Text: interview-mix aus De:Bug 10

THOSE WHO KNOW Gibt es zuviele deutsche Drum and Bass Label? Der De:Bug Umfrage Service für Weltverständnis und In-Depth Culture Screening öffnet in diesem Monat seine Pforten mit der ersten (noch Kuchengrafiklosen) Umfrage über den wahren Zustand der deutschen Drum and Bass Szene. Neustarterlabel beklagten sich bei uns, kein Vertrieb wolle ihre großartigen Tracks, Vertriebe murrten über zuwenig Gutes in der heimischen Labellandschaft, DJs jammern über fehlende Hits, Produzenten bedauern minimale Outputmöglichkeiten, die Engländer halten nach wie vor dicht und Compilationmacher waschen sich die Hände in Unschuld. Drum and Bass in Deutschland, eine einzige Klagemauer. Um Licht in das Dunkel des Seelendickichts hipsten Szeneselbstverständnisses zu bringen, fragten wir die vielleicht nicht wichtigste, aber brennende Sonntagsfrage im launischen April: ”Gibt es zuviele deutsche Drum and Bass Label? Drum and Bass in Deutschland – auf Expansionskurs oder in der Konsolidierungsphase? Ist nicht genug Geld für alle da oder fahren wir demnächst alle Ferrari? Ist es für Drum and Bass hierzulande besser, wenn sich auf einige Big Player konzentriert wird oder schaffen wir nur mit einer breiten Labellandschaft den Wechsel?” Martin (PP Sales Forces) Es gibt zu viele schlechte Label. Selbst, wenn es nur gute gäbe – wer soll das alles hören und kaufen? Die Leute, die sich ernsthaft mit dieser Musik beschäftigen (ihr, wir, DJs Leute aus der Branche), bekommen das Zeug umsonst – der “normale” Konsument kauft sich eventuell ein paar Compilations, das war’s. Ein paar Hobby-Nachwuchs DJs kaufen sich die 12″es und kommen über kurz oder lang auf die Idee, selber Musik zu produzieren – noch mehr Musik! Wäre ja o.k., wenn es im kleinen Kreis bliebe, aber sofort 500-1000 Stück zu pressen (passiert häufig genug), ist wirklich idiotisch. Die Platten bleiben in den Vertrieben, nach ein paar Monaten erfolgt Retour ans Label (je nach Vertrag) – das kann nicht Sinn der Sache sein. Der Markt ist (meiner Meinung nach) zu klein, zumal englische Labels prinzipiell höher eingeschätzt werden (auch nur z.T. richtig), das liegt aber auch an der Presse und an den Clubs (bzw. den Bookern), die die englischen DJs über Gebühr hofieren (Überbezahlung). Als Vertrieb ist man also sicher gut beraten, mehr englische Label im Programm zu haben (bessere Verkäufe), auch wenn diese qualitativ nicht besser als deutsche sind – schade eigentlich. L-X (Don Q) Auf keinen Fall. Zwar sieht’s auf den ersten Blick so aus, weil der englische Vertrieb (SRD) ein bißchen zickt, aber uns gehört die Zukunft. Leute, die mit neuen Labels neue Kontakte aufbauen und uns im Anstand populär machen, kann es nicht genug geben. Genug habe ich allerdings von Labels, die denken, hier im Drum and Bass-Bereich könnte man billig Acts und Trax einkaufen und die compilationmäßig ausverkaufen. Also: mehr Labels, Acts, Trax, Aktionen, aber: weniger Schmarotzer! Keep it real! DJ Nomad Diese Frage können sich die Leute stellen, die im deutschen Drum and Bass zuviel sind. Alle, die sich für die Sache entschieden haben (und nicht für irgendwelche Personality-Trends), werden jeden ernstgemeinten Versuch, zu dieser immer noch winzigen Szene beizutragen, respektieren. Musik sollte in erster Linie Entertainment sein und nicht Business. Wer korrekt entertaint, soll auch korrekt Ferrari fahren – wenn er sich’s leisten kann. Die Szene wird immer ein paar Big Players haben und immer so viele Labels, wie es Leute gibt, die mutig und clever genug sind, sowas anzupacken. Im großen und ganzen sollte man von dieser ganzen “deutschen Selbstfindungsneurose” runterkommen – die Leute grüßen, mit denen man gemeinsam gegen den Strom schwimmt – und stolz darauf sein, was man bisher in dieser Diaspora erreicht hat. DJ Kabuki (Precision) Im Vergleich zu der Anzahl von Käufern deutscher Drum & Bass-Scheiben gibt es schon genug Labels. Muß jeder, der einen Atari und einen Sampler besitzt, gleich ein Label eröffnen? Tobestar (Southern Sessions) Ich denke, eine breit gefächerte Labellandschaft kann uns allen nur gut tun. Die schlechten Labels werden eh wieder aussterben. Der Käufer und Clubber allein entscheidet! Die Situation in England ist jedenfalls heutzutage Scheiße. Du hast 5 große Produzenten, die auf ner handvoll Labels alle Tracks, die rauskommen, produzieren. Alles konzentriert sich auf die großen Label! Entweder gibt es keine Newcomer mehr, oder die machen jetzt alle Speed Garage. Sebel (Downbeat) Auf keinen Fall zu viele, aber zu wenig gute. Das Hauptproblem ist meines Erachtens die Soundqualität der meistens Releases. Oft sind Superideen/Ansätze da, die nicht ordentlich ausgearbeitet werden. Die Geldfrage wird sich natürlich automatisch regeln. Steigt die Qualität, wird die Tasche dicker! Bass Dee (Case Invaders) Gibt es welche? Fragt doch mal im Plattenladen nach, die kommen mit ein paar Ausnahmen auf 1 oder 2 deutsche Label. Eine Frage der Wahrnehmung. Der Weg ist hart. Bevor man eine Kuh melken kann, muß sie viel Gras bekommen. Und weil wir ein großes Agrarland sind (in der einen wie der anderen Hinsicht) kann auch nicht einfach jemand vorbeikommen und seine Melkmaschine anschließen. Und selbst wenn man Ferrari fahren wollte, müßte man alle Kühe erschießen, denn sonst versperren die die Straße. Von wegen Konsolidierungsphase, gibt’s auf dem Arbeitsmarkt ja auch nicht. MB (Shake Up Records) Komische Fragestellung, eher Konsolidierungsphase, mit Drum & Bass in Deutschland ist wenig Geld zu verdienen, dh. es stehen Verkaufszahlen vs. Hype und Medienaufmerksamkeit. Ferrari vs. Bahncard? Bassface Sascha (Smoking Drum) Zugegeben, ich kenne nicht alle deutschen Drum and Bass Label. Ich bin jedoch immer wieder angenehm überrascht, wenn ich einen Track auf einem mir vorher unbekannten Label höre, der in mein Set paßt. In England gab es für mich immer weniger gute Tracks auf kleineren Labeln – liegt wahrscheinlich daran, daß der Markt von einer Hand voll Leuten kontrolliert wird, die jeden guten Track gleich für ihre “großen” Label “abgreifen”. Schade eigentlich. Die Frage ist nur – ist der Markt groß genug dafür? Als Vergleich kann ich nur anführen, daß mein Label Smokin’ Drum in England mehr Einheiten als in Deutschland verkauft. Auch England wäre ohne den deutschen Drum and Bass Absatzmarkt nur halb so reich. Ich wünsche jedem in Deutschland viel Erfolg. Oliver von Felbert (Groove Attack) Drum & Bass ist Musik, Popmusik um genau zu sein. Keine bedrohte Tierart, kein Laborversuch und weiß Gott keine Relegion. Alles weitere regelt der Markt. Wenn die Leute Bock auf Drum & Bass aus Deutschland haben, wenn sie die neue Gyration besser finden als die neue Full Cycle, kurz: wenn hier richtig geiler Drum & Bass rauskommt, der nicht nur 150 DJs interessiert, dann wird es auch viele deutsche Drum & Bass Labels geben, die länger als zehn Releases durchhalten. Lenken kann das keiner, Patentrezepte gibt es nicht, und das ist auch gut und spannend so. Wer hierzulande mehr als 1000 Stück von einer 12″ verkauft, hat einen Hit und den Unterschied zwischen großem Spieler und kleinem Spieler machen ein paar hundert Einheiten. Deshalb unser Tip: vergeßt den Masterplan und die Verschwörungstheorien und macht euch lieber locker. Jan Schlüter (PP Sales Forces Director) Je mehr, desto besser wird die Qualität und es können sich eigene Stile bilden. Ansonsten: Don’t believe the hype. Klaus (NTT) Schlechte Releases sind kein deutsches Problem, sondern allgegenwärtig. Nimmt man die Zahlen von englischen Durchschnittlabels nur auf den deutschen Markt bezogen, stehen die deutschen gar nicht so schlecht da. Auch englische Releases lassen sich nicht nur mit Metalheadz, V-Recordings, oder 31 Records gleichsetzen. EFA (Dieter) Der Markt ist durch die zunehmende Spezialisierung und Abgrenzung der Künstler und Labels untereinander sehr unübersichtlich. Die “Deutsche Szene” hat es bisher versäumt, als Basis des Ganzen ein funktionierendes Netzwerk zu bilden, innerhalb dessen auch Austausch stattfindet. Der musikalische Output der Lables ist insgesamt eher zu groß als zu klein. Viele Releases klingen beliebig oder unterscheiden sich nur in kleinen Details. In dieser Releaseflut gehen dann auch qualitativ herausragende Veröffentlichungen unter. Maik Euscher (RTD Dance Dept.) Weiss nicht,…Die dünne Drum & Bass Labellandandschaft in Deutschland bietet die komplette Qualitätspalette von grauselig bis grandios an. Es hat den Anschein, daß sich alle ausschließlich auf ihr Ding konzentrieren. Eine Interaktion der einzelnen Bestandteile der Subkultur Drum & Bass (Label, Medien, Clubs, DJ, Künstler,…) findet -wie fast in allen anderen Musiksparten- nicht oder nur unvollständig statt. Der selbsternannte Gralshüter -in Personalunion Vertrieb, Label und Journalist- der deutschen Drum & Bass-Szene stammelt in einem Fanzine abstrakte, dümmlichen Phrasen vor sich hin, anstatt konkrete Defizite aufzuzählen und klarzumachen. Es fehlen die Visionen, und von daher ist es vielleicht besser, daß es zur Zeit nur wenige Labels in Deutschland gibt. Das Potential und die Infrastruktur für mehr ist da, aber wird noch nicht genutzt. Wir hoffen auf bessere Zeiten! Mark (Skunk Rock Productions) Ich denke, es ist nur vorteilhaft, wenn es viele deutsche Drum and Bass Label gibt. Schließlich kommen aus ihnen die Leute, die die Szene voranbringen. DJ’s, Produzenten oder auch Veranstalter. In England ist es nicht anders und es funktioniert auch. Ich würde mir jedenfalls wünschen, daß fähige deutsche Künstler & Label den nötigen Respekt für ihre Arbeit bekämen. Beiträge sind dezent und mit chirurgisch sinnlicher Präzision von der Redaktion gekürzt.

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Elektronische Lebensaspekte.