Mit der französischen Adoleszenz-Konzeptpoppern The Teenagers hat Kitsuné eine Band ins Rampenlicht geholt, die aus der Welt der Starschnitte, Stoffteddys und ersten Sexeskapaden einen genauso euphorischen wie reflektierten musikalischen Roman destilliert.
Text: Constantin Köhncke aus De:Bug 121


Etwas verwirrend war das schon immer. Mittzwanziger, die als Schauspieler in die Rollen von Vierzehn- bis Achtzehnjährigen, meist amerikanischen, Jugendlichen schlüpften, sich in das beinahe glamouröse Umfeld von Beverly Hills 90210, die Rich-Kids-Welt von Dawson’s Creek oder die sonnengebräunte Atmosphäre von O.C. California begaben. Schauspieler, die die universalen Probleme der Teenagerjahre darstellten, welche so ihren Weg von den Hügeln Hollywoods in amerikanische Suburbs, deutsche Kleinstädte und die Pariser Banlieue fanden. Erwachsenwerden ist eben im Grunde überall gleich.

Seit Sommer 2007 sorgt eine Band in der Blogosphere für Aufsehen, die sich genau mit diesen Themen beschäftigt. Quentin Delafon, Dorian Dumont und Michael Szpiner sind Anfang bis Mitte zwanzig, Franzosen und besingen die Sehnsucht nach Liebe, Freiheit und Sex. Ihre erste Single “Homecoming“ beschreibt die Reise eines englischen Teenagers zu seiner Tante in San Diego, wo er schon am zweiten Tag seines Urlaubs mit deren schöner Tochter Sex hat. “On day two, I fucked her, and it was wild“, spricht Quentin Delafon in französischem Akzent über das Gitarrenriff. “Don’t forget to send me a friend request“, fordert am Ende des Songs die weibliche Gegenstimme.

Es ist dieses Selbstreferenzielle, was die Musik der Teenagers auf Anhieb so sympathisch und zugänglich macht. “Ohne MySpace keine Teenagers“, postuliert Dorian Dumont im Interview. Und ohne amerikanische Vorabendserien auch nicht. “90210 war die beste Serie“, erinnert sich Quentin Delafon, “und wir alle haben sie geschaut.“ Ihre Texte sind eine Mischung aus der Fantasiewelt der US-Serien, aber auch aus ihrer eigenen Pubertät in der Pariser Vorstadt. Die Überschneidungen dieser Welten sind offensichtlich. “Wir sind auch auf Partys gegangen, haben viel Wodka getrunken und dann gekotzt“, erzählt Quentin Delafon, während er genüsslich an seiner Bloody Mary nippt.

“Aber natürlich war unsere eigene Jugend nicht so wild, wie sie in unseren Songs dargestellt wird. Wir haben zwar mit Freunden abgehangen, Alkohol getrunken und Joints geraucht. Aber vielmehr drücken sich in unseren Texten unsere Kreativität und unsere Fantasie aus. Es gibt einen Satz von Chloé Sevigny, die einmal gesagt hat: ‘Wenn du in der Vorstadt aufwächst, musst du kreativ sein, um nicht einzugehen.’ Das trifft auf uns genauso zu“, philosophiert Quentin Delafon. Dorian Dumont, der Synthie-Mann, fügt hinzu: “Du hast in der Banlieue zwei Möglichkeiten: Entweder du rauchst den ganzen Tag Gras oder du wirst kreativ.“

Wir werden real

Nachdem sich der Song “Homecoming“ durch die erwähnten sozialen Plattformen verbreitet hatte, wurde das französische Label Kitsuné auf die drei Jungs aufmerksam und featurete den Track auf einer ihrer karrierefördernden Mix-CDs. Nun haben The Teenagers ein ganzes Album in diesem Stil aufgenommen, das beim ersten Hören genau das ist: ein Teenage-Tagebuch. In Songs wie “Streets of Paris“, “Fuck Nicole“ oder “French Kiss“ erzählen sie Geschichten von Liebe, Sex und Zärtlichkeit, berauschenden Partys und wütenden Gefühlen. Auf ihrer zweiten Single “Starlett Johannson“ huldigen sie ihrem Lieblingsstar.

Zu ihren größten musikalischen Einflüssen zählen M83, Stewart Price, Britney Spears, The Strokes und Live. Ihre Musik ist Indie-Pop, die Gitarre steht im Vordergrund, elektronische Beats untermalen die Texte der Band, welche von Quentin Delafon eher gesungen als gesprochen in stark französischem Akzent vorgetragen werden. “Das kann ich gar nicht abstellen, mein Englisch klingt nun einmal so“, kommentiert der seit drei Jahren in London wohnende Quentin Delafon mit viel Ironie sein Englisch.

Es finden sich auf “Reality Check“ aber auch Songs, die tiefer gehen als die Pubertätshymnen der Wahllondoner. In “Wheel of Fortune“ fragt sich die Band, wie es gewesen wäre, wenn man an der Schule zu den beliebten Kids gehört hätte, und wie wir heute tanzen würden, wenn Michael Jackson keine Musik gemacht hätte. Die so lässige Oberflächlichkeit der reinen Teenage-Songs ist hier zwar noch zu hören, aber The Teenagers schaffen es fernab davon, eine eigene Sprache zu formulieren.

Ist dies also die neue französische Welle? Die amerikanisierte europäische Jugend, infiltriert vom Hedonismus einer Fernsehfantasiewelt gepaart mit den Erfahrungen der Pariser Vorstadt? Wenn uns Justice als Erbe von Daft Punk verkauft werden, dann sind The Teenagers vielleicht eine neue Form des französischen Pop, die Serge Gainsbourg die Schamesröte ins Gesicht treiben würde. Justice brachten die Coolness der Franzosen zurück in den Export, The Teenagers – mit ihren eindeutigen Referenzen zur Vorstadtjugend und dem unverwechselbarem französischem Akzent im Spoken-Word-Gesang von Sänger Quentin Delafon – die Sexyness.

In jedem Fall ist ihr Debütalbum viel mehr als nur eine Hommage an die Pubertät, es ist ein nostalgischer Rückblick, der uns daran erinnert, dass die Teenagerjahre in ihrer Balance zwischen Freiheit und Zwang ihren einzigartigen Charme hatten. Die Welt ab zwanzig wird doch zunehmend stressiger, die Verantwortung nimmt ab diesem Zeitpunkt inflationär zu. Der Blick nach hinten ist bei The Teenagers programmatisch.

Auf ihrer ersten USA-Tour führte ihr Bandname zu Verwirrungen. Teenager sind bei den strikten Altersbeschränkungen in Amerika auf den Konzerten von The Teenagers nämlich nicht zugelassen. So muss man wohl erst in einem bestimmten Alter sein, um in derart kalkulierter Weise auf seine Zeit als Minderjähriger zurückblicken zu können. In jedem Fall haben The Teenagers mit “Reality Check“ mehr als nur ein von Pheromonen gesteuertes Teenage-Diary entworfen. Vielmehr zeigt sich schon hier: Auf ewig bleibt man eben kein Teenager. Obwohl The Teenagers ein zu schnelles Erwachsenwerden nicht zu wünschen wäre. Dafür ist ihre jetzige Musik einfach zu nostalgisch, zu emphatisch und zu schön.

http://www.theteenagers.net

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Elektronische Lebensaspekte.