Schwerwiegende Leichtigkeit
Text: Björn Bauermeister aus De:Bug 114


Das Projekt um die Brüder Acher und Andreas Gerth zählt zum neuen Album “Aelita” fünf Musiker – auf Bläser haben sie aber komplett verzichtet. Überraschung: Der Weilheimer Geist kommt in reduzierter Besetzung besser zum Punkt.

Aelita. Sein Klang erinnert an den des Minimoogs und seine Schiebereglertechnik steht irgendwie Kopf. Alles wird lauter, je näher man seine Regler gen vermeintlichen Nullpunkt schiebt. Eine gewöhnungsbedürftige Schiebelogik eines unorthodoxen Synthis, diesem fast 20 Kilogramm schweren, monophonen Sowjetbaus namens Aelita. Andreas Gerth, zuständig für Elektronisches, Gelooptes und Dubbiges im Kollektiv-Konglomerat “Tied And Tickled Trio“, wusste weder von der Eigenartigkeit geschweige denn von der Existenz dieses Sowjet-Klotzes. Vielmehr soll die stumme Verfilmung des gleichnamigen Science-Fiction-Roman von Tolstoi Pate für das neue Album gestanden haben.

So voll und ganz ist Andreas noch nicht angekommen. Nach zwei Jahren Berlin schlägt sein musikalisches Herz noch in Weilheim. Unter dem familiären Dach von Hausmusik ist er mit dem einen der beiden Acher-Brüder als Ogonjok aufgewachsen und lotet heute als Loopspool und DJ Schege die Dinge aus. Mal kreiert er für die Hörspielabteilung des Bayerischen Rundfunks den passenden Sound zu vorgegebenen Worten, dann jubelt er live dem alten Original-Dub den Dubstep unter, hin und wieder kooperiert er mit Ted Milton und umspült für Philipp Geist die projizierten Unterwasseraufnahmen von Großstadtflüssen mit soundexperimentellen Atmos.

Aber Hauptpassion war und ist: Tied And Tickled. In der elektronisch tickenden Herzkammer dieses Trios – das faktisch nur selten eines ist – tüftelt Andreas am Puls der Unzeit. “Ich habe einen Soundpool, vor dem ich nächtelang sitze. Ich spiele mit den Sounds herum und denke weder an einen fertigen Song noch an die Jungs aus der Band. Bei mir sind Stücke eigentlich unentwegt im Prozess – und manchmal eben auch purer Zufall. Manche Ideen können gut und gerne mal zwei Jahre lang bei mir schmoren.“ Die Schwierigkeit, den Punkt zu finden, an dem man etwas für abgeschlossen hält, ist gerade in der experimentierfreudigen Musik recht verbreitet.

Oftmals hilft da ein gewisser äußerer Druck – wie die Einladung zum Hausmusik-Festival Ende letzten Jahres in München. Notgedrungen entwarf man zu diesem Anlass ein reduziertes Set, denn die altbewährte Big-Band-Konstellation war aktuell nicht umsetzbar. T&TT ohne Bläser? Geht das gut? “Ich hatte ein paar Ideen vorbereitet, dann trafen wir uns einen Tag vor dem Auftritt, jeder hat sich ein paar Dinge dazu überlegt und dann haben wir am nächsten Tag gespielt.“ Was als einmalige Interimskonstellation aus Elektronik, Bass, Keyboard und zwei Schlagzeugen angedacht war, wurde so gut, dass es sofort in einer Studiosession mündete.

Zählten sie in der Vergangenheit eher zu den Jägern und Sammlern, indem sie Sounds aufspürten, Instrumentalspuren horteten und Materialberge aufschichteten, um unorthodoxe Songstrukturen im Prozess des Mutens, Loopens, Kürzens, Schiebens, Schneidens und Diskutierens zu formen, lag diesmal alles schon an seinem Platz. Der Livejam in reduzierter Form hat Freiräume geschaffen: mehr weglassen, dafür den Tönen mehr Platz geben. Etabliertes und Erwartungen blieben mehr denn je außen vor. Im Full Mental Village Weilheim haben sich die Regler des Tied And Tickled Trios eigenmächtig gen Mantra und Stille geschoben – und an diesem vermeintlichen Nullpunkt sind sie am intensivsten. Aelita ist schwerwiegende Leichtigkeit, ja, ein eigenartiger, seltener Klotz. Tolstoi passt hier natürlich. Aber Andreas muss von jenem unorthodoxen Sowjetbau gewusst haben.
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Elektronische Lebensaspekte.