Carl Craig, 2 Lone Swordsmen und Basement Jaxx haben sie gerade remixt - und dazu mussten sie nicht gezwungen werden. Die englischen Industrial-Begründer Throbbing Gristle sind seit ihrem 79er Album "20 Jazz Funk Greats" eine fixe Bezugsgröße in Techno. Jetzt finden sie sich zu einem einmaligen Konzert mit jungen Freunden zusammen. Gründungsmitglied Cosey Fanni Tutti klärt die Lage.
Text: Ulrich Gutmair aus De:Bug 82

Throbbing Gristle

Es gibt wenige Werke in der Geschichte der populären Musik, die so prägend sind, dass man ihren Einfluss gar nicht mehr wahrnimmt – weil sie völlig neue Standards gesetzt haben und den Rahmen bestimmen, in dem sich Musik heute bewegt. Eines dieser Werke ist Throbbing Gristles “20 Jazz Funk Greats” von 1979. Auf dem Cover sind vier junge Leute im Grünen zu sehen, die bar jeder Extravaganz im “domestic style” der Zeit bekleidet sind.

Dass sich diese Idylle vor einer berühmten Selbstmörderklippe abspielt, ist eine Tatsache, die der Betrachter erst noch herausfinden muss, und so verhält sich dieses Cover ebenso hinterhältig zu seinem Sujet wie der Titel zur tatsächlichen Musik: Von “Jazz Funk” kann keine Rede sein, und auch wenn die Synthesizer manchmal von ferne an Disco-Eskapismus erinnern, werden hier doch auch ganz andere Töne angeschlagen, die manchmal weh tun. Throbbing Gristles Musik handelte von Langeweile, Verblödung, Massenmord, sensorischer Deprivation, Selbstbestimmung, Sex, Medien und anderen existentiellen Fragen. Auf der Bühne brachten sie riesige Stroboskope in Anschlag, um ihr Publikum zu blenden, “Entertainment thru Pain” war einer ihrer Slogans.

Throbbing Gristle ließen es nicht bei der Erkenntnis bewenden, dass Rock’n’Roll Musik ist, die die jugendliche Libido perfekt ansteuert, sie experimentierten auf fast wissenschaftliche Weise mit Frequenz und Rhythmus. Als eine der ersten Pop-Bands nutzten TG Loops und Samples, bauten sich elektronische Klanggeneratoren zusammen und begriffen Sound als Werkzeug, mit dem man Organismen manipulieren kann. Dabei spielten TG ganz bewusst mit dem Format der Pop-Band. TG waren kurz gesagt eine subversive Künstlergruppe, die auf dem Feld medialer Manipulation arbeitete, und dabei Musik produzierte, die eigentlich erst von der nächsten Generation voll verstanden wurde: Ohne Throbbing Gristle hätten die Neunziger anders ausgesehen, vielleicht wären sie auch ganz ausgefallen.

Insofern ist es nur recht und billig, wenn ihre Klassiker jetzt remixt werden. Vom 14.-16. Mai werden Throbbing Gristle im Rahmen des Festivals RE~TG sich außerdem zu einem einmaligen Konzert zusammenfinden, nachdem die Mitglieder nach der Auflösung in verschiedenen Projekten weitergearbeitet hatten: Cosey Fanni Tutti und Chris Carter wurden Chris & Cosey, Genesis P-Orridge gründete mit Peter Christopherson Psychic TV. Christopherson wiederum tat sich 1983 mit dem TG-Fan John Balance zusammen, um Coil zu gründen.

Cosey Fanni Tutti beantwortete stellvertretend für die Band einige Fragen.

Debug: Wie kam es zu dieser einmaligen Wiedervereinigung von TG, knapp 25 Jahre nach Ende des Projekts?

Cosey Fanni Tutti: Wir vereinigen uns nicht wieder, wir gruppieren uns nur neu, und das ist ein wesentlicher Unterschied. Wir hatten bereits miteinander Kontakt aufgenommen, um das TG24 Box Set herauszugeben. Nach der TG24-Ausstellung im Dezember 2002 wurde uns aber klar, dass es in keiner Weise negativ war, wieder zusammen zu arbeiten. Wir trafen außerdem viele Leute, die uns erzählten, dass TG sie stark beeinflusst habe. So kamen wir zum Schluss, einen Event zu organisieren, um einerseits die Existenz von Throbbing Gristle, andererseits aber auch die Arbeit zeitgenössischer Künstler und Musiker zu feiern. RE~TG soll keine Hommage an TG werden, daher ist das Line-Up auch nicht von Industrial-Projekten dominiert.

Debug: Wenn man sich Euer erstes Album, “2nd Annual Report” heute anhört, stellt sich sofort und immer noch das Gefühl ein, dass man hier etwas hört, was damals ohne Beispiel war: Elektronischer Krach, akustischer Terror, Samples von gesprochener Sprache und musikalischen Klimaxen. Was war damals das stärkste Motiv, solche Musik zu machen?

Cosey Fanni Tutti: Eines der stärksten Motive war Frustration und Zorn über die unterwürfige Haltung, die Kulturschaffende einnahmen. Es spielte natürlich auch eine Rolle, dass das Klima in Großbritannien in den Siebzigern extrem politisch aufgeladen war. Es gab ständig Krawalle, Streiks und Unruhe im Land. Wir hatten das Gefühl, dass unsere Arbeit auch politisch war: Wir wollten die Vorstellungen darüber, was Musik ist, niederreißen. Wir präsentierten den Soundscape unserer Zeit, womit sich die Leute auf einem ganz alltäglichen Level in Beziehung setzen konnten. Wir lieferten den Leuten das Leben in seiner ganzen Rohheit, um es als solches aufzunehmen, so gut sie konnten – oder eben auch nicht. Wir hatten damals das Gefühl, dass es an der Zeit sei, sich den Dingen zu stellen anstatt vor ihnen wegzulaufen.

De:Bug: Einmal abgesehen von dem Lärm, den TG generierten – gab es nicht auch gewisse Gemeinsamkeiten mit Leuten wie Giorgio Moroder?

Cosey Fanni Tutti: Keine außer Elektronik. Man spielte seine Platten in den Pubs, in den ich in den Siebzigern strippte.

De:Bug: Die übrig gebliebenen globalen Pop-Konzerne kämpfen heute ums Überleben, unter anderem weil PCs und das Internet die Produktion und Distribution von Musik demokratisiert haben. Ist damit das Ziel, Pop zu demystifizieren, das TG von Anfang an erklärtermaßen verfolgt haben, erreicht?

Cosey Fanni Tutti: In vieler Hinsicht ja. Die Technologie ist weiter fortgeschritten und ich hoffe, dass wir die Leute dazu motiviert haben, sie für bessere Zwecke einzusetzen als fürs reine Konsumieren. Dennoch steht es mit der Konsumenten/Aktivisten-Ratio derzeit nicht gerade zum Besten. Davon abgesehen hat diese Entwicklung aber auch andere negative Konsequenzen: Alle “neuen” Herangehensweisen und Alternativen werden noch schneller in Warenform gebracht und damit neutralisiert. Man muss sich nur anhören, was heute als Soundtrack für Werbespots benutzt wird. Der Blitz, das Logo von TG, wurde von einem Modehaus verwendet. So wird alles zum “Accessoir”.

Ich kann in gewisser Weise die subliminalen Effekte gut finden, die sich aus solchen Aneignungen durch Kommerzialisierung ergeben. Generell aber betrachte ich diese Beschleunigung als Krankheit, die viele wertvolle Ideen zerstört, noch bevor sie sich entwickeln und ihr volles Potential erreichen können. Dieser Punkt, an dem etwas zur Ware wird, war einer der Gründe, warum wir das Projekt TG 1981 beendet haben.

De:Bug: Der mit TG befreundete Journalist Jon Savage sprach in eben diesem Jahr von einer “Wahrheit”, die die populäre Kultur wiederum ganz besonders gern ignoriert: die Tatsache, dass wir alle früher oder später sterben. Was hältst du von “6 Feet Under”, der amerikanischen Serie über einen Leichenbestattungs-Familienbetrieb, die sich programmatisch in jedem Teil um den Tod eines Menschen dreht?

Cosey Fanni Tutti: Ich schaue mir “6 Feet Under” an, sooft es geht, weil ich das Zusammenspiel zwischen den Charakteren mag, und ihre sehr unterschiedlichen emotionalen Reaktionen auf den Tod. Es ist in vieler Hinsicht eine clevere Serie, das gilt nicht nur für das Script, sondern auch für die Regie. Es sieht ohnehin so aus, als würden im Fernsehen in der letzten Zeit ganz ordentliche Programme laufen. Der Erfolg, den intelligente Programme haben, spricht für sich: Sie nähern sich solchen Themen so, wie wir alle es tun, nicht wie man glaubt, sich ihnen nähern zu müssen … politische Korrektheit ist eine Farce.

De:Bug: “Für mich ist die wahre Politik, den Leuten sich selbst und ihren Stolz zurückzugeben”, hat Genesis P-Orridge in einem Interview 1987 erklärt. TG haben aus diesem Grund herrschende kulturelle Normen, Stereotypen und Verbote auf manchmal gewalttätige Weise angegriffen. Nach 1968, Punk und Techno, und unter der neoliberalen Hegemonie scheint inzwischen aber alles erlaubt. Es gibt kaum negative Zuschreibungen von Devianz oder Perversion mehr, die nicht in vermarktbare, positive Identitäten verwandelt worden wären. Haben sich die von TG entwickelten subversiven Strategien damit selbst überholt?

Cosey Fanni Tutti: Das Problem ist, dass Information und Kommentar heute oft nicht so ausgeklügelt präsentiert werden wie damals von TG. Ich glaube nicht, dass wir jemals Schocktaktiken angewandt haben. Wenn du jemand mit Hammer auf den Kopf schlägst, dann verschließt derjenige sich, anstatt sich zu öffnen. TG operierte subtiler. Wir präsentierten Informationen und öffneten sie für Diskussionen – auf einer persönlichen, aber auch einer kollektiven Ebene. Aber wir taten es nicht für die Medien, es ging immer darum, ehrlich von einem Menschen zum anderen zu kommunizieren. Das ist der Unterschied und vielleicht der Grund, warum es damals funktionierte, heute aber nicht mehr. Der Schmerz einzelner Leute ist zu einer Form der Unterhaltung geworden, er wird lächerlich gemacht, gleiches gilt für abweichendes Verhalten. Wirkliche Abweichung und Subversion haben ihre Gründe, deren Effekt sie wiederum sind. Mir scheint, es gibt einen Trend, der dieses Verhältnis umkehrt, so dass “subversives Verhalten” jetzt im Vordergrund steht, und keiner weiß, warum die Leute das eigentlich machen. Subversion wird somit leer und ineffektiv.

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Zerstörung, Provokation, Innovation. Throbbing Gristle gelten als die Urväter der Industrial Musik. Mit Platten wie dem Klassiker.
Text: Ulrich Gutmair aus De:Bug 37

/Buch Hot on the heels of history Ein Throbbing Gristle Buch Als Throbbing Gristle 1976 die Vernissage zur Ausstellung ‘Prostitution’ im Londoner ICA bespielten, war das für manche Besucher der Anfang vom Ende der westlichen Kultur: “Diese Leute zerstören die Zivilisation”, kommentierte der Toryabgeordnete Nicholas Fairbairn am nächsten Tag in der Daily Mail. Das war nicht unbedingt falsch beobachtet. Throbbing Gristle machten sich in den darauffolgenden Jahren erfolgreich daran, zumindest die Werte und Wahrnehmungsmuster der Popwelt in Frage zu stellen. Throbbing Gristle, die als Ableger der Performancegruppe COUM gegründet worden waren, spielten mit repressiven Tabus und manipulierten mehr oder weniger subtil die Erwartungshaltung ihres Publikums und ihrer professionellen Kritiker. TG waren strikt Anti-Rock, gegen das Starsystem und gegen Entertainment. Throbbing Gristle spielten hinter Boxentürmen, blendeten ihr Publikum mit Stroboskopen, bauten sich ihre Synthesizer selbst, gründeten ihr eigenes Label Industrial Records und nahmen krude Platten auf, die von Sex und Verführung, Selbstmord und Massenmördern handelten und in der englischen Musikpresse kontrovers diskutiert wurden. Ihre ‘metabolic music’ zielte auf den Körper, während sich ihre Öffentlichkeitsarbeit die Mechanismen der Massenmedien zunutze machte. Für eine ganze Generation europäischer Technoproduzenten waren TG mindestens so wichtig wie Detroit Techno oder Kraftwerk. Wo Kraftwerk heute aber von jedem Zehnjährigen als Godfathers of Techno benannt werden können, wurden TG in den verschiedenen Wellen der Historisierung von Techno bestenfalls in den Fussnoten genannt. Daher ist nur zu begrüssen, dass mit Simon Fords “Wreckers of Civilization” jetzt eine ausführliche Geschichte Throbbing Gristles und ihres Vorläuferprojekts COUM Transmissions vorliegt. ”Wreckers of Civilization” beschreibt chronologisch den Weg der Hippieperformancegruppe COUM aus Hull, die an den Rändern von Fluxus agierte, in der internationalen Mail Art Szene aktiv war und dann nach London zog, um dort Mitte der siebziger Jahre Rock als Medium für ihre Arbeit mit und gegen alle möglichen Formen sozialer Kontrolle und Disziplinierung zu benutzen. Während TG auf der Bühne – wie auch schon COUM – grundsätzlich improvisierten, um damit jede Form von geplanter, professioneller Unterhaltung zu hintertreiben, bedienten sich ihre Flyer und Texte der Mittel der Reportage. TG verstanden sich als Kombattanten in einem ‘Information War’, und bildeten damit die frühe Speerspitze des Medienaktivismus der achtziger Jahre. Wo die Massenmedien der aktuelle Ausdruck des ‘Kontrollprozesses’ waren, wollten TG eine Dekonditionierung des Individuums vorantreiben. In der Tradition von William S. Burroughs und Brion Gysin experimentierte die Band mit Cut-Up Techniken, benutzte Effektgeräte und Synthesizer und versuchte damit, die Erkenntnisse von Muzak und Infrasound anzuwenden, um sublime Wirkungen zu erzielen. Wo die Körper ihrer Hörer gezielt zu Adressaten von Manipulationen wurden, thematisierte Bandmitglied Cosey Fanni Tutti die Verfügbarkeit von Frauen und ihrer Sexualität in der Pornoindustrie. Tuttis Nebenjob als Fotomodell und Stripperin wurde etwa in der ‘Prostitution’ Show als eigenständige Form künstlerischer Arbeit präsentiert. Durch das Ausstellen ihrer von Pornofotografen geschossenen Fotografien transformierte sich Tutti vom Objekt des männlichen Blicks zur einzig handelnden Person, die sowohl die ‘Produzenten’ als auch die ‘Konsumenten’ ihrer pornografischen Repräsentationen selbst zu Objekten ihrer eigenen Performance degradierte. Feministische Theoretikerinnen wollten solche Taktiken genausowenig akzeptieren, wie sich liberale Musikjournalisten damit anfreunden konnten, dass TG mit faschistischen Ikonographien spielten. Als Logo für ihr Label Industrial Records wählten TG etwa einen harmlos-industriell aussehenden Fabrikturm, der in Wirklichkeit einen Teil der Vernichtungsmaschinerie von Ausschwitz zeigte. Solche Strategien dienten unter anderem der Erforschung der Frage, “wie der Zugang zu Information die Wahrnehmung von ‘Realität’ verändert”, erklärte Genesis P. Orridge. Was eben noch harmlos aussah, wurde durch eine kurze Information zum Symbol der Massenvernichtung. Dass TG solche Operationen ganz offensichtlich auch nutzten, um trotz minimaler Budgets Öffentlichkeit zu generieren, lässt die 1981 aufgelöste Band heute noch genauso ambivalent erscheinen wie damals. Simon Ford, der die TG-Jahre nicht selbst miterlebt hat, hält sich in seiner Geschichte von COUM und Throbbing Gristle mit Interpretationen weitgehend zurück, und überlässt die Entscheidung, ob TG am Ende nur bösartige Clowns oder vielleicht doch eine der wichtigsten Bands des 20. Jahrhunderts waren, dem Leser. Ford hat eine Masse an Material zusammengetragen, um die Fakten sprechen zu lassen. Dass dabei viele der obskuren Legenden und Anekdoten, die das Public Image von TG über die Jahrzehnte begeleiteten, aus Gründen journalistischer Korrektheit aussen vor bleiben müssen, ist allerdings bedauerlich. Sie hätten vielleicht noch präziser vermittelt, welche Bedeutung TG für das kollektive Popbewusstsein hatten und haben. Die Legion von Nachfolgeprojekten, die aus TG entstanden sind, spricht diesbezüglich für sich selbst: Das sind neben ungezählten Kollaborationen Coil, Chris & Cosey und Psychic TV.

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