Die beste House-Band der Welt
Text: Jan Joswig aus De:Bug 130


Mit “Rules” schenken uns Whitest Boy Alive ihr zweites Album, auf welchem das Quartett um Sänger Erlend Øye die Logik von House im reinen Popgewand fortführt und zeigt, dass das House-Ding noch lange nicht zu Ende gebracht ist.

Niemand verzichtet so konsequent auf jegliche Exzess-Rhetorik aus der Rockmusik wie das Quartett Whitest Boy Alive. Keine Verzerrungen, kein Riff-Gedresche, kein Refrain-Geschmetter. Dennoch sind sie absolut mitreißend. Die Tüftler Steely Dan behaupteten von sich Ende der Siebziger: ”Wir sind die beste Funk-Band der Welt.“ Whitest Boy Alive könnten mit Fug und Recht dagegenhalten: ”Wir sind die beste House-Band der Welt.“ Die Chemie aus der Folk-Sensibilität von Erlend Øye, auch eine Hälfte der Kings of Convenience, und der House-Sensibilität vom ehemaligen DJ Marcin Oz und den Produzenten Sebastian Maschat und Daniel Nentwig führt zu einem reduzierten Groove-Pop, der die Rettung vor allen jahrmarktschreierischen Krakeelern wie Justice ist, aber dennoch nichts an Nachdruck und Prägnanz einbüßt. Popper mit Charakter. Aber das mag die Band um Marcin in Martin-Margiela-Hose plus Comme-des-Garcons-Strickjacke plus Kim-Jones-Schal und Daniel mit blondem Schnäuzer zu blondem Seitenscheitel gar nicht hören.
In ihrem Studio an der Pazifikküste Mexikos haben sie für das neue Album ”Rules“ ihrem Groove-Händchen etwas mehr den freien Lauf gelassen als beim Vorgänger ”Dreams“. Aber die geputzte Sanftheit ihres Sounds, die sie so einmalig macht, kultivieren sie weiterhin in aller gebührenden Nonchalance.

Für eure beiden Alben gilt: Es gibt keinen Lärm, keine Verzerrungen, dafür saubere Einzeltöne. Könnt ihr so was wie Justice überhaupt ertragen?

Martin: Ertragen schwer. Aber Justice sind extrem wichtig für uns. Es bringt uns in eine Balance. In unserem Verständnis stehen wir auf der anderen Seite vom Hebel. Justice machen das absolut Maximale. Wir versuchen uns so weit runterzustrippen, zu limitieren wie möglich.

Sebastian: Obwohl sich Justice bei ihren Live-Shows auch extrem limitieren …

Marcin: Da sind wir wieder auf der gleichen Linie. Kreuz an- und ausschalten …

Daniel: Wenn man sich die Gesamtheit der Musik anguckt, durchs Radio schaltet, dann muss ich sagen: Mit Musik kann ich eigentlich nichts anfangen. Selbst spielen ist aber eh immer schöner als zuzuhören.

Hausmusikabende – wie sehr vermisse ich die. Würdet ihr euch als Pullunderpopband bezeichnen?

Daniel: Nein.

Sebastian: Definitiv nicht.

Marcin: Nächste Frage.

Nicht wohl erzogen …

Marcin: Dadurch, dass wir keinen Krach und keine Distortion machen, denken viele, wir sind die gut erzogenen Schwiegersöhne. Das ist eine komische Projektion.

Denkt ihr immer noch in einer Housemusic-Logik?

Sebastian: Es läuft schon sehr nach dem Vier-Bar-Konzept. Vier Takte, dann die nächsten, danach mal ein Break.

Marcin: Du spielst ja auch Drumpattern, wie du sie auf einer MPC programmieren würdest. Ich spiele Basslines, wie ich sie im Computer arrangieren würde. Wenn Erlend darüber singt und Gitarrenchords und Soli spielt, macht es das erst anders als klassische Housemusic.

Daniel: House-typisch denken, ja. Aber wir machen ja keine Tracks, sondern recht normal strukturierte Songs.

Ich dachte auch genauso an die Soundästhetik wie an die Struktur. Kings of Convenience, die andere Band von Erlend, bringt man mit Bandgeschichte in Zusammenhang, ganz plump angefangen bei Simon & Garfunkel. Whitest Boy Alive würde ich immer mit Dance-Projekten verbinden, so etwas wie Arthur Russell zum Beispiel.

Daniel: Wir haben das House-Ding noch lange nicht zu Ende gebracht. Es gibt viele Stilrichtungen im House – Acidhouse –, an denen wir bis jetzt nur gekratzt haben. Es gibt einen Song auf dem Album mit einem seeeehr langen Drumroll, das aus einer bestimmten Ära kommt, in der jeder Track einen super langen Break mit einem Drumroll haben musste, nach dem es mit 180 Prozent weiterging. Es gibt noch sehr viele Elemente, die wir in Zukunft vielleicht aufgreifen werden. House ist nicht nur immer mellow und warm.

Marcin: Aber wir stehen alle auf Deephouse im Verständnis von Theo Parrish und Moodyman. Nicht Deephouse mit tierischen Vocals, nicht der New-York-Deephouse.

Aber so was wie Hercules and Love Affair?

Sebastian: Die sind schon sehr volle-Socke-mäßig drauf. Wir waren mit ihnen in Australien auf Tour. Das sind ganz nette New Yorker Jungs und Girls. Aber alles läuft immer auf 111 oder 113 Prozent, es geht die ganze Zeit tierisch durch. Die Bassdrum könnte ruhig mal eine Pause machen.

Marcin: Es war nicht so dynamisch. Sie hatten ein sehr angenehmes Level. Aber das wurde von der ersten bis zur letzten Minute gehalten. Kein schnellerer Song, kein langsamerer. Das wäre auch nicht gegangen, weil sie gesynct zum Klick spielen.

Sebastian: Musikalisch waren sie richtig Disco, sie hatten ihre Synthesizer-Sequenzen dabei, die derbe mit dem Roland SH-101 von 1981 gemacht wurden. Sie spielten eine geile Mischung aus Disco Mitte der 70er, ein bisschen elektronisch angehaucht von heute.

Marcin: Es gibt ein paar aktuelle Bands, von denen wir denken, sie machen was Ähnliches, Housemusic mit Instrumenten, bringen Housemusic live auf die Bühne: Rapture, LCD Soundsystem oder eben Hercules and Love Affair. Ich fühle mich wohl in dem Umfeld. Aber den Hauptunterschied sehe ich darin, dass wir ohne Backingtracks, ohne Sync zum Klick frei sind. Das ist was Besonderes heutzutage. Aber nur so entsteht natürliche Dynamik. Sonst ist man Slave to the Klick.
Die Klaxons waren auch in Australien mit auf Tour. Die spielen eine Wahnsinnsshow. Ich fand es großartig. Sie haben erzählt, sie haben ein Jahr an der perfekten Setlist gearbeitet, die spielen sie jedes Mal von A bis Z genauso durch. Das ist auch eine Arbeitsweise … Wenn man sie das erste Mal hört, ist man garantiert total geflasht. Aber beim zweiten oder dritten Mal … Das ist eine Band, die kann man sich nur einmal angucken.

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Elton John spielt auch seit Jahren die identische Las-Vegas-Show. Und über Matthias Schaffhäuser gibt es die uralte Anekdote, dass er nicht weiter auflegen konnte, als sein DJ-Koffer umkippte und die Platten aus der festgelegten Reihenfolge durcheinander rutschten.

Daniel: Aber wir jammen auch nicht blöd drauf los. Etwas Neues entsteht auf der Bühne, weil einer von uns sich einen neuen Loop aus seinem Fundus rausholt, der gerade zu dem, was die anderen machen, passt. Live orientieren wir uns an einer Bibliothek von Loops, die wir alle schon mal gespielt oder gehört haben. Das ist der Rahmen.

Habt ihr weiterhin Coverversionen im Programm?

Daniel: Massiv.

Marcin: Es gibt so viele tolle Housetracks. Bei Dixon im Club hat man oft ein Aha-Erlebnis. Wenn man dann zwanzig Minuten Soundcheck hat, arrangiert man kurzerhand die Nummer und spielt sie am Abend.

Erlend: Und zwei Jahre später kenne ich dann auch endlich die Lyrics. In Australien haben wir dauernd ”Show me love“ von Robin S. gespielt. Sebastian monierte, dass er den Song schlechter und schlechter spielen würde, wir sollten damit aufhören – und ich hatte gerade zum allerersten Mal die zweite Strophe richtig gesungen …

Marcin: Ich war begeistert.

Euer Album bietet sich genauso für pubertierende Romantik-Mädchen wie abgeklärte Steely-Dan-Hörer an. Ende der Siebziger posaunten Steely Dan: Wir sind die beste Funkband around.

Erlend: Ihre Alben sind perfekt gemacht. Steely Dan ist die Band, mit der ich uns am ehesten vergleichen würde. Sie benutzten keine anderen Hilfsmittel als wir. Später konnte man Drummachines einsetzen, den Kick per Synthesizer fetter machen, all diese Dinge, die direkt nach Steely Dan aufkamen.

Aber Steely Dan benutzten Musiker, wie andere Maschinen einsetzten.

Marcin: Genau. Und es ist absolut überproduziert.

Erlend: Aber es bewegt sich in dem Klang-Rahmen, der für uns selbst erreichbar wäre. Michael Jackson dagegen: nein.

Quincy Jones’ Arbeit für Michael Jackson ist außerirdisch?

Erlend: Der Sound ist nie wieder erreichbar. Damals verkaufte man so viele Platten, hatte so ein riesiges Budget, so viel Know-how, dass man Platten mit maximalem Sound machen konnte.

Marcin: Sie benutzten das Bestmögliche, um das Bestmögliche zu erreichen. Das passierte nie wieder.

Daniel: So ein großer Unterschied ist es nun auch nicht. Ich habe in Australien Michael Jacksons ”Off the Wall“ gekauft, damit ich im Auto was zu hören hatte. Da ist ein Bonustrack drauf, die Demo-Version zu ”Don’t stop till you get enough“. Er, sein Bruder Jermaine und Janet Jackson an der Percussion. Drums, Bass, Rhodes, Percussion und Vocals, völlig runtergestrippt. Und das funktioniert genauso wie in der Studioversion.

Auch die vertrackte Polyrhythmik?

Daniel: Die ist schon da Teil des Songs.

Marcin: Janet Jackson!

Euer erstes Album hieß ”Dreams“, das jetzige ”Rules“. Das klingt nach einer Disziplinierung.

Marcin: Wir haben keinen Katalog von Regeln aufgestellt.

Erlend: Mit Träumen ist es das Gleiche wie mit Regeln. Du denkst nicht darüber nach, aber sie sind da.

Sebastian: Wir hatten auch keinen Katalog an Träumen.

Außer dem, das Album in Mexiko aufzunehmen.

Sebastian: Das war eine Regel.

Marcin: Wir wollten unbedingt in einem warmen Land aufnehmen. Das hat super gepasst. Die Woche über konnten wir im Studio arbeiten und am Wochenende in Mexiko die tollen Konzerte spielen. Wir sind nach Puerto Vallarta und von dort nach Monterrey, nach Guadalajara, nach Mexico City oder Mérida geflogen und haben Shows gespielt.

Daniel: Wir wohnten am Strand. Es gab nur Surfen, frische Kokosnüsse trinken und in Badehose ins Studio gehen.

Erlend: Auf ”Keep a secret“ hört man ein bisschen den Einfluss Mexikos.

Sebastian: Es ist der einzige Cumbia-beeinflusste Song.

Habt ihr mitbekommen, was musikalisch in Mexiko passiert?

Marcin: Alle wollen wie Interpol klingen …

Daniel: Aber Cumbia ist auch groß.

Marcin: Ghetto-Underground-Cumbia ist vergleichbar mit Baile Funk in Brasilien. Es ist eine sehr regionale Musik, die nie über die Grenzen von Mexiko schwappen wird – außer vielleicht mit der Hilfe von Daniel Haaksman … Es ist so Underground, dass man es nicht einmal auf Platten oder CDs findet. Echte Gangster spielen live. Da schlurfen düstere Typen mit Kippe und in Lederjacke auf die Bühne, holen ihre Tubas raus – und die Musik ist so was von unglaublich, wir bekamen unsere Münder nicht mehr zu.

Sebastian: Zehn, zwölf Jahre alte Kids an den Drums, eine Bassdrum, Becken, Percussion, mehr nicht.

Daniel: Neben der Hardcore-Gangster-Cumbia gibt es auch die traditionelle Variante. Eine Masse an Fernsehsendern spielt Cumbia rauf und runter, in der Country-and-Western-Version, Mariachi-mäßig …

Marcin: Die traditionellen Bands mit Sombreros wie aus der McDonalds-Werbung kannst du an jeder Ecke mieten für Hochzeiten oder Schäferstündchen. Aber uns hat fasziniert, dass diese Gangster-Bands einen Scheiß auf nichts zu geben scheinen.

Erlend: Sie sehen aus wie Rapper mit baggy Jeans, spielen aber die traditionellen Instrumente, und zwar höllisch gut. Und sie haben keinerlei Interesse, sich international anzubiedern.

Marcin: Es gibt große mexikanische Acts wie Chikita Violenta oder Zoé. Aber die kopieren die USA-Vorbilder.
Wir waren auch gerade in Indonesien auf Tour. Man tritt dort vor Einheimischen auf, kaum Ausländern oder Touristen. Wir spielen die gleiche Musik wie in Europa, und es gefällt 2.500 Indonesiern.

Merkt man den weltweit gleichgeschalteten Indie-Style?

Sebastian: Total.

Marcin: Sowohl in Mexiko als auch in Indonesien ist Indie das Größte.

Daniel: Es ist furchtbar, die ganze Welt ist gleich. Man freut sich ja schon über einen Japaner, der aussieht wie aus einem Manga oder Computerspiel, weil man solche Leute hier noch nicht alltäglich auf der Straße sieht.

Marcin: Aber es ist natürlich toll, wenn die Kids auch in Mexiko und Indonesien zu Whitest Boy Alive tanzen …

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Jeder Sommer braucht seine Schwalbe. 2006 ist es das Quartett "Whitest Boy Alive". Im Vergleich dazu gehen alle anderen nur noch auf die Nerven.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 105

Pop

Gut rasierte Jungs
The Whitest Boy Alive

Wer jetzt tätowiert ist, wird sich lange ärgern. Dies ist der Sommer der Herren im taillierten weißen Oberhemd und der Frollein in Tops mit Puffärmeln. Die streiten sich beim Gebrauchtwagenhändler um den besterhaltenen Porsche 924, den Augenstern Schweizer Internatsjüngelchen in den 80ern. Denn in keinem anderen Wagen hört sich ihre gemeinsame Lieblingsmusik so passend an: Pop mit Kinderstube, der sich als radikaler Abgesang auf alle übersteuerten Gesten versteht.
Was Annie eingeläutet hat, Soffy O nicht schaffen wird, Jenny Wilson und Junior Boys zu früher Reife gebracht haben, durchwehen The Whitest Boy Alive mit einer wohlerzogenen Brise an Tennisshorts-Charme. Erlend Øye, Marcin ”DJ Highfish“ Oz, Sebastian Maschat und Daniel Nentwig spielen einen luftig groovenden Gitarrenpop ohne jegliche dekonstruierende Schnörkel oder Lärm-Exzesse, kokettieren mit einer Harmlosigkeit, die jede adoleszente Theatralik als die bloße Farce demaskiert, die sie ist.
The Whitest Boy Alive und ihre Verwandtschaft gehen viel radikaler vor, als es die klassischen Bürgerschreck-Modelle anbieten. Sie suchen weder beim Revoluzzer noch beim Dandy Zuflucht. Sie stehen ohne Rückendeckung da, weder mit der Dekadenz von Air noch dem rebellischen Drängen von Bloc Party, nur mit der blanken Nettigkeit von A-ha.
Und das ist es: Verbindliche Nettigkeit ist die hammerschwierigste Haltung der Welt. Normalerweise ist Nettigkeit was für liberale Trottel. Daraus eine verbindliche Geste zu bauen, die fesselt, ist aber der Befreiungsschlag zur Stunde. Denn wer sind heute die Trottel? Das sind die tätowierten Jungs von Slacker bis The-Band-Rocker mit ihren Verweigerungs- und Rebellengesten, ihrem Jugendaufstands-Gewäsch, mit dem sie wie korrumpierte und dressierte Partycrasher einer Industrie wirken, die mit dem Junge-Wilde-Image ihre Kassen füllt – und aus der Kaffee-Kasse die verwüsteten Hotelzimmer zahlt. Das ist miese Komödie. Aber darauf musste einen erst mal eine Musik aufmerksam machen, die eine stark genügende Alternative anbietet, die Musik von The Whitest Boy Alive und Konsorten.
Nichts schockt heute so sehr, wie mit einem artigen Blumenstrauß zur Party zu erscheinen. Brüllen und Krakelen macht nur Sinn, wenn alle anderen hinter vorgehaltener Hand flüstern – wie in den 50ern, als Jerry Lee Lewis die bigotte Ruhe mit den Füßen auf der Klaviertastatur malträtierte. Wenn aber eh alle brüllen – ”Geiz ist geil“, ”Ich bin ein Pornostar“, ”Viva la Revolucion“, ”…schland!“ -, dann wird es Zeit, Kreide zu essen und die korrekte Verbeugung zu lernen (und dass man einen Hut immer auf der Seite zieht, die dem Grüßenden abgewandt ist). Der neue Nicht-Mitmacher ist der Typus Mensch, der auf Schul-Partys zuallererst den Eltern der Gastgeber seine Aufwartung machte. Schon Anfang der 80er hatte Ed Ball von der erwachsendsten aller Mod-Bands, ”The Times“, die Nase voll von den längst risikofreien Punk-Gesten und trauerte:
”Enclosed is an invite for the party that night,
And we hope you can come,
We’d all love to see you once again,
especially my mom – whatever happened to those days,
when not to act your age was the craze.“
(The Times, The Party, vom Album ”This is London“, Artpop 19)
The Whitest Boy Alive liefern die Anleitung, um diese Zeiten wieder zelebrieren zu können.

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