Hinter den knuddeligen Knartz- und Knisterpophymnen von The Remote Viewer verbirgt sich wattige Hinterhältigkeit, die plinkernd glücklich stimmt. Inzwischen sind sie bei City Centre Offices beheimatet und machen mit Gitarre und Billigsampler kristallinen Slowcore für laute Autos.
Text: René Margraff aus De:Bug 61

Putting the “click!” back in Plinkerpop

The Remote Viewer

Nach Kuchen und Hood sind es diesen Monat Craig Tattersall und Andrew Johnson, die uns aus der nordenglischen Regenprovinz einen wunderbaren Longplayer schicken. Achtung, es geht nicht anders, Superlative! Denn die knusprigsten Beats und die melancholischsten Plinkereien sind auf genau diesem Album. Arme auf für The Remote Viewer! Ich kann nicht anders, … knuddeln, wuddeln und lieb haben möchte ich die klackernden Legobeats und Glöckchenhymnen der beiden. Indietronics mit dem richtigen Plock! und dem schönsten Pfrrz! Es ist schwierig, den Sound von The Remote Viewer zu beschreiben. Sie machen Clicks’n’Cutspop auf Hiphop mit einem großen Herz für Indie, also alles, was gut ist, auf einmal und das immer besser. Bei The Remote Viewer zwinkert euch eine von einstelligen Bitzahlen geprägte Soundästhetik, die aber niemals trashig oder billig klingt, zu. Am ehesten fallen mir noch entfernte Ähnlichkeiten zu Opiate oder den späten Future 3 ein. Schulterzuck und gleichzeitiges Kopfnicken, denn bei mir liegen gerade The Remote Viewer auf dem Plattenteller.

Ungerecht!
Da kamen letztes Jahr doch irgendwelche norwegischen Indiefolkies daher und rippten den Titel einer The Remote Viewer 12″ eiskalt ab. Ein gleichnamiger Trend wurde von den schreibenden Kollegen auch gleich ausgerufen: Quiet is the new loud. Darunter wegsortiert wurde einerseits das, was früher als Slowcore bezeichnet wurde, aber auch unsäglicher Erwachsenenrock mit Akustikgitarre für leise Autos. Als die besagte 12″ von The Remote Viewer ein paar Jahre zuvor auf 555 Recordings erschien, wollte ich mir den Titel zunächst noch auf ein T-Shirt drucken und dann das! Grr! Egal. The Remote Viewer haben einen verschrobenen Humor und beklauen die Welt des Rocks einfach genauso. Wie der Song einer Hardrockband mit echt guten Haaren heißt die neue Platte: “Here I Go Again On My Own”. Dabei sind sie gar nicht alleine. City Centre Offices heißt die neue Heimat von Craig und Andrew, da passen sie auch prima hin.

We found Sound
Indietronics ist in dieser Zeitung ja inzwischen ein eingeführter Begriff und The Remote Viewer machen genau das auf ihre spezielle Art. Obwohl sie für ihre Knartz- und Knisterpophymnen keine Computer zur Hilfe nehmen und alles mit ein paar Billigsamplern mit eingebauten Sequencern, einem Keyboard und einem Minidiscrecorder zaubern, klingt ihre Musik sehr eigen und vor allem soundmäßig wohlüberlegt. Sicherlich ist hier einiges LoFi, aber auch knusprig und kristallklar.
An Indietronics denke ich bei The Remote Viewer vor allem auch aufgrund der Ecke, aus der sie eigentlich kommen. Mitte der 90er begannen sie als The Famous Boyfriend und spielten auch eine Zeit lang (Gitarre und Schlagzeug) bei Hood. Irgendwann verliebten sie sich allerdings in ihre neuen Cheaposampler. Und The Remote Viewer war geboren.

Spend more Time with me
Zwei längere Platten auf 555 und 12″s auf Atomic und Domino sind neben verschiedenen Samplerbeiträgen und Remixen bisher von The Remote Viewer erschienen. Letztes Jahr gab es dann noch die “Walsh Ambrose” 7″ auf CCO. Ansonsten war es bis auf einen Gastauftritt auf “Rock Action” von Mogwai recht ruhig. Doch das Warten hat sich gelohnt. “Here I Go Again On My Own” ist eine dieser hinterhältigen Platten, die einem erst ganz angenehm vorkommen. Sie schreit nicht: “Hallo, hier bin ich!” Wozu auch, man legt sie sowieso von alleine auf… Bis man dann gemerkt hat, dass da versteckte Botschaften in die Musik eingebaut sind, die einen hypnotisieren, ist die Platte eh schon eins geworden mit dem Plattenspieler, jeder Klacks wird mitgenickt und jedes Plinkerdetail stimmt glücklich. Weggeblasen werden in Slomo.

The Sound of a finished Kiss
Begannen The Remote Viewer doch recht ambient mit langezogenen Tracks, so sind sie im Laufe der letzten Jahre wieder kleinteiliger und verspielter geworden. Stichwort: weniger Seefeel(ing), mehr Details und Melodien. Auf “Here I Go Again On My Own” gibt es sogar zerbröselte Gitarrenklänge und Stimmen. Mark und Nicola von der Slomo-Indieband Empress (unbedingt ihre CD auf 555 checken!) verschönern den Track “Snow it falls on”. Die Gitarren, die bei The Famous Boyfriend im Vordergrund standen, scheinen von The Remote Viewer doch mal wieder abgestaubt worden zu sein. Fein. Allerdings Zufall und nicht irgendwie großartig geplant. Craig beschreibt die Entwicklung so: “Ich denke, dass sich unser Sound durch den technischen Fortschritt entwickelt hat. Wir arbeiteten am zweiten Famous Boyfriend Album, als ich meinen ersten Sampler bekam, und ab da wurden wir irgendwie elektronisch… Daher würde ich schon sagen, dass das Equipment einen großen Einfluss auf unseren Sound hatte. Das gilt auch für die anderen Sounds wie etwa die Gitarren. Wir haben da wirklich keine Regeln, wie wir unseren Sound gestalten und welche Instrumente wir verwenden und welche nicht. Es geht uns um den Sound. Wie wir den hinkriegen, ist uns egal. Ich denke, darauf kann man das eigentlich runterbrechen: wir wollen, dass jeder einzelne Sound interessant ist und der Melodie oder dem Rhythmus dient.”

Die eigentlichen Songs entstehen dann in Zusammenarbeit mit den Instrumenten, hier wird nie versucht, ein Akustikgitarrenstück elektronisch umzusetzen, sondern: “Ich versuche niemals einen Song in Gedanken zu schreiben. Ich bevorzuge es, die Instrumente anzuknipsen und zu schauen, was sich so entwickelt. Ich hoffe, dass das dann nicht nur Müll ist. Die Maschinen, mit denen wir arbeiten, können Dinge tun, mit denen du nicht gerechnet hast, die du aber beeinflussen kannst. Daraus entwickelt sich dann etwas.”

Remote Views
Während ihre Platte in die Läden kommt, sitzen Craig und Andrew in Leeds und hören ihre Lieblingsplatten von den Carpenters, Electronica, R’n’B oder die Red House Painters. Irgendwann macht Craig dann den Zoom-Sampler an und diskutiert mit Andrew die richtige Bitrate. Weniger ist mehr und für The Remote Viewer ist das die normalste Sache der Welt.

http://www.city-centre-offices.de

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Elektronische Lebensaspekte.