Thomas Schumacher verlässt Bremen und kommt nach Berlin. Unter eigenem Namen und als Elektrochemie galt er jahrelang als eine feste Instanz in einer Technoszene, die in einem eigenen Universum jenseits des Clubgeschehens zu funktionieren schien, aber immer schon hatten seine Tracks eine nicht zu unterschätzende Größe.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 98

Transformationen

Seit einem Jahr kommen auf “Spielzeug Schallplatten”, seinem Label, immer mehr Tracks raus, die mitten im großen Strom von Elektro, Disco und Techhouse beeinflusstem Ravesound eine aufrechte Fahne hochhalten und seine letzte Mix-CD liest sich wie ein Who Is Who einer Szene, in der alles wieder zusammenkommt. Was hat sich in Bremen verändert in den letzten Jahren?

Die größte Veränderung für mich von der Produktionsweise ist wohl, dass ich seit Anfang des Jahres mit einem Kollegen zusammen produziere, mit Stefan Bodzin. Das drückt sich sicherlich auch in einer anderen Produktionsästhetik aus. Für mich waren die letzten zwei Jahre schon so etwas wie eine Transformation. Ich habe zuerst beim Auflegen gemerkt, dass meine eigenen Tracks schwer in meine Sets gepasst haben. Das geht nicht nur mir so, hab ich irgendwann mal erfahren. Aber das ist nicht mal eben so gemacht. Ich produziere ja seit 15 Jahren meine eigenen Sachen. Klar ist da eine Bewegung drin, aber wenn man mal aus dem Gleichklang rauskommt, ist das gar nicht so einfach, da wieder hinzukommen.

Was brachte dich aus dem Gleichklang?

Im Grunde genommen habe ich so um 2002 gemerkt, ich muss mich entscheiden, was ich mit meiner musikalischen Karriere machen will. Es gab einmal den Weg, noch erfolgreicher zu sein, dafür aber auch Erwartungshaltungen zu bedienen, oder ich geh den Weg zu versuchen meine musikalischen Visionen weiter umzusetzen. Auch wenn ich dabei Leute enttäusche.

Gab es auch bei den Verkäufen auf Spielzeug einen Bruch?

Ja, ganz klar. Das ging voll in den Keller runter, auch richtig dramatisch. Wobei das bestimmt auch mit dem Markt zu tun hat. Vor 5-6 Jahren haben die Leute nur nach Namen gekauft. Das ist heute nicht mehr so, was ich aber auch ganz okay finde. Es ist keiner mehr gesetzt, habe ich den Eindruck. Seit den letzten 4 Maxis geht es aber wieder steil bergauf. Ich merke auch, wie rund das ist. Du weißt ja, ich habe immer Sachen gemacht, die eher für die Peaktime sind, und wenn ich im Club stehe und zwischen 3 und 4 Uhr morgens theoretisch meine eigenen Scheiben hintereinander spielen kann, dann weiß ich, dass das gut ist.

Was sind denn die anderen Platten?

Aus dem Umfeld hier. Bodzin, seine Solosachen, und auch die, die er mit Hunteman macht. Er produziert auch das Album für Romboy. Es ist hier grade ein kollektives Verständnis, wie Sachen zu klingen haben.

Der Bremer Sound.

Wir verlassen aber alle das Schiff und ziehen nach Berlin. Das hatte bei mir total private Gründe. Meine Partnerin Caitlin hatte in Bremen einfach nie richtig Fuß gefasst. Ich habe in Berlin auch schon länger ein kleines soziales Umfeld aufgebaut.

Glaubst du, es wird deinen Sound noch mal ändern?

Kann sein, aber ich mache es nicht aus musikalischen Gründen. Das Umfeld beeinflusst einen aber sicherlich immer. Man wird sehen. Kannst du denn nachvollziehen, dass – weil ich es ja nicht gewöhnt war, mit einem Produzenten zu arbeiten – dieses Schumacher-Element immer noch durchkommt. Peaktimemäßig interessant zu rocken? Früher waren ja die Zeiten anders und die Soundstrukturen ganz anders. Es ist ja sicher so, dass wir von diesem Minimal-Gedanken stark beeinflusst sind, nur war natürlich der Ansatz nicht, Minimal zu machen, weil das bin ich nicht, und Stefan auch nicht. Einfach diesen Gedanken daraufzuprojezieren. Es ist fast immer ein Sound, ein Bass, der an allen Ecken moduliert und gedreht wird.

Es ist halt auch ein Sound, muss man zugeben, in dem wahnsinng viel los ist. Man kann zwar unglaublich viele Platten hintereinander wegspielen, die alle den gleichen Druck haben, und in eine Richtung gehen …

Das sehe ich auch ganz klar. Es gibt auch eine Menge mittelmäßige Elektroscheiben, die nach dem Muster X gestrickt werden. Immer eine Brise Oldschool rein und so.

Discobeat …

Bisschen von Get Physical klauen, bisschen Steve Bug, das sind so die Zutaten. Aber ich denke, das machen wir nicht, auch wenn da ein gewisses Grundelement drin ist, das angesagt ist, das war früher bei meinen Sachen nicht anders und dazu stehe ich auch. Aber mir ist halt wichtig, dass es dennoch eigen ist.

Ich bin gespannt, wie lange dieser Sound anhält. Man kann sich vorstellen, nach der zehnten Dahlbäckplatte im Monat überlegt man sich irgendwann, ob das nicht zu viel wird.

Wir haben letztens mit meinem Labelkompagnon Jan Lange darüber gesprochen. Das geht ja eigentlich gar nicht, so viele Platten kann kein Mensch rausbringen, aber Leute, der ist erst 19. Er hat die Zeit seines Lebens und die Platten sind cool und verkaufen sich. Ich war mit 19 von meiner Einstellung genauso. Raus, raus, das muss alles gespielt werden. Das muss man ihm lassen. Wir machen uns da natürlich auch Gedanken, wohin das gehen könnte. Wir haben grade einen Track gemacht, der schon wieder unheimlich Techno ist. Auch mit einem Retroelement, aber eher ein Houseretroelement. Sequentieller. Es hat auch nicht dieses Up-Feeling. Etwas düsterer, auch eine ständig modulierte Bassline, aber nicht ganz so aufgerissen wie im Moment.

Wie gehört Spielzeug und Giant Wheel zusammen?

Da gibt es halt auch so jemanden wie Stefan Bodzin. Das ist in diesem Fall Jan Lange. Der macht mit mir zusammen Spielzeug, mit Hunteman zusammen Confused. Mit Clemens Neufeld Giant Wheel und mit John Dahlbäck Pickadoll. Das alles nennt sich Plantage 13.

Machst du immer noch diese 8-Stunden-Sets im Ting Club in Bremen?

Wir verabschieden uns jetzt, und es hat mir sehr viel Spaß gemacht, weil ich so lange Sets nicht mehr gewöhnt war. Das tat mir gut. Mir gefällt so viel abseits von Mainstreamtechno, aber das kann man ja, wenn man sonst nur Primetime auflegt, nie spielen. Ich versuche, das jetzt auch bei Bookings weiter umzusetzen. Bremen ist ja etwas provinzieller, aber sie haben es sehr zu schätzen gewusst, dass da jemand die ganze Nacht macht, das Ruder in der Hand hat und versucht, einen besonderen Abend zu machen. In Bremen hat sich aber auch eine kleine, aber sehr interessante Szene entwickelt. Da gibt’s ja ein paar sehr rennomierte Produzenten, ob es James Din A4 ist oder Goldfisch und der Dulz, die ja tendenziell eher im Minimalbereich forschen, was auch ein Sound ist, der hier gut angenommen wird. Klar, einmal im Jahr kommen DJ Rush und Chris Liebing, aber das ist ein ganz anderes Publikum, das nichts mit den Clubs zu tun hat. Großraum. Es ist auch ein sehr deutsches Ding, nach Soundästhetik zu forschen. Ich habe mir letztens eine Platte von Carl Craig gekauft, das ist unglaublich, weiterhin 808, 909, eine andere Welt. Ich höre das, ich muss mir das kaufen, aber die von vor drei Jahren wird sehr ähnlich klingen. Das ist ein anderes Konzept, aber genauso relevant für mich. Es gibt einfach Leute, die einen tiefen Glauben haben an so eine Produktionsart. Langfristiger. Da spielen ganz andere Werte eine Rolle.

Geht Elektrochemie komplett zu Get Physical?

Wir haben eine Vertrag, der über zwei Maxis und ein Album geht. Ein klassischer Optionsdeal. Die zweite Maxi ist grade fertig. Das präsentieren wir am 7ten Dezember im Watergate.

Ich denke, durch Get Physical werden auch einige auf Elektrochemie kommen, die davon noch nie gehört haben.

Das ist auch das Schöne. Deshalb haben wir uns auch für sie entschieden. Ich finde Get Physical wird, das ist mein persönlicher Eindruck, international mehr gesehen als in Deutschland. Und Deutschland mit der Elektrochemie-Historie ist einfach schwierig, das muss man klar sagen. Aber im Ausland hat Elektrochemie ja fast nie stattgefunden. Da müssen wir auch den Namen nicht ändern. Eine spannende Zeit. Mit wem ich mich auch unterhalte. Hochinteressante Platten überall. Ich war neulich bei Martin Eyerer in der Sendung, und seine Geschichte war auch spannend zu hören. Mit seinem Trancehintergrund. Ich hatte vorher nie was von ihm gehört. Und die Auswahl, die er gespielt hat, ich bin bei jeder zweiten hin. Was ist das? Kenny Dope. Kenny Dope? Das ist auch das, was es so spannend macht und wovon wir sicherlich auch profitieren. Man muss einfach die Augen aufhalten und gucken, es kann fahrlässig sein, wenn man Leute in bestimmte Schubladen steckt und sich nicht mehr drum kümmert. Es werden noch einige Überraschungen auf uns zukommen, wer mit wem produziert und wer wie auflegt. Jeder hat ja das Recht zur Veränderung und soll sich auch weiterentwickeln. Mir ist wichtig, dass man darin eine Handschrift erkennt. Als die erste Produktion mit Stefan von mir rauskam, habe ich einen Feedbackbogen von Miss Kitten bekommen und sie schrieb, dass sie total überrascht sei, wie schnell ich es geschafft hätte, diesen aktuell angesagten Minimal-Techhousesound zu produzieren und dass sie die Produktion fett fände, aber dass sie es ein wenig schade fände, weil ich vorher immer so extremen Personalitytechno gemacht hätte. Ich fand das toll. Darüber habe ich auch nachgedacht. Nur weil wir wissen, wie es geht, das kann es noch nicht sein, da muss man den nächsten Schritt machen.

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Elektronische Lebensaspekte.