In Südafrika geht nicht viel an elektronischer Musik. Das aber dann richtig. Markus Wormstorm & Sibot aka The Real Estate Agents katapultieren South African Dope in die erste Liga.
Text: Anja Jeschonnek aus De:Bug 93

The Real Estate Agents
Marcus Wormstorm & Sibot

Sie handeln weder mit Wohnungen noch mit Bürogebäuden. Und wenn Marcus Wormstorm und Sibot ihre Laptops, Sampler und Plattenspieler zusammenschließen, kommt alles andere heraus als House. Trotzdem ist der Sound der beiden elektronischen Wunderkinder hinter “The Real Estate Agents” das heißeste Klang-Gebäude Kapstadts.

Wenn Marcus Wormstorm und Sibot in den Clubs am Kap auftreten, tobt die Tanzfläche. Sibot ist mehrfacher südafrikanischer Scratch Champion und die beiden kratzen Platten, brechen Beats, loopen und sampeln, dass es eine wahre Freude ist. Manchmal wechseln die Beats und Tempi so schnell, dass die Münder auf der Tanzfläche offen stehen und die Füße immer weniger wippen, die Köpfe, die sich ausnahmslos zum DJ-Pult wenden, dafür umso mehr. Niemand nickt allerdings so schön wie Marcus und Sibot selbst, während sie sich fast unmerklich Zeichen geben, wer wann mit welchem Track einsetzt. Kopfnicken kann bis in die Zehen gehen. Vor allem wenn irgendwann “Super Evil” aus den Boxen dröhnt. Eine Kapstadt-Hymne aus dem Sound der Gorillaz, Beastie Boys, Game-Boy-Gepiepse und verzerrten Bässen, durch die sich die unverwechselbar dicken Fender-Rhodes-Figuren ziehen.

“Super Evil” trifft einen Nerv. Firmen wie Pedigree-Hundefutter oder Musica, eine der größten Musikketten des Landes, wollten den Track für ihre TV-Werbung. Ein Paradoxon, das Sibot und Marcus sich nicht erklären können. “Alle wollen Super Evil und Musica will es, obwohl die noch nie eine einzige CD von uns im Regal stehen hatten. Und alle großen Radiosender buchen uns, um ihre Werbung zu vertonen, und auch von denen hat noch nie einer ein Lied von uns gespielt.”

Von Werbung verstehen die beiden etwas. “Say Thank You” heißt ihre eigene Fima für Werbevertonung; so verdienen sie das Geld für ihre Miete. Ausverkauf steht nicht zur Diskusssion: Musica blieb nichts übrig als zu versuchen, “Super Evil” kopieren zu lassen. Marcus lacht. “Der Kerl hat die Triolen nicht hinbekommen und stattdessen einen superschnellen Ska-Song daraus gemacht.”

Kennen gelernt haben Sibot und Marcus sich bei Constructus Corporation, einem Projekt, das sich am ehesten als multimediales HipHop-Electro-Musical beschreiben lässt. “The Ziggurat”, das einzige Album der Constructus Corporation, kam als CD mit Buch heraus, mit handschriftlichen Songtexten und verstörten Comic-Interpretationen der Lieder und wurde eine Art Kultobjekt. “Nach den Performances der Constructus Corporation, bei denen ja eher Rumsitzen und Zuhören angesagt war, haben Marcus und ich uns gegenseitig unsere neusten Tracks vorgespielt und die Leute damit zum Tanzen gebracht.”

Constructus Corporation war gleichzeitig ihr erstes gemeinsames Projekt bei African Dope Records, dem sie auch als Real Estate Agents treu geblieben sind. Mit einer musikalischen Spannbreite von Drum and Bass über HipHop, Electro bis hin zu Raggamuffin ist African Dope das vielseitigste Indie-Label Südafrikas und taucht auch in Deutschland immer öfter auf. Erst vor kurzem war das African Dope Soundsystem zu Besuch, das letzte Album der “Kalahari Surfers”, Pioniere elektronischer Musik in Südafrika, wurde bei MTV Deutschland Album der Woche, und Felix Laband, auch Teil von Constructus Corporation, wird seine nächsten Alben beim Münchener Label Compost herausbringen.

Tattoos verbinden
Warum Sibot, der eigentlich Simon heißt, und Marcus nach dem Ende von Constructus Corporation zusammengeblieben sind? “Wir haben zueinander passende Tattoos”, lacht Marcus und zieht seinen Ausschnitt ein bisschen zur Seite. Zwischen Schulter und Hals des einen steht “3”, beim anderen “4” in einer auf 3D gemachten Typo, die an alte Fußball-Trikots erinnert. “Aus der Nummer kommen wir jetzt nicht so schnell raus.”

Seit knapp vier Jahren, damals war Marcus nicht mal 20 und Simon kaum älter, machen sie zusammen Musik. Das Prinzip Real Estate Agents funktioniert so: “Einer von uns beiden bastelt am Rechner einen Track, wer, ist egal, und gibt den dann an den anderen weiter. Der wiederum remixt ihn, gibt ihn wieder zurück und so weiter. Dann hat jeder den eigenen Style im Song des anderen. Für Live-Auftritte laden wir den Kram dann in unsere Workstations.”

Die vielen Samples, die sie benutzen, kommen zu einem großen Teil aus Simons riesiger Vinyl-Sammlung, häufig von Platten aus den 60ern mit in aller Spießigkeit vorgetragenen Benimm-Regeln, gern auch in Afrikaans, einer der südafrikanischen Landessprachen, die im Holländischen wurzelt. Auch Filme werden häufig verwurstet. “Deswegen nervt es so wahnsinnig, mit Simon Videos zu gucken. Ständig hält er den Film an, um Sachen aufzunehmen.”

Ein Element, das die Musik der beiden weniger vordergründig ausmacht, sind Umweltgeräusche, die zu Rhythmen und Beats werden. Das war auch Marcus’ Workshop-Thema bei der Red Bull Music Academy, die vor zwei Jahren nach Kapstadt kam.

Auch auf der gerade in Deutschland veröffentlichten Dreifach-CD, dem Debut der Real Estate Agents, kann man sich Marcus’ und Simons Umwelt anhören. Die Drums in “Outside Nounou” auf Marcus CD zum Beispiel sind Wasser, das er auf eine Herdplatte spuckt. Oder die Percussion in “Newcestrial” auf Sibots CD aka sein Kühlschrank, in dem gerade Lebensmittel von rechts nach links geschoben werden.

Der Grund, warum beide trotz gemeinsamen Albums von der CD des einen oder anderen sprechen, ist der, dass es sich bei der Dreifach-CD um ein eher ungewöhnliches Konzept handelt: Jeder hat seine eigene CD dabei, Sibot mit tanzbarem Electro-HipHop-Jazz, Marcus mit teils funky, teils fast ambienten Tracks. Auf der dritten CD gibt es jede Menge Real Estate und dazu Animationen und kurzfilmartige Videos.

Von Marcus Wormstorm ist in Kürze schon wieder ein Album zu erwarten: Bei SoundINK, dem New Yorker Label für experimentellen HipHop, ist schon vor längerer Zeit ein Demo von Marcus auf dem Treppenabsatz gelandet. Jahre später kommt es jetzt raus. “Bei SoundINK zu sein, ist natürlich ein riesiges Kompliment, auch wenn ich noch nicht so richtig weiß, warum gerade ich. Mit HipHop hat mein Album überhaupt nichts zu tun.”

Genauso wenig wie vielleicht das Album “Rachel the Bear” zu SoundINK passt, passen eigentlich die Real Estate Agents nach Kapstadt, wo eine Szene für elektronische Musik kaum vorhanden ist und ein Label wie African Dope eine seltene Ausnahme. Viel eher würde man sie auf den ersten Blick dem musikalischen Geschehen in Europa zuordnen. Auch die hippen Jacketts und Hüte der beiden wären in jedem Kleiderschrank in Berlin Mitte in bester Gesellschaft. Da allerdings würden sie nicht so auffallen wie in den Clubs am Kap. Und vielleicht ist auch gerade das Vakuum und die Abwesenheit der vielen Leute, die alle das Gleiche machen, einer der Gründe dafür, warum sich Real Estate nach Real Estate anhört.

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Elektronische Lebensaspekte.