Text: david hudson aus De:Bug 13

Die Rückkehr des Atoms David Hudson dwh@berlin.snafu.de übersetzt von Daniela Künne Ich erinnere mich noch gut daran, am Kiesstrand der Isar zu liegen, dem vernünftigsten Flüßchen, das durch München rieselt, neben mir Dagmar, deren heller Bauch in den ersten warmen Strahlen der Frühlingssonne floureszierte. Wir lagen den ganzen Nachmittag dort, und als nach einigen Stunden ein leichter Regen fiel, waren wir froh. Der Regen war kühl und weckte uns aus unserem Schlummer. Ein perfekter Tag. Aber das ist nicht der Grund, warum ich mich so gut an ihn erinnere. Als wir an diesem Abend nach Hause kamen, erreichte uns die Nachricht, daß in der Ukraine etwas Schreckliches passiert sei, und wir lernten ein neues Wort: Tschernobyl. Information für Information, Zutritt für Zutritt sickerten die Neuigkeiten aus der UdSSR: Es stand schlecht. Viel schlechter als die ersten Berichte vorgegeben hatten. Obwohl der Widerwille der Sowiets, das wahre Ausmaß der Katastrophe preiszugeben, mehr oder weniger zu erwarten war, war er nicht wirklich entschuldbar. Noch unentschuldbarer jedoch waren die hastig in Bewegung gesetzten Verhüllungen seitens der Deutschen, insbesondere der Bayrischen Regierung. Tage vergingen, ehe wir erfuhren, wie hoch die Strahlungswerte waren, nachdem der Wind den unsichtbaren radioaktiven Schutt gesammelt und einen Großteil davon an den Fuß der Alpen getragen hatte – sozusagen direkt über München. Und der schlimmste Tag, an dem man am besten überhaupt nicht vor die Tür hätte gehen sollen, war der Tag an dem Dagmar und ich unsere Gesichter in den Regen hielten, damit die Tropfen die Hitze unserer Haut abkühlen. In der selben Woche erfuhren wir, daß wir unser erstes Kind erwarteten. Glücklicherweise hat sich herausgestellt, daß mit Adrienne, ebenso wie mit uns allen, alles in Ordnung ist. Trotzdem gab es diese haarsträubende Woche im April 1986. Der damalige US-Präsident Ronald Reagan war von dem Thema zwar nicht so besessen wie Linda Hamilton in Terminator 2, trotzdem gab es genug Mahnungen, daß unsere atomare Verdampfung nur einen Knopfdruck weit entfernt war. Die ganze Zeit, immer. Der Mann am Drücker war ein seltsamer alter Mann, der zu denken schien, daß die Rolle des Präsidenten die beste Filmrolle war, die er je hatte. In seiner ansonsten unauffälligen Karriere gab es sonst keinen Trost. Schließlich ging die Mauer auf, und mit ihr verschwand die Sowjetunion. Die meisten von uns haben vergessen, daß wir am Rande eines nuklearen Holochaust leben. Und abgesehen von den gelegentlichen Dokumentationen über an Leukemie erkrankte, ukrainische Kinder haben wir auch Tschernobyl vergessen. Zäsium hat eine Halbwertzeit von von dreißig Jahren. Also sollte man eigentlich annehmen, daß wir bis zum Jahr 2016 keine Pilze aus den Bayrischen Wäldern essen. Aber wir tun es. Und nun ist die potentiell katastrophale Spaltbarkeit des stabilen, kleinen Atoms wieder Thema der Nachrichten. Große Zeiten. Was so besonders beunruhigend ist an den Tests in Indien und Pakistan, ist, daß wir so wenig über Indien und Pakistan wissen. Meine Generation wuchs damit auf, nach Zeichen Ausschau zu halten, ob die Finger am Abzug der USA und der UdSSR nervös wurden. Unsere Leben hingen davon ab. Wir lernten die Gesichter der Hauptdarsteller kennen, ihre Launen, ihre Gedankenmuster. Wir lernten was sie beruhigte und, viel wichtiger noch, was sie unruhig machte. Ich denke es stimmt, wenn ich sage, daß einige von uns im Westen die Regierungen in Indien und in Pakistan gut genug kennen, um zu wissen, was nötig wäre, um einen von ihnen dazu zu bringen, ihre neue Spielzeuge auch zu benutzen. Derzeit mögen sich Leser außerhalb Deutschlands an Berichte erinnert fühlen, gesammelt einst in der obskuren Lokation Gorlebens. Doch es handelt sich nicht um das Gesamtwerk aus den 70ern, obwohl es zeitweise so aussieht: Bärte und Jeans standardmäßig, schlaffe, nicht-gewalttätige Positur, weggezerrt von Eisenbahnschienen von viel Polizei. Die Atomgegner protestieren gegen den Transport von Nuklearabfall, und wie sich herausstellt, haben sie recht. Aus den Lecks der Transportbehälter strahlte die ganze Zeit Radioaktivität. Und tatsächlich gibt das Darmstädter Öko-Institut bekannt, daß die Strahlung, deren Werte einige Male als irgendwo in der Nähe von “sicher” eingestuft wurden, in “technischen Kreisen” bereits seit den frühen 80ern allgemein bekannt war. Die Bundesumweltministerin Anglea Merkel hat solche Transporte nun abgesetzt. Den Rufen nach ihrem Rücktritt kommt sie jedoch nicht nach. Ach ja, und in Großbritanien leckt Sellafield. Es gibt Zeiten, da habe ich genug davon, meinen Kopf die ganze Zeit in das verdammte Internet zu stecken und mir Gedanken über Banner usw. zu machen. Aber die Welt der Bits erscheint so viel mehr angenehm, oder zumindest ist es wesentlich unwahrscheinlicher, daß sie ernsthafteren Schaden verursacht, als die reale Welt – nun da das Atom zurückgekehrt ist. Bis zum 31. Dezember 1999 natürlich. Links: ”Chernobyl: Once and Future Shock: A liquidator’s story” http://www.oneworld.org/index_oc/issue196/byckau.html ”Chornobyl: Ten Years Later – The Facts” http://www.mwukr.ca/marp.htm ”Enemies Go Nuclear” http://image.pathfinder.com/time/magazine/1998/dom/980608/world.enemies_go_nuclear5.html ”Discussion Continues Over Castor Shipments” http://www.mathematik.uni-ulm.de/de-news/ThisYear/ThisMonth/231800.html ”Der Castor-Skandal zeigt: Selbstkontrolle der Atomindustrie ist nicht genug” http://www2.zeit.de/bda/int/zeit/aktuell/artikel/atom1.txt.19980528.html ”Incident at Sellafield” http://www.mathematik.uni-ulm.de/de-news/ThisYear/ThisMonth/241645.html ZITATE: Was so besonders beunruhigend ist an den neuen Atom-Tests: daß wir so wenig über Indien und Pakistan wissen.

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Elektronische Lebensaspekte.