Lernen für's Leben. Die französische Website "Tigersushi" führt auf einem launigen Spaziergang durch ihre Pixelstadt in die Verbindungen zwischen Can und Chicago-House, zwischen Gorillas, Gainsbourg und Verlaine. Die waghalsigsten Kombinationen veröffentlichen sie auf ihrem Label.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 63

Die Grundregel Nr.1 für eine erfolgreiche Website während der Brise des schlechten Atems der generellen IT-Rezession: Bau dir ein Maskottchen! Nichts macht so glücklich in harten Zeiten wie unsere pelzigen Freunde. Eine Weisheit, die im Netz um so mehr gilt, als dort die fellige Qualität trotz Skinz eher eine Rarität ist. Tigersushi.com, schon eine ganze Weile Geheimtip unter den Liebhabern von Pixellandschaften und Musikinteressierten sowie Lern- und Hörwilligen, ist aber auch deshalb eine Seltenheit, weil es aus Paris kommt. Nicht dass die französische Webdesigner-Szene kaum mit der angolanischen konkurrieren könnte, aber dass eine Webseite, die soviel Wert auf die Vermittlung von Musikgeschichte, Spaß beim Navigieren, Humor und visionäre Cross-Culture Szene- und Stil-Mischungen legt, dort herkommt, wo selbst nebeneinander liegende Plattenläden und benachbarte Label sich kaum zu kennen scheinen, und das obendrein noch in gallophilem English, verwundert. Und was verwundert (Grundregel Nr.2) und obendrein noch ein Maskottchen hat, mit dem kann gar nichts schief gehen in der Aufmerksamkeitsökonomie. Das Label Tigersushi mit seiner G.D.M. Split EP Serie, die so unglaubliche Dinge wie Cluster (deutsche ”Krautrock“-Legende) mit Tejada, Maurice Fulton mit Max Berlin (französische Discohouse-Legende) oder Ginax (einfach nur eine Legende) mit Metro Area zusammenbringt, hatte es aufbauend auf der Webseite dann auch leicht sehr schnell zu einem ”der“ wichtigen französischen Label zu werden und wird weiter der Grundregel Nr.3 folgen: Geschmackvolle, intensivste Vernetzung von Medien, Stilen, Musik, Geschichte und was sich sonst noch so einsam fühlt.

DEBUG: Was war die Grundidee für Tigersushi?

TIGERSUSHI: Wir waren von den Musikressourcen einfach etwas enttäuscht, die es im Netz zu der Zeit gab, als wir anfingen. Wir fanden sie zu klaustrophobisch. Da wir grade mit dem Studium fertig waren, entschieden wir uns, uns selber dranzusetzen und eine Webseite zu machen, die die Verbindungen zwischen all den verschiedenen Musikarten herstellen konnte, die wir “Quality Music” nennen würden.

DEBUG: War die Webseite zuerst da oder das Label, oder gar die Party, oder war es vielleicht doch der Tiger?

TIGERSUSHI: Die Webseite. Obwohl wir uns schon lange überlegt hatten ein Label zu machen, war es eher eine Weiterentwicklung der Seite, die sich in dem Label in eine Art Hardcopy-Form übersetzt. Etwas das man anfassen, zirkulieren lassen, fühlen, sortieren, sammeln und vielleicht sogar mal anhören kann. Der Tiger ist ein tapferes Tier. (so so…Die Red.) Aber auch eins, das beste Erziehung in einer bengalischen Musikschule genossen hat, so dass es den Groove mit seinen Schnurrhaaren fühlen kann. Es ist ein wenig snobby und liebt es damit anzugeben, dass es weiß, wo es das beste Sashimi in der Stadt gibt.

DEBUG: Was war die Idee hinter der Navigation der Seite: Diese Mischung aus Themepark und imaginärer Stadt?

TIGERSUSHI: Als wir angefangen haben unsere Pläne für Tigersuhi auf ein Papier zu malen, sah es irgendwann aus wie eine gigantische 3D-Version von New York City. Mit besserer Musik natürlich. Die Leute sollten darin rumlaufen und aus jeder Ecke kam ein anderer cooler Vibe…. Als wir dann feststellten, dass das Ganze teurer werden würde als ein Steven Spielberg-Film mit einer Allstar-Garde von Hollywood Starlets, mussten wir die Stadt wieder runterkondensieren und so blieb diese kristallisierte Version mit Pixelkunst und Navigation übrig, die uns Joakim gemacht hat.

DEBUG: Es ist für mich ziemlich ungewöhnlich, dass grade ihr aus Frankreich kommt. Mein letzter Eindruck war, dass man dort eher gut separierte Szenen hat, anstatt dieses Gewusel von Verbindungen quer durch alle Stile, das Tigersushi gerne sein möchte. Was ist denn euer Background?

TIGERSUSHI: Wir kommen eben aus den wildesten Dschungeln, wo wir uns auf jedes noch so unschuldige Tierchen warfen, das sich grade verzückt am sonnendurchfluteten örtlichen Wasserloch labte. Als wir dann die eleganteren Sounds von Musik kennen lernten und herausfanden, dass es einfacher ist zu Alice Coltrane zu grooven als sie als Harfinistin fürs Abendessen einzuladen, wurden wir Vegetarier und versuchten etwas mit den Melodien zu machen, in die wir uns mittlerweile verliebt hatten. Joakim (Lone) produziert obendrein noch Tracks für Versatile, was vielleicht die “Verbindungen” ein wenig erklärt, aber wir sind nicht wirklich Partyanimals. Die Szene in Paris kennen wir eigentlich so gut nicht, abgesehen mal davon, dass hier eine Menge guter Labels sind, die alle hart daran arbeiten, dass ihre Musik gehört wird. Was im Vergleich zur französischen Musikszene von vor 20 Jahren schon ein ganz schöner Fortschritt ist.

DE:BUG: Wie wichtig ist euch dieses Überschreiten von Genregrenzen auf dem Label und auf der Webseite? Diese Methode, Dinge sehr clever miteinander zu linken, von denen man dachte, dass sie weit voneinander weg sind?

TIGERSUSHI: Cross-Referentialität ist tatsächlich die Philosophie hinter der gesamten Webseite. Es soll diese natürlichen Zyklen zeigen. Wie z.B. die Wiederentdeckung von Jazz in HipHop, wiedergeboren in Nu-Jazz und Elektronika. Dieses Linken beschränkt sich ja auf der Webseite nicht nur auf den Stil der Navigation: Dass man z.B. immer gleich mehr Info über die Tracks bekommt, wenn man das Radio hört, sondern auch auf den Content selber. Die meisten guten Musikjournalisten haben es ja gelernt diese Clichées wie: “X trifft Y der soundso drauf ist” zu vermeiden, wenn sie eine Platte beschreiben. Aber bei Tigersushi ist das kein Taboo, weil uns die Links ermöglichen diese Referenzen direkt verständlich zu machen. Es macht das Schreiben auch impliziter und exzessiver, weil man eine Idee oder ein Gefühl einfach durch einen Link ausdrücken kann. Außerdem kann man jede Menge schräge Dinge, Zitate, Cut and Paste-Techniken verwenden, so dass der Content noch etwas unterhaltsamer oder albern absurd wird.

DEBUG: Wer kommt bei euch mit den Ideen für neue Platten und die neuen Tracks?

TIGERSUSHI: Wir machen, wie bei der Webseite auch, alles zusammen. Die Ideen gehen in einem ständigen Ping Pong hin und her, bis sie umfallen. Manchmal kann es auch ein langsamer Prozess sein, in dem die Ideen reifen, oder irgendwo verrotten. Wenn wir uns erstmal auf eine Idee, einen Titel, Konzept und Herangehensweise geeinigt haben, dann ist es normalerweise Joakim, der sich um die Tracks kümmert. Er programmiert auch unser Webradio (wobei wir ihm Vorschläge machen), kontaktiert neue Producer. Ich mache mehr so den Lizenz- und Business-Kram.

DEBUG: Der Untertitel eurer Webseite ist ja: The Music Community. Was meint ihr damit? Nicht euer Forum, oder?

TIGERSUSHI: Nein. Aber wir arbeiten an massiven Community-Services. Abgesehen davon aber ist in unserer Vorstellung so ein Online-Hafen etwas, das genau wie eine Stadt, Berlin, London, Detroit, auf einer Community basiert. Die der Musikfans und der guten Produzenten überall auf der Welt.

DEBUG: Wie wichtig ist Geschichte für Tigersushi? Die Tigersushi School ist ja schon von Anfang an ein integraler Teil der Seite? Und obendrein etwas, das man nur sehr selten auf Webseiten über Musik findet.

TIGERSUSHI: “if, we’re not schooling the youth wit wisdom / Then the scenes of the fathers will visit the children/ And that’s not keepin’ it real/. That’s keepin’ it wrong.” (ist von Gang Starr, Robin Hood Theory Intro). Wir versuchen einfach eine weitere Generation von Kylie Minogue-Zwangsernährungskids zu verhindern.

DEBUG: Was ich besonders mochte, war die Idee, dass eure Platten so etwas wie ein imaginärer Club sind. Was würde im Tigersushi Club passieren?

TIGERSUSHI: Es wäre etwas wie Paradise Garage oder das Loft, mit dem besten Soundsystem und Licht, in einer perfekten Open Air Location mit vielleicht einem Hauch Berliner Klasse. Auf spezielle Anfrage von Maurice Fulton würden wir nur Orangensaft servieren und ständig versuchen nicht diese oberlässigen Club Promoter zu werden, zu denen man mutiert, wenn man einen Club macht. Hätten wir wirklich einen Club, bin ich sicher, dass ich mir jeden Abend die Nägel abbeißen müsste, weil ich so nervös wäre, ob die Crowd es gut findet, dass die Atmosphäre stimmt und das Geld und überhaupt der ganze Ärger….Ich glaub, ich hätte keinen Spaß.

DEBUG: Was fällt euch musikalisch zur Zeit am meisten auf?

TIGERSUSHI: PlugIn-Electronic und Electronica. Plaid, MOS, Mikael Romaneko, am meisten aber Plaid. Obwohl ich an allem Spaß habe, von Taana Gardner bis hin zu Neu! – obwohl eher in kleiner Dosis – hab ich zu Tracks von Plaid immer sofort eine direkte Verbindung. Plaid haben allerdings mit dem, was zur Zeit am spannendsten ist, eigentlich nichts zu tun.

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Elektronische Lebensaspekte.