Wir können gar keine andere Musik machen
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 112


Wenn die Chicagoer Band um Sam Prekop ein neues Album macht, erwartet jeder, dass es so klingt wie das vorherige. Denn schöner kann es sowieso nicht werden.

Sam Prekop: Wir können gar keine andere Musik machen. Auch wenn wir vier Jahre nach unserer letzten Platte ins Studio gehen, müssen wir keinen bestimmten Sound wiederherstellen. Es passiert ganz natürlich, wie eine zweite Natur. Wir müssen nichts versuchen, alles passiert von ganz alleine.

The Sea and Cake spielen seit dreizehn Jahren in der derselben Besetzung annähend die gleichen Stücke. Die Lieder sind in Watte gepackter Beweis dafür, dass man sehr gut introspektiv sein kann, ohne sperrig zu klingen, Zweifel vertonen, ohne in Noise zu enden, Verwirrtheit anzeigen, aber nicht durch vertrackte Soundstrukturen.

TSAC haben sich durch ein “bewusstes Missverständnis“ nach einem Song von Gastr del Sol benannt: The C in Cake. Der Sänger Sam Prekop gibt Gastr del Sol, deren namhafte Mitglieder Jim O’Rourke, David Grubbs und John McEntire sind, als wichtigsten Einfluss an. John McEntire ist die zentrale Persönlichkeit der Chicagoer Schule, die seit Mitte der 90er als Postrock zusammengefasst wird. McEntire spielt in den drei wichtigsten Bands: Tortoise, Gastr del Sol und eben TSAC.

Postrock à la Chicago, das sind gebildete Typen, die ihre Rock-Instrumente plötzlich anders, oft sehr minimal bedienten. Heraus kam Gitarrenmusik, die oft jazzig, manchmal wie Musique Concrète klang. Doch wo der musikalische Ansatz vieler dieser Bands recht kopflastig anmutet und in der Praxis möglichst schwierig klingt, blieben TSAC flockig. Ihr Sound ist stets fließend, unbekümmert, smart, aber nie abstrakt. Leicht und schwerelos. Statt nerdiger Avantgarde zelebrieren die Chicagoer auch auf ihrem nun achten Album “Everybody“ eine seltsam schwebende Gelassenheit.

Während sich die The-Bands wahlweise Disco-Musik aneigneten und das New York der 80er zitierten oder auf der anderen Seite Folk in alle denkbaren Richtungen ausgefranst wird, steht TSAC in einer abstrakteren Tradition: süße Sehnsucht. Die hat nur sehr versprengte Vertreter, etwa die Beach Boys (Sound und Süße) oder Robert Wyatt (Improvisation und Süße).

Debug: Trotz der Gelassenheit und Schönheit spricht aus eurer Musik eine Sehnsucht? Wo kommt die her?

Sam Prekop: Das ist eine gute Frage. Ich habe es noch nicht herausgefunden. Ich glaube, dass sie von dem Versuch handelt, Musik zu machen, oder generell darum kreist, kreativ zu sein. Um ehrlich zu sein, ich bin nie wirklich zufrieden und glücklich mit dem, was ich tue. Das ist ein großes wiederkehrendes Problem. Da sind Funken von Zufriedenheit, aber am Ende bin ich doch enttäuscht. Und ich glaube, die Musik, die wir machen, reflektiert das sehr. So beschreibt die Musik eigentlich, nie das zu erreichen, wovon man träumt.

(Nach einer langen Pause)

Sam Prekop: Aber ich denke, das ist notwendig. Es hält einen am Laufen.

Das finde ich interessant. Ein Freund aus Michigan, mit dem ich mich kurz vor diesem Interview über eure Musik unterhalten habe, sagte, zum ersten Mal hörte er sie in einem Kurs an der Kunsthochschule. Der Professor, natürlich ein cooler Typ, hatte das Album immer laufen, wenn sie Kunst machen sollten. Der Freund meinte aber mit viel Nachdruck, dass er euch nie als Hintergrundmusik oder Ambient wahrgenommen hatte. Dann hielt er inne. Vielleicht, meinte er dann, aber auch doch. Aber nicht auf schlechte Art. Ob ich das verstehen würde, fragte er.

Debug: Was du eben angesprochen hast, trifft das in gewisser Weise. Ihr habt euch ja auch auf der Kunsthochschule getroffen, du bist Fotograf und Maler, Archer Prewitt, euer zweiter Gitarrist und Keyboarder auch. Macht ihr am Ende einfach typische Art-School-Musik?

Sam Prekop: Wahrscheinlich ist es so. Ich habe sehr viele Zweifel. Viele der Leute, die sich an der Kunsthochschule bewerben, wohl auch, ja. Das Seltsame ist, früher war es weniger schlimm. Erst mit der Zeit wurde es dringender, die Zweifel größer.

Debug: Oh.

Sam Prekop: Ja, es wird härter, mein Junge. Aber vielleicht wird die Welt dadurch interessanter. Vielleicht. Ich weiß es nicht. In jedem Fall wird es jedes Jahr schlimmer.

Debug: Das klingt genau gar nicht wie die Platten, die ihr macht. Würde es nicht toll sein, wenn deine Alben immer luftiger und schöner klingen würden, je mehr Zweifel du hättest?

Sam Prekop: Ja, das würde (…) seltsam sein. Ich bin ultimativ interessiert an wunderschöner seltsamer Musik. Etwas, das nur hübsch ist, kann aber nie wirklich schön sein. Dafür braucht es ein Element, etwas, das ein Ausbleiben von etwas anzeigt.

Prekop ist der Typ, der an sich schon leise spricht, dann zum Ende des Satzes aber noch leiser werdend in unverständlichem Gemurmel endet. Die Art, wie er spricht, und der Inhalt der Rede ist auf grandiose Weise das Gegenteil der Musik, die er dann macht. Diese fein durchstrukturierte, sanfte, flüssig ins Perfekte schwingende Popmusik, die sich nach Sonntagmorgen anhört, nach der Sonne, die an dem freien Tag ins Zimmer scheint, und so konträr wie nur eben möglich die von Sven Väth geprägten Worte flüstert: Gude Laune.
TSAC-Hörer sind eine gewisse Behaglichkeit gewöhnt, in der sich gleichzeitig frohmütige Cozyness und Weltvertrauen einstellen, während man eine dunkle Note unter der zarten Popoberfläche nur ahnt. Eine funkelnde Magie, in deren vordergründige Schlichtheit und unbekümmerte Versiertheit, sich musikalische Schleifen sich detaillierte Texturen setzen.

Debug: Chicago steht nicht nur für Postrock, sondern auch House hat hier seine Anfänge genommen. Hat das jemals eine Rolle für dich gespielt?

Sam Prekop spricht leise von der sonnigen Veranda seines Hauses in Chicago in ein Telefon, während drei Hunde um ihn herumbellen:

Sam Prekop: House war immer da. Seit meiner Jugend. Aber ich habe das immer als Parallelwelt wahrgenommen. Wahrscheinlich war ich auch zu jung oder einfach kein Raver. In den letzten Jahren habe ich mich allerdings viel mit den Anfängen elektronischer Musik beschäftigt. Wie diese DJs an Musik als Ganzes herangegangen sind, finde ich interessant. Als ich begann, Gitarre zu spielen, habe ich es getan, als wären es Samples der Gitarre. Immer nur kleine Loops gespielt, stundenlang. Elektronische Musik hängt sich sehr an Details. Ich denke, wir sind als Band diesem Konzept näher als vielen Rockmusikern. Wir sind ja sehr loopig. Die Drones, die repetitiven Strukturen. Rhythmische Ideen und Klang stehen mehr im Vordergrund als Riffe oder sonst typische Rock-Aspekte. Wir arbeiten sequenzer- und samplerorientiert, aber mit richtigen Instrumenten.

Debug: Beim ersten Hören des neuen Albums bekommt man ein wenig Angst. Die Gitarren sind so laut, stellen sich etwas unangenehm schwer in den Mittelpunkt. Doch langsam läuft es zu großer Form auf. Mit Stücken wie “Lightning“, “Coconut“ und “Introducing“ werden die alte Tugenden aus nur angedeutetem Jazz-Geklimper und grandios schlicht und unbekümmert nach Nirgendwo spielenden Gitarrenloops hergestellt. Dazu der verschlafene Falsett-Gesang Sam Prekops.

Sam Prekop: Wir hatten alle Stücke fertig, bevor wir ins Studio gingen, wir haben sie einfach eingespielt. Daher bekommt die Platte so einen spontanen, direkten und einfachen Vibe. Sonst haben wir noch im Studio viel daran gearbeitet und die Stücke wurden experimenteller und kopflastiger. Ich singe auch mehr. Nach so einer langen Zeit des Musikmachens gibt es viele Strategien, nicht gelangweilt zu werden. Man nimmt das auf, was man vorfindet, in der Studiosituation, beim Proben, und hofft, dass es gelingt, dich auch auf lange Sicht nicht zu langweilen.
http://www.theseaandcake.com

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Elektronische Lebensaspekte.