Monat bis Release. Das andere Album, Orb Sessions, ist limitiert auf 500 Vinyl und 3500 CDs und auch da sollte es eigentlich nur 2000 Kopien geben. Aber da Orb Sessions wirklich nur für Fans gedacht ist, wollte ich mehr auch nicht machen lassen. Ich wollte einfach nur zeigen, wie es im Studio so aussieht. Aber nicht dass alle Leute in den Laden gehen und denken, ah, ja, das ist also The Orb. Vermutlich wird es davon auch in Zukunft noch mehr geben.

Wird es Okie Dokie auch als Vinyl geben?

AP: Ja, und wir hatten die gleichen Probleme mit Knacksern wie auf dem ersten Album “Ultraworld”. Das bringt Ambient wohl so mit sich. Aber wir haben Wolfgang Voigt gezeigt, wo genau die Probleme sind, und er klärt es, denn er hat Ohren und weiß, was er tut, er macht ja auch wundervolle Musik. Das ist auch eins der Dinge, die gut an Kompakt sind, dass die meisten von ihnen selber auch Künstler sind.

Kompakt und ähnliche von Künstlern gemachte Label und Vertriebe, die sich um alles von der Produktion über das Mastering bis hin zum Vertrieb kümmern, werden gerne als ein Beispiel für die Zukunft moderner Musik abseits der großen Majors angeführt …

AP: Werde ich verklagt, wenn ich darüber rede, was ich von Majors halte? Nein, ernsthaft, das ist ein wichtiges Thema. Ich habe mich gestern noch mit Nina Walsh, die bei London Records gearbeitet hat, darüber unterhalten. Sie meinte, die wären die schlimmsten. Machen immer Partys und lassen die Künstler bezahlen. Den Musikern wird alles abgezogen. Egal ob du in ein Auto steigst, um einen Künstler zu treffen, oder was auch immer. Ich habe das selber miterlebt und ich war entrüstet.

Was denkst du über Filesharing. Hat es irgendeinen Einfluss darauf, wie viel Musik du verkaufst?

AP: (lacht) Na klar hat es meinen Verkäufen geschadet. Aber es ist, wie es ist, und wir müssen uns einfach anpassen. Es ist gut, dass es so etwas wie iTunes gibt. 99 Cent und das war’s. Was mich aber wirklich in Rage gebracht hat, waren all diese The-Orb-Bootlegs, die erschienen sind und von denen jeder dachte, ich mache die und das ich all das Geld dafür bekomme. Ich bin z.B. in Tokyo 1992 ins HMV gelaufen und ein ganzes Schaufenster war mit “dem neuen Album” von The Orb dekoriert. Und ich habe nachgefragt, ob sie das bitte aus dem Laden nehmen können, aber natürlich gab es niemanden, der Englisch sprechen konnte, und dann hab ich sie einfach von den Regalen geworfen, woraufhin die Polizei kam. Als wir endlich einen Dolmetscher aufgetrieben hatten, haben sie mitbekommen, dass sie im Unrecht waren, aber sie waren schon ein wenig irritiert, dass ich versucht hatte, ein paar Platten zu zerbrechen. Es gibt nur ein paar Wege, um im Kapitalismus Geld zu machen. Ich mache nicht viel davon und es ist wirklich sinnlos, sich über digitale Downloads Gedanken zu machen, werde ich wohl auch nie. Ich würde lieber jedes Jahr zwei, drei Alben machen, so schnell sein, dass es egal ist, ob es digital ist oder nicht. Vielleicht werden die Menschen dann auch besser verstehen, was man macht. Leuten, die ins Netz gehen und sich denken, alright, das kann ich ja alles umsonst bekommen, denen kann man nichts beibringen, das machen die eh.

Wenn genug Leute gute Musik zu einem guten Preis verkaufen würden, dann müssten die Leute im Laden auch nicht mehr denken “Welche CD kann ich mir diese Woche wohl leisten” sondern eher “Hey, welche Musik nehme ich denn heute mit nach Hause”.

AP: Deshalb release ich auch nichts mehr auf Majorlabeln, außer in Japan. Ich habe diesen kleinen, aber feinen Deal seit “Bicycles and Tricycles” mit V2 und die haben mehr mit The Orb verkauft als in den 15 Jahre vorher. 15.000 Stück. Es muss kleine Nester der Orbness da draußen geben. Ich finde es zwar traurig, keinen Hit in England zu haben, aber wenn ich mir die Charts mal wieder ansehe, ist es mir auch völlig egal.

Das kann schon frustrierend sein.

AP: Ich kann mir das nicht mehr antun. Das ist als ob man durch einen Haufen Geschäfte läuft und überall läuft die gleiche Musik. Diese Kultur des Gleichen. Drogen funktionieren in der Gesellschaft, das kann ich dazu sagen. “Wo ist mein Prozac, wo sind meine Schmerzmittel, ach und bitte mach das Radio an. Jetzt geht’s mir besser, etwas Melodie!” Das ist wie bei Stepford Wives, oder? Jeder soll glücklich sein und sprudeln.

Wie ist denn dein Eindruck von Deutschland im Vergleich mit England?

AP: In gewisser Weise ist es schon so, wie du vorhin angedeutet hast, als wir über die englische Gesellschaft in den 80ern geredet haben. Es ist an einigen Stellen in Berlin wirklich ähnlich. Ich persönlich mag den Vibe in Berlin lieber, das ist für mich wie ein zweites Zuhause.

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Elektronische Lebensaspekte.