Thomas Groß Buch
Text: Jan Joswig aus De:Bug 40

Vom Unbehagen in der Popkultur
Thomas Groß‘ Feuilletonsammlung: Berliner Barock

Der taz ist Literatur im Journalismus wichtiger als 20 neue Abonnenten. Literatur heißt sozialdemokratisch, allgemeingültiges Unbehagen sprachästhetisch zu sublimieren. Der taz-Feuilletonist Thomas Groß sublimiert solch ein Maß an Unbehagen so vehement, dass seine Texte jetzt aus der Zeitung zwischen die Buchdeckel bei Suhrkamp gewandert sind – der Literatur-Ritterschlag, der der taz bestimmt 20 neue Abonnenten einbringt. “Berliner Barock” versammelt 30 Feuilletons von Groß aus den Jahren 1993 bis 99, die an Popkultur- und Popmarktthemen wie Rammstein, MTV, Popkomm, Habermas meets Schröder oder Michael Jackson entlang ein Kulturpolitogramm des laufenden Irrsinns zu zeichnen versuchen. Als Subtext durchzieht ein nostalgisch-wehmütiger “Abschied von der Insel” die Texte, der sich gegen die unheilige Allianz von Kunst und Kohle (Zitat aus irgendeiner frühen taz) an die alten Kreuzberg-Helden Neil Young, Bob Dylan, Billy Bragg, Rio Reiser oder Einstürzende Neubauten klammert, sich dabei aber eingestehen muss, “wie komplett die Rockmusik sich zum Umschlagplatz folgenloser Rebellenposen banalisiert hat.” Gegen “das immer entschiedenere, immer reibungsfreiere Zusammengehen von Wirtschaft, Politik, Sport und Entertainment im Namen eines allumfassenden Pop” findet Groß Unterstützung auf der Suche nach einem lebensnotwendigen “utopischen Resistenz gegen die Zumutungen des modernen Lebens” nur weit außerhalb seines Pop-Untersuchungsfeldes, bei der “wunderbare(n) Servicewüste: Berliner Verkehrsbetriebe” und in der Galerie der abendländischen Marmorköpfe. Die “Schlampigkeit, Unfreundlichkeit, Wurschtigkeit” der Berliner Verkehrsbetriebe rettet ihn vor der Reibungslosigkeit des allumfassenden Pop, die Geistesgrößen in Marmor vor dessen Auseinandersetzungsleere. Lieber Servicewüste als Diskurswüste. Im saloppen Feuer versteckter und paraphrasierter Zitate wird aus dem Geisteskanon von Benjamin, Gertrude Stein, Kracauer, Rilke und als Intimfreund Schopenhauer eine Front gegen die “Weltformatierung in immer reibungslosere, schnellere, geldförmigere Ströme von Information und Austausch – und das ist der Mainstream der Technowelt” gebildet: “die Technik des Glücks im Zeitalter seiner akustischen Induzierbarkeit”, “en Lied is en Lied is en Lied”, “Ornamentierung der Masse”, “wer jetzt nicht online ist, wird es lange bleiben”, “die Welt als Schnörkel und Vorstellung”. Wir feuern aus dem Elfenbeinturm, der Ton ist Neue Mitte, die Haltung Alte Linke.
Groß ist gefangen in dem Dilemma, das Alte nicht mehr gut und das Neue gar nicht finden zu können. Schon seine Sujetwahl läßt ihm keine andere Wahl. Wer Techno anhand von Cosmic Baby abzuhandeln versucht, der würde sich auch Rock’n’Roll anhand von Shakin‘ Stevens nähern. Wenn Groß zu Cosmic Baby beklagt, dass “wie bei allen Superpop-Phänomenen … sein Erfolg in einem umgekehrten Verhältnis … zu seiner diskursiven Verarbeitbarkeit” steht, dann ist das ein Rezeptions- und kein Produktionsproblem. Wer kein Plattdeutsch gelernt hat, dem wird auch Plattdeutsch diskursiv nicht verarbeitbar erscheinen. Aber Groß klebt Techno-skeptisch daran, dass der Sänger so wichtig wie der Song ist und das Wort die Musik macht: er favorisiert die “Schöpfung aus dem Geist einer Rede, die zwar über die Popkanäle zu Ruhm gekommen ist, aber zugleich auf die Macht des Älteren, des Dichterworts vertraut.” Der “Mut zum Antizyklischen”, den er Prefab Sprout attestiert, haftet ihm mit dieser Grundhaltung zwangsläufig auch an. John Wayne wird alt, aber nicht müde.
“Berliner Barock” zeigt einen Feuilletonisten bei der Weigerung, die Inkompatibilität seiner Wahrnehmungsperspektive und seines Instrumentariums gegenüber den popkulturellen Paradigmenwechseln nach der “digitalen Revolution”, nach dem Sommer of Love ’87 einzugestehen. In seiner Unnachgiebigkeit eine heroisch-poetische Leistung: “Die Nacht ist endlos blau und voller seltsamer Geister, die das WWW so noch nicht besungen hat. Erst morgen wird der Browser wieder angeworfen.”

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.