Am Ende der Geheimnisse
Text: Wenzel Burmeier aus De:Bug 175

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Abel Tesfayes weckte mit seinem Debüt 2011 große Erwartungen. In alle Richtungen teasend, die größten Töne spuckend, machte der identitätslose Sänger und Produzent hinter “House Of Balloons” aus vielen Widersprüchen den Sound zur Zeit. Zwei Jahre später verliert sich seine Inszenierung im konservativen Pop-Markt.

“House Of Balloons”, der erste Teil der lässigen Weeknd-Debüt-Trilogie, zählt zu den größten Pop-Momenten der letzten fünf Jahre. Hand in Hand mit Frank Ocean lieferte The Weeknd einen längst überfälligen Neuentwurf von R’n’B, eine Bipolarität von HipHop-Pose und zerbrechlicher Soul-Geste. Geradezu selbstironisch reflektierte diese Synthese von konträren und doch nah beieinanderliegenden Formen Schwarzer Musiktradition die Inszeniertheit von Pop-Identitäten. Noch verstärkt natürlich vom Nebel, den The Weeknd um seine Identität machte: Nur gerüchteweise steckte hinter dem ominös-anonymen R’n’B-Projekt der Kanadier Abel Tesfaye (siehe De:Bug 154, Juli/August 2011).

Zwei Jahre später ist das Interview-Schweigen gebrochen, der bürgerliche Name bestätigt, und der anfängliche Internet-Fame von Weeknds kostenloser Mixtape-Trilogie in ein Major-gerechtes “Trilogy”-Paket verwandelt. Jetzt, wo das mustergültige Universal-Debüt mit dem hocherotischen Namen “Kiss Land” folgt, stellt sich aber die Frage: Wie steht es nun um das mystifizierende Identitätsspiel?

Das Weeknd-Image mutet immer noch artifiziell an, zumindest im vorab erschienenen Video zu “Belong To The World”. Der Schwarz-Weiß-VHS-Look wich einer glitchig digitalen Neonflut. Acht Minuten trauert Abel in einem dystopischen Tokyo, inmitten eines marschierenden Pulks, der Dame nach, von der er gerne Besitz machen würde – sie jedoch gehört der Welt. Die politische Pose des Videos entpuppt sich schnell als Aufarbeitung des Leids eines einzig wahren Sänger-Selbst, das einer verlorenen Liebe nachlechzt. Aus der musikalischen Unterlegung – ein Portishead-Plagiat, Sample-Streit inklusive – sticht Abels Stimme hervor: so klar, wie sie hier ganz vorne steht, so weit weg bewegt sie sich von dem anfänglich nebligen Weeknd-Trademark, etwa die extrem verhallten Vocals auf “What You Need”. Offensiver Breitband-Pop anstelle von geisterhaftem Schlafzimmer-Soul – das verkündet die stimmliche Präsenz von Abel.

Stufenlos in Richtung Michael Jackson also? Ein “Dirty Diana”-Cover gab es ja schon länger, mit dem vor Album-Release geleakten “Love In The Sky” folgt gleich der nächste Verweis: Zittriges Falsett und hoch komprimiertes Hecheln erinnern an den einstigen Throninhaber. Auch die neuen Produktionen weisen den Weg in Richtung Radio und lassen so langsam befürchten, dass sich Tesfayes Inszenierung im konservativen Pop- Markt verliert.

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Auf “House Of Balloons” und den zwei Nachfolgern lebte Weeknd seinen VIP-Blues aus, der gar nicht anders sein konnte als inszeniert. Zur Zeit des Debüts war Abel schließlich weit entfernt von den Glastisch-Koks-Exzessen, die ihn so melancholisch stimmten – nicht einmal mit dem Release selbst verdiente er Geld; Stichwort: Free Download. Die prätentiösen Produktionen, die sich alle Mühe gaben nach Party-Beichten inmitten der Kathedrale zu klingen, waren vollkommen Plastik und gerade durch diese stets durchklingende Ambivalenz so unglaublich spannend. Sie spiegelten auf klanglicher Ebene das Paradoxon zwischen Größenwahn und gesichtslosem Startum wider und führten die Weeknd-Inszenierung ad absurdum.

Dass nun nicht mehr im Schlafzimmer produziert wird, war abzusehen. Das Studio kann sich Tesfaye mittlerweile leisten, inklusive weiblicher Service-Kräfte und gut bezahlter Engineers. Heraus kommen Produktionen, die Witch-House aufgreifen (“Kiss Land”) und an das frühere Weeknd-Mash-Up aus College Pop, New Wave und Soul anschließen (“Love In The Sky”) – dabei aber so ausproduziert sind, dass sie am Ende nach koventionellem Radio-Pop klingen. Die großflächige Pop-Offensive scheint er wirklich ernst zu nehmen, alle Geheimnisse bleiben dabei auf der Strecke. Und die vermeintliche Deckungsgleichheit von individueller Persönlichkeit und inszenierter Persona ist eines der ältesten Probleme im bürgerlichen Pop-Business.

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Frank Ocean verneinte einst eine Fortsetzung von “channel Orange” mit der Begründung, er wolle schließlich Geschichten erzählen und habe gerade keine zur Hand. Zu wünschen bleibt, dass sich auch der Künstler hinter The Weeknd der Künstlichkeit seiner “White Lines with Brown Sugar”-Arien bewusst bleibt und den Kampf gegen starre Identitätsbilder mit “Kiss Land” weiterführt, anstatt in die Posen von Motown zurückzufallen.

The Weeknd, Kiss Land, ist auf Republic/Universal erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.