Homosexualität steht kurz vor einer neuen Mainstream-Akzeptanz. Damit die nicht aufs falsche Gleis gerät, greift das australische Magazin "They Shoot Homos Don't They" ins Steuer.
Text: Axel John Wieder aus De:Bug 104


Ich gab LL Cool J einen Blowjob
They Shoot Homos Don’t They?

Vom Cover der in Melbourne herausgegebenen Zeitschrift ”They Shoot Homos Don’t They?“ blickt uns mit jeder neuen Ausgabe frontal ein neues männliches Gesicht entgegen. Die erste Ausgabe ziert beispielsweise ein Typ mit prächtigem roten Bart. Doch eigentlich blicken die Gesichter nicht, denn gerade die Augen sind nur noch undeutlich hinter einem farbigen Streifen, der den Magazintitel trägt, zu erkennen. Scheint uns gerade noch das Fotomodell direkt in die Augen zu sehen, so verschleiert sich der Blick, das Medium tritt an die Oberfläche und schiebt den sperrigen Magazintitel zwischen uns und die abgebildete Person.

Der Titel der Zeitschrift ist dem Film “They Shoot Horses Don’t They?” von Sydney Pollack entlehnt (auf Deutsch “Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss”, 1969) und spielt mit der Mehrdeutigkeit der Begriffe und dem pejorativen Sound der Phrase. Schwule Fotografie könnte ebenso damit angesprochen sein wie alltägliche Vorurteile gegen Homosexuelle oder die Internalisierung dieser Vorurteile unter Homosexuellen. Ähnlich opak verhält sich die inhaltliche Ausrichtung gegenüber der Neugier des Lesers. Es gibt eine Reihe von Interviews, viele Künstlerbeiträge und Fotostrecken. ”Das Heft arbeitet mit verschiedenen Vorstellungen von männlicher Sexualität – schwul oder nicht-schwul,“ schreibt mir Timothy Moore, einer der fünf Herausgeber, die inzwischen in Melbourne, Sydney, Berlin und Amsterdam leben. Die Zeitschrift verzichtet auf ein Editorial oder eine thematische Schwerpunktsetzung. Wie auch auf ihrer Homepage, wird die Identität des Magazins – Wer seid ihr? Warum sollte ich dieses Magazin lesen? – teils ironisch, teils mit aller Bestimmtheit offen gelassen, etwa indem durchaus widersprüchliche Multiple-choice-Antworten gegeben werden. “A new wave of homosexual acceptance is dawning. You now can be a part of the mainstream if you act straight now. Are you ready?” Dies lesen wir auf den ersten Seiten der ersten Ausgabe. Vermutlich muss die Antwort auf dieses Statement, reflektiert man ihre politischen Konsequenzen, tatsächlich widersprüchlich ausfallen. ”Mich verärgert die Mainstream-Beschränktheit, die Homosexualität auf einen Konsumenten-Lifestyle reduziert. Über das Magazin kann ich visuell dagegenkommunizieren“, verdeutlicht Moore in unserem Interview die Beweggründe seiner Arbeit. Die Antwort auf die Frage nach einer schwulen Identität ist deutlicher in einem Interview mit ”Homocore”, einem Naturwissenschaftler, der in Melbourne in öffentlichen Toiletten Hassgraffitis gegen Schwule auf ihre Rechtschreibung überprüft, und weniger deutlich, dafür in aller Ambivalenz diskutiert in Gesprächen mit Künstlern, bei denen es auch gerade um den Sinn einer Kategorie von schwuler Kunst geht.

Die Befragung existierender Kategorien findet sich auch in der Struktur des Magazins. Jedes Heft ist dreigeteilt: Homos (Interviews), Shoot (Bildstrecken) und They Don’t They (Sonstiges). Diese formale Struktur gliedert die unterschiedlichen Beiträge, ohne starre und im Vorhinein bestimmte Kategorien vorzugeben. Die Offenheit macht das Magazin zunächst etwas undurchschaubar, ist dabei aber durchaus sinnvoll, wenn man verfolgen möchte, wie sich die Beiträge genau in jenen, inzwischen ja auch umfangreicher kartografierten Zwischenbereichen von Mode – es gibt Beiträge von Petar Petrov und Joffrey Moolhuizen –, Kunst, Musik, subkulturellen oder queeren Historiografien bewegen. So interviewt Bruce La Bruce den schwulen West-Coast-Rapper Deadlee und befördert dabei eine Menge Klatsch aus dem homophoben Milieu des HipHop (“I swear I gave LL Cool J a blow job”). Eine email-Konversation zwischen zwei Personen gleichen Namens, Jason Evans – einer der beiden britischer Fotograf, u.a. für i-D, der andere Grafikdesigner aus Melbourne – folgt der zufälligen Namensgleichheit in andere mögliche Korrespondenzen. ”Wir wollen die Leute dazu anstacheln, zwischen den Zeilen zu lesen und ihre eigenen Positionen zu überdenken, statt ihnen eine festgeschriebene Inhouse-Philosophie vorzusetzen“, sagt Moore. ”Das Magazin will Unterschiedlichkeit fördern, nicht Gleichheit. Um das schätzen zu können, musst du nicht schwul sein.“

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Elektronische Lebensaspekte.