Ohne "House of Jealous Lovers" hätte Technowave und Electroclash ein entscheidendes Startsignal gefehlt. Mit neuem Album sind The Rapture jetzt bei kleineren Brötchen und klassischerem Rock gelandet – und werden immer besser.
Text: Patrick Bauer aus De:Bug 105

New York

Jetztzeit-Rock
The Rapture

Doof, zugegeben. Aber ein Versuch der Auflockerung. Mein Gott, nehmen wir es locker. Also los, ist jetzt egal.

Debug: Wir haben da so ein Faible.
Gabe Andruzzi: Ohje!
Debug: Nun, wir mögen Top-10-Listen.
Gabe: Oh nein!
Debug: Doch, tut mir Leid. Und da The Rapture stets überhäuft und genervt werden mit anscheinenden Referenzen und Zitaten, erstellen wir jetzt die Top 10 “Einflüsse im Sound von The Rapture”.
Luke Jenner: Für dieses Album oder für alle Zeiten?
Debug: Hm, für alle Zeiten!
Luke: Da könnte ich dir bestimmt mehr als zehn Bands nennen.
Debug: Bestens!
Gabe: Ich überlege, ob es da was Repräsentatives für die Band gibt …
Luke: Vielleicht wäre es einfacher, oder, ach, es ist nur ein Artikel, wer weiß, wer den überhaupt liest.
Gabe: Nein, nein.
Luke: Auf unsere neue Website stellen wir ein paar Bands, die wir mögen. Daher …
Gabe: Ja.
Luke: Gut, ich mag T-Rex. Aber Gabe nicht. Sage ich: T-Rex, wird er verrückt. Aber so spielen wir. Beim Aufnehmen denke ich an die Scorpions, Gabe an ein Funkadelic-Album, Vito an Daft Punk und Matt an was auch immer. So klingen wir dann. Ich könnte schon was nennen, bloß …
Debug: Kein Problem, ein Spaß. Mir gefiel nur die Zehner-Sammlung aus allein zwei Artikeln über euch: Bee Gees, PIL, The Cure, Joy Division, Television, Roxy Music, ABC, Beck, Robert Smith, Gang of Four.
Gabe: So eine Liste würde unsere Arbeit als Band verfälschen. Ach, nicht lustig.

Vielleicht ist es das Alster, man sollte kein Alster trinken, auch nicht im Schatten. Und dann diese Hektik, es ist zu schwül zum Atmen, geschweige denn zum Denken, der Tag ist schon lang, er wird im Hotel gleich nebenan enden. Das war es dann wieder mit Deutschland. Deutschland und The Rapture, das passt nicht. “In Frankreich spielen wir gigantische Shows”, sagt Gabe Andruzzi. “Hier nur kleine.” Luke Jenner sagt: “In Frankreich fragen sie uns zu unserer Stimmung, hier versuchen sie uns zu analysieren.” Und The Rapture und all diese Gespräche an diesem Tag, das mag nicht so recht funktionieren. Ein weiteres Beispiel. Da sitzen Frontmann Jenner und Multi-Talent Andruzzi, der eine bemüht enthusiastisch und verständnisvoll, der andere betont genervt und unverstanden. Beide maßgeschneidert halbindie. Meint: ein wenig Highschool, ein bisschen mehr urban, ein bisschen The, die Frisuren halt lang genug, alles schlurfig, klar. Jetzt fühlen sie sich genötigt, wieder über DFA zu sprechen, über James Murphy und Tim Goldsworthy, wer sie noch kennt. Die lebenslänglich hippen Produzenten Manhattans, Goldgräber-DJs, Unternehmer. Jene, die Legende ist erzählt, entdecken auf einem Konzert in New York das Potential, mit The Rapture Rohpunk und Dancebeats zu paaren.

Die Band hat zu dieser Zeit, 2001, schon eine Reise hinter sich. Luke Jenner und Schulfreund Vito Roccoforte lernen zunächst in San Diego, wie man ungeglättet und mit Gitarren die Gemüter erhitzt, ziehen dann nach San Francisco, gründen The Rapture, sind nicht glücklich, landen in New York und die vorletzte von mehreren Umbesetzungen führt zuerst Mattie Safer zu den beiden. Wie könnte es anders sein: Auf einem Konzert lernt man sich kennen. Genau wie zwei Jahre später eben die Heißmacher von Death from Above, mit deren Unterstützung unter anderem die ziemlich bravouröse EP “Out on the races and onto the track” auf Sub Pop erscheint und erahnen lässt, mit was für Verve hier DIY neu initiiert werden soll. Mattie Safers Cousin, der kauzige Gabe Andruzzi also, komplettiert dann 2001 die Formation und noch im selben Jahr ist es soweit. “House of Jealous Lovers”, dieses Kreischen und Ergötzen auf technoidem Kamikaze-Schrammeln. Der Dancefloor-Evergreen für hie und da, für hüben wie drüben. Acid-New-Wave, die lässige und zugleich stürmische Art, von New York aus einen Hype zu starten.

Mal Schwung rein
Der kam 2003, als das Debüt-Album “Echoes” erscheint. Damals tourten die Jungs durch Europa und wurden schwer belästigt durch die unerschöpflichen Fragen zu Verhältnis und Arbeit mit DFA. Es gab ein wenig Ärger, es ging um Kompetenzen, Lizenzen und darum, dass Goldworthy und Murphy sich erhobenen Hauptes durch die geilen Clubs der Welt chauffieren ließen. “Ich verstehe nicht”, sagt Jenner heute, “dass man uns über die jeweiligen Produzenten definiert. Das ist falsch. Selbstverständlich profitierten damals sowohl DFA als auch wir von der Verbindung. Beide wurden wir gerade heiß gehandelt.” Dann verlieren sich Jenner und Andruzzi abwechselnd in flappsigen Bemerkungen und Respektbezollungen über die einstigen Mitstreiter. Dabei geht es um die gar nicht mehr. Es geht heuer um die Frage, ob nicht der Fakt, dass das aktuelle Album “Pieces of the People we love” von Ewan Person und Paul Epworth sowie zwei Stücke gar von Danger Mouse produziert wurden, eine richtiggehende Emanzipation darstellt. Die man hört.

Denn The Rapture haben sich einerseits noch diversere Einflüsse ins Studio geholt, andererseits haben sie sich weiter festgelegt, die Stücke sind unverändert wahnwitzig, vollgepackt, aber auch fokussierter, bewusster. Die Band will nicht mehr alles auf einmal, sie traut sich, die Ballade dahinfließen zu lassen und anschließend trotzdem rattenfängerische Melodien zu stampfen, wie in “Whoo! Alright – Yeah … Uh Huh”. Und Jenners Vocals, die runden den Eindruck ab: unverkennbar, unverkennbarer The Rapture. An die vierzig Songs hatte die Band geschrieben, das Burn-Out-Syndrom nach dem Herunterspielen des Vorgängers war überwunden, die neuen Werke wurden bei empathischen Live-Auftritten getestet. Noch aus dem Studio tönte es, die neue Platte sei sonniger, weniger düster als “Echoes” es war. Aber das ist Quatsch. “Pieces of the People we love” ist eher eine Nummer kleiner. Was letztlich dazu führt, dass es an vielen Stellen nach wirklichem Rock klingt. Jetztzeit-Rock mit Geschichtsbewusstsein nämlich. Dass die musikalischen Bezüge von Marshall Jefferson bis Grateful Dead längst so inbegriffen sind in diesem ganz eigenen Verständnis, dass sie nicht mehr so aufdringlich erscheinen.

Alte Bekannte
“Diedrisch Dieteriken?”, fragt Jenner. “Sprich es mal amerikanisch aus”, bittet Andruzzi – und darum, dessen Ausführungen auf myspace zu stellen. War es doch Diederichsen, der seinerzeit auf den Punkt brachte, was das wahrliche Alleinstellungsmerkmal von The Rapture ist. Jene musikalische Epoche, die von ihnen zitiert wird, die Zeit zwischen 1978 und 1982, sei “von starken Zweifeln an der Möglichkeit des Authentischen schon angekränkelt”, schrieb Diederichsen in der taz. Genau deshalb sei leidenschaftlicher Rock bei The Rapture wieder erträglich, lange war das anders. Es liegt am Ausgangsmaterial. Am großen Post-, das vor allem steht. Und selbst, wenn das Piano mal allzu schmalzig drängt oder die Glam-Wut ins Schliddern gerät, The Rapture sind auf ihrem neuen Album umso deutlicher erhaben, ohne distanziert oder ironisch zu sein. Ihr Gehabe ist zwar ebenso ehrlich gemeint wie Bands, die genauso aus New York Impulse geben, gern benutzte Abgrenzung: The Strokes, aber The Rapture sind nicht irgendein New-York-Hype. Deswegen sind sie ja noch da, immer besser. Nein, The Rapture greifen nicht einfach zeit- und wahllos auf, sie zitieren und führen das Gehörte und Gesammelte weiter.

Jenner und Andruzzi gefällt das. Aber sie sind müde und irgendwie führt so etwas wieder zu weit. Warum trauen die Deutschen nicht einfach dem Ist-Zustand, warum entspannen sie nicht? Und so erzählt Jenner lieber nochmals, wie er damals in Seattle über Ricky Vincents Buch “Funk” eben jenen kennen lernte, folgerichtig die Disco und über einen DJ-Kumpel schließlich frühen House. Dass er die Verbindungen sah und alles aufsaugen wollte. Das ist gut. Das erklärt auch. Aber besser, The Rapture werden gar nicht weiter bei ihren Eskapaden gestört. Lediglich das noch: Das Wort Garage fehlt bislang als Verweis. Ein Verweis, der auch zu “Pieces of the People we love” passt, der sogar passt, wenn Guru Danger Mouse noch eine Portion durchdachte Catchyness dazu tut. Und nun, keine weiteren Unterbrechungen mehr. The Rapture wollen weitermachen, auf der Bühne, nicht auf dem Sofa. Alles andere wäre doofd

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Elektronische Lebensaspekte.