iPod culture and urban experience
Text: Christoph Jacke aus De:Bug 127


Michael Bull
Sound Moves. iPod culture and urban experience
Routledge

Wir sind von technischen Medien geprägt. Wir begreifen erst ganz allmählich, was dies für uns bedeutet, wie etwa ständige SMS oder Mails Kommunikationsstress auslösen oder man im Cyberspace verloren gehen kann, obwohl man doch nur eine CD suchte. Seltsamerweise, aber gut Ding will Weile haben, gelangen derartige Studien jenseits von pseudotherapeutischen Ratgebern oder lustig-doofen Retro-Romanen erst nach und nach in die virtuellen und realen Bücherregale. Michael Bull hat solch ein Buch geschrieben. Er ist Dozent für “Media und Film Studies” in England an der Universität Sussex und beschäftigt sich schon seit geraumer Zeit mit Mobilkommunikation, Musik, Globalisierung und Medien. Dabei verfällt Bull aber nicht etwa einer technozentrierten Euphorie, nein, der Brite hat sich in seinen Studien auch immer um aktuelle Fortpflanzungen der kritischen Theorie und hier speziell der guten alten Frankfurter Schule gekümmert. Schade, dass man von Bull nicht erwarten kann, dass er die deutschsprachigen Weiterentwicklungen dieser Schule zwischen Testcard und Cultural Studies berücksichtigt: Da müssen Letztere auch einfach erst noch mehr ins Englische diffundieren.

Bull jedenfalls nimmt sich der Frage nach dem Sound im medialisierten Alltag an. Das ist sehr spannend, denn die Bedeutung von Bildern scheint längst klar. Dass uns Sound aber begeistert, nervt, begleitet und in jedem Fall beeinflusst, das scheinen etwa die deutschen Kommunikationswissenschaften (akustische Kommunikation!) noch kaum entdeckt zu haben. Eine rühmliche Ausnahme aus dem eher geistes- und kunstwissenschaftlichen Bereich bildet da der just erschienene, vom Berliner Kulturwissenschaftler und Klanganthropologen Holger Schulze herausgegebene Reader “Sound Studies“.
Bull, der in Schulzes Sammelband zitiert wird und 2003 bereits einen “Auditory Culture Reader“ herausgegeben hat, setzt sich in “Sound Moves“ gut lesbar, kurz und knapp auf 180 Seiten, versehen mit einem hilfreichen Index, mit Mobilkommunikation im Urbanen auseinander und zwar sowohl auf bildlicher als auch auf akustischer Ebene. Gestützt sind Bulls Beobachtungen auf eine Befragung von über 1000 iPod-Nutzern. Also: Mobiltelefone und vor allem iPods prägen das städtische Bild, in dem sie zu kulturellen Ikonen werden, die durch ihr Image ebenso wie durch ihren Gebrauch (wie etwa auch im Sinne von Roland Barthes bei Autos) konsumiert werden. iPods erzählen gewissermaßen prototypisch die Geschichten unserer Mobilisierung und gleichzeitigen Privatisierung weiter, die mit HiFi-Anlage und Walkman begann: “No longer prey to the whims of the corporate radio, our sonic envelopes, our cathedrals of sound, exist in the personal play list of the iPod.“ Besonders lesenswert sind die Ausführungen zur akustischen Privatisierung des Arbeitsplatzes. Wir arbeiten unter Kopfhörern, verschließen somit die Ohren vor den Umwelt-Geräuschen und sind unser eigenes Ein-Mann/Frau-Publikum zwischen Isolation und Konnektivität. Hier und da lassen vereinsamendes Monaden-Tum und verblödende Massenkultur aus der Kritischen Theorie grüßen, dennoch verfällt Bull nie in einen oberflächlichen Jargon, sondern scheint durchaus distanziert und neugierig zugleich: “iPod culture uses communication technology as a support system from dawn till dusk.” Was zwischen Dawn und Dusk alles in dieser Hinsicht passiert und wie man es beobachten kann, das zeigt Bull und belegt die gewichtige These der von ihm zitierten Medienwissenschaftlerin Sonia Livingstone: “The media do not simply occupy our time and space, they also structure it and give it meaning.“
Christoph Jacke
http://www.routledge.com

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Elektronische Lebensaspekte.