Was machen eigentlich ... könnte man fragen, dabei waren The Prodigy nie wirlich weg von Fenster. Harald Peters prostet den Breakbeat-Rockern im fortgeschrittenen Alter heftig aus dem Moshpit zu: Retro mögen wir gar nicht!
Text: Harald Peters aus De:Bug 130


London im Dezember 2008. Die Englandtour von The Prodigy ist fast vorüber, nur zwei Konzerte stehen noch auf dem Programm. Beide Termine in der Brixton Academy sind seit Wochen ausverkauft, vor der Halle drängeln sich liebenswerte Technohools, in der Halle drängelt man sich vor der Bühne. Die Stimmung ist herzlich, man könnte Freundschaften fürs Leben schließen, vor allem Dealer geben sich Mühe, als gute Gastgeber in Erinnerung zu bleiben. Die Bühne sieht aus wie ein Requisitenlager von John Carpenters “Klapperschlange”, angetäuschtes Mauerwerk, eine Spinne, ein Schlagzeug auf einem Podest.

Daneben wird Liam Howlett bald neben seinen Gerätschaften stehen, Maxim Reality und Keith Flint werden davor herumhüpfen und in die Luft boxen und ein namentlich unbekannter Gitarrist mit tief hängendem Instrument gebückt auf und ab gehen. Es werden Fäuste gereckt werden und Slogans gerufen, so schön, poetisch und herzergreifend sinnfrei wie “Smack My Bitch Up, Change My Picture”. Keith Flint wird versuchen seine Augen aus dem Schädel zu pressen und denselben derart schütteln, dass man meint, der Iro, den er immer noch trägt, wachse ihm schon deswegen rätselhaft schief über den Kopf.

Und dann, nach vielleicht anderthalb Stunden, in denen Prodigy alle alten Hits und auch die neuen Stücke gespielt haben, Flint seine rot-weiß-gestreifte Jacke, auf der “My Dogs Will You” geschrieben steht, längst abgelegt hat, das weiße Make-up von Maxim Reality bereits verlaufen ist und das Publikum zufrieden und nass, wird das Deckenlicht angehen und alle werden denken: War ja genau wie damals, war ja eigentlich mal wieder ganz schön.

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Solche Gedanken sollte man vor Prodigy aber lieber nicht äußern. Nachdem sie 1997 ihr Album “The Fat Of The Land” veröffentlichten, für wenige Wochen die erfolgreichste Band der Welt waren und in den entscheidenden Musikmärkten auf Platz eins der Charts (England, USA, Deutschland etc.), kam die kreative Krise, was dazu führte, dass sich seit rund zehn Jahren, niemand mehr für The Prodigy interessiert. Die Popwelt veränderte sich, und auch Prodigy versuchten sich ein wenig zu ändern, was die Popwelt aber wenig kümmerte. Ihr Album “Always Outnumbered, Never Outgunned”, das 2004 ohne einen hörbaren Beitrag von Flint und Reality erschien, wurde, wenn überhaupt, nur schulterzuckend zur Kenntnis genommen. Doch jetzt, da The Prodigy ihr neues Werk “Invaders Must Die” fertiggestellt haben, scheint die Zeit wieder reif für sie zu sein.

Stirb halt, du Eindringling
“Wir sind aber nicht retro”, gibt Liam Howlett zu bedenken, “retro mögen wir gar nicht”. Das mag sein. Doch wenn das Publikum retro ist und Prodigy wieder so sind, wie sie tief im Innersten stets waren, dann dürften Band und Hörerschaft 2009 gut zueinander passen. Tatsächlich klingt “Invaders Must Die” wie die Schnittmenge der ersten drei Alben. Fanfaren, Breakbeats, Jungle, bekloppte Slogans, Big Beat, gepitchte Vocals, immer druff. “Gepitchte Vocals? Wo hast du denn gepitchte Vocals gehört? Auf dem ganzen Album gibt es keine gepitchten Vocals!”, wirft Howlett ein, er ist jetzt ganz aufgebracht. In Sachen gepitchter Vocals ist er sehr empfindlich. Naja, vielleicht waren sie nicht gepitcht. Vielleicht hat da jemand einfach nur ein bisschen schneller als üblich gesungen.

Liam Howlett, mittlerweile 37 Jahre alt, ist im Grunde ein gemütlicher Mensch. Er trägt zu enge Hosen und diese Frisur, wie sie seit Paul Weller jeder britische Popstar trägt, und zwar blondiert. Aus der Entfernung strahlt er eine gewisse Jugendlichkeit aus, gut gehalten denkt man, was sich aus der Nähe und bei Tageslicht aber ändert. Keith Flint, 39, hingegen wirkt heute gesünder als je zuvor. “Wir sind momentan in der besten Verfassung”, sagt er, “physisch, musikalisch, geistig und visuell”. Er trägt einen Rockstarmantel, zu enge Hosen, rote Stiefeletten und Schmuck, Schmuck, Schmuck.

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Ja, er funkelt wie ein Weihnachtsbaum und steht überhaupt gern im Mittelpunkt. Wo Prodigy denn die letzten Jahre gewesen sind? “Wo wir gewesen sind? Wir waren doch überhaupt nicht fort.” Weil der Mensch nur schwer Urlaub von sich selbst nehmen kann, ist die Frage, wo man denn gewesen sei, natürlich unfair. Für sich selbst ist man ja stets da. “Die Frage müsste vielleicht eher lauten, warum wir es in den letzten Jahren haben langsamer angehen lassen, als wir die Dinge in Zukunft angehen werden”, formuliert Flint die Frage um, ohne sie aber je zu beantworten. Er denkt, während er redet, redet, während er denkt, wirft die Gedanken hin und her. Gerade geht es darum, was für eine Band sie sind. Eigentlich nämlich keine, jedenfalls keine herkömmliche.

Sie machen alles gemeinsam und denn auch wieder nicht, im Grunde machen sie wenig gemeinsam, jedenfalls nicht die Musik. Die macht Liam. Während er und Maxim sich die Musik nur anhören und dann Sachen sagen wie etwa: Super Stück, da würd ich gern draufsingen, oder: Super Stück, da müssen wir aber nicht drauf singen. Es ist also nicht so, dass Prodigy aus einem Produzenten besteht und zwei Sängern, jedenfalls ist das nicht die eigentliche Rollenverteilung, soll heißen, die Sänger müssen nicht immer singen. Jetzt bringt sich Liam ins Spiel: Ja, wir haben da große Freiheiten, darüber sind wir uns im Klaren.

Nein, kein Happy Hardcore
Die schönste Freiheit ist aber, dass sie es sich erlaubt haben, ein Album aufzunehmen, dass so herrlich knallt, dass es eine Freude ist. Klangliche Innovationen? Nö. Interessante neue Ideen? Schwer zu sagen. Hits? Durchaus. Vor allem dieses Happy Hardcore-Stück “Take To The Hospital”. “Happy Hardcore? Ich kann dir schwören, da ist kein Happy Hardcore auf dem Album drauf. Wo willst du denn das gehört haben?” Liam muss sich schon wieder aufregen. Seit ihrem Durchbruch mit “Charly” haben Prodigy zu Happy Hardcore ein gespaltenes Verhältnis.

Im Stück hörte man Melodien, die aus Kinderfernsehen geklaubt waren, im Video sah man Keith Flint mit einer unvorteilhaften Langhaarfrisur alberne Tänze aufführen. Sie meinen, wegen “Charly” nie ernst genommen worden zu sein, ein schrecklicher Schmerz, der immer noch auf ihren verletzten Seelen lastet. Aber sollten Prodigy ernst genommen werden wollen?
Hören Prodigy eigentlich Prodigy selbst? “Nee, also, nicht wirklich, das kann man ja nur live hören und dann stehen wir ja selbst auf der Bühne.” Und auf die Bühne, da gehören sie auch hin.
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Elektronische Lebensaspekte.