Der Dorian Gray des Techno hat ein Album mit dem bezeichnenden Namen Sexor herausgebracht. Tiga glaubt Brasilien wird Weltmeister, dass Michael Douglas eine geile Sau ist und Elektronik mal wieder klarkommen soll. Was er macht, nennt er Drance und mit Madonna hat Tiga eigentlich nichts am Hut.
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 99


Nicht hübsch, aber sexy

Zuerst mal ein Grund zur Freude. Dieses ganze Ding Musikzirkus ist nämlich noch lange nicht tot. Wenn die mich hier von Berlin nach Hamburg fahren lassen, in dieses schicke prollglänzende Hotel genau an der Alster, wo man mit Cyberaußenaufzug in den 9. Stock gefahren wird und in der Bar erst mal sündhaft teuren Schwachsinn essen darf. Dann finde ich das super, natürlich. Weil Tiga ist ja nicht Madonna. Oder etwa doch?

Mit “Sexor” hat Tiga endlich sein erstes Album fertig. Man hatte ja immer den Eindruck, es hätte schon viele andere davor gegeben, tatsächlich waren das aber immer ausschließlich Remixalben. Und das kann er wirklich, der schmalschultrige und sympathische Raverboy aus Montreal. Aber Tiga weiß ja auch, wie es läuft, tanzte er immerhin schon mit 17 paralysiert zu DJ Tenor durch den Tresor. Dann “Sunglasses at Night”, Gigolo, Electroclash und DJ-Olymp. Mittlerweile hat er 75 Gigs jedes Jahr, sein Leben macht ihm Spaß. Wenn er nicht als liebeshungriger DJ durch die Welt jettet, hat er es in Montreal gerne gediegen. Zwei Extreme – zwei Hunde zu Hause, passt alles. Vielleicht rührt daher sein Interesse an Verkleidung und Rollenspiel, was immer auch auf seinen Covern, die ja ausnahmslos toll sind, nachzuschauen ist. Das campige Gay-Gedaddel, die Hyperposen und dandyliken Luftikusse, die er da spielt, die machen ihm eben Freude. “Es ist für mich selbst wichtig, mich immer neu zu erfinden, es macht aber auch das Gesamtkonzept meiner Musik deutlicher.“ Dass Farblosigkeit seine Sache nicht ist, war immer klar, aber noch mal nachgehakt. Diese ewige sexuelle Übercodierung, macht das nicht gerade heute, wo doch alle bloß noch androgyn “oversext und underfuckt” sind, überhaupt noch Sinn? “Ich kann mir nicht helfen, ich bin einfach ein sexy Guy, ich denke nicht, dass Sex etwas mit Schönheit zu tun hat, eher mit Überzeugung, oder Bewusstsein – das hat auch mit den verschiedenen Egos zu tun, die in einem sitzen und immerfort nach außen wollen, wo sie ja auch hingehören.“
Tiga erzählt lustiges Zeug, man hört da gerne hin. Wenn er an sein Album denkt, denkt er an einen weißen Fellmantel und natürlich an Michael Douglas, der als so etwas wie eine Muse funktioniert. “Er ist ein Sexsüchtiger, das mag ich sehr, ich bin auch so. Ich mag es, in einer Welt zu leben, in der jemand, der so hässlich ist, so sexy sein kann. Er hat einen Altmännerarsch und trägt diese verrückt hässlichen Sachen. Er sieht wie eine alte Frau aus, aber das ist toll, er ist eine Inspiration.“ Wer mit Tiga über Musik redet, ist wirklich selber schuld. Sein Album ist recht schnell erzählt. Das, was man von seinen Remixen kennt, wird auf “Sexor” grundsolide weitergeführt. Nur singt eben immer er und niemand anders. Produziert ist es zu gleichen Teilen mit Jesper Dahlbäck und Soulwax, und da ist eben manches etwas mehr Pop und anderes bisschen gerader nach vorne stampfend.
Letztlich weiß man nicht genau, für wann ist das jetzt? Für Zuhause zu laut, zu doll, zu grell – für den Dancefloor, den Rave aber auch zu wenig auf den Punkt, zu unscharf und lusch, zu knautschig lazy. Wo also damit hin?

Trampelpfade der Avantgarde
Wo früher noch klar getrennt wurde in guter Pop und böser Pop, sind solcherlei Kriterien heute relativ verlaufen. Produzenten ziehen keine Grenze mehr zwischen TopTen der Charts und abgerissenen Underground-Nummern, eine Perspektivverschiebung, die vor allem durch HipHop angestoßen wurde (dort gab es den tiefen Graben zwischen coolem Underground und Mainstream als der leeren Form von Pop in der Form nie) und zunehmend auch für Produzenten aus Techno und Rock zutrifft, wenn man z.B. an Tiefschwarz, Manhead oder LCD Soundsystem denkt.
Dadurch hat sich auch die Lesbarkeit der Endprodukte verändert. Das neue Album von Madonna wird neben Safety Scissors besprochen und Britney neben Jamie Lidell. Macht tendenziell keinen Unterschied mehr, wird zunehmend unter denselben Parametern in den gleichen Popzeitungen auf den gleichen Seiten und nebeneinander verhandelt – weil oft auch von den gleichen tollen Produzenten gemacht. Wo bei Madonna Steward Price von Zoot Woman an den Reglern steht, sind bei Tiga eben die Brüder Soulwax dabei; und dass die nach dem Tiga Beyonce einstylen gehen, ist gar nicht so abwegig.
Dabei ist es ja nicht so, das die früher einzig originäre Avantgarde nun bloß noch die Trampelpfade schnieker HipHop-Produzenten hinterhertrottet. Das bleibt ein Schauermärchen. Das aber komplexe und interessante Produktionen ein fester Bestandteil der Charts geworden sind, ist doch ausschließlich zu begrüßen. Tiga sieht das ähnlich: “Kategorien wie Underground machen einfach keinen Sinn mehr, dieses Elektro-Credo: ‘Wenn du eine Million Platten verkauft hast, ist irgendwas falsch gelaufen und du nicht mehr authentisch’, ist doch Blödsinn.“ Für ihn selbst war die Schneise zwischen Darkroom und viel hellerem Musikfernsehen immer schon interessant, sein Remix von Nellys “Hot in Herre” allemal toll. Etwas blöd wird es nur dann, wenn die Leute im Plattenladen statt “Sexor” eben doch Madonnas “Hung Up” als die bessere Wahl empfinden.

Nichtsdestotrotz hat Tiga mit “Sexor” ein ordentliches Stück poppigen House abgeliefert, das immer dann gut ist, wenn es stiller wird, so elegisch und mit verbrämtem Gesang, da weiß man plötzlich, was er will, da muss man endlich nicht mehr an die Musik denken, man kann hören, glücklich sein, Pop empfinden. Ganz schlecht ist “Sexor”, wenn “Burning down the House” in belanglosen Techno übersetzt wird. Manche Tracks versuchen die Reunion von Eurodance und man kann nicht erraten, ob das nun unfreiwillig oder richtig komisch ist.
“Sexor” ist ungefähr so erfrischend wie Westbam bei Sarah Kuttner oder das Fernsehprogramm von Pro7 am ersten Weihnachtstag, aber wo bei Madonna in letzter Konsequenz schlichte Discoratlosigkeit bleibt und der Style einem allzu amtlich reinkommt, spielt Tiga immer noch in den richtigen Clubs und rockt den Glamour ordentlich dreckig zu Ende.

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Elektronische Lebensaspekte.