Jazzmusiker können die besseren Elektronika-Produzenten sein. Zumindest wenn sie mit ihrem Jazz-Hintergrund so wenig hausieren gehen wie Tilman Ehrhorn.
Text: Fernando Offermann aus De:Bug 97

Ein Ohr für Voicings

Bis eben war es schön still an einem Samstagnachmittag in einem Berliner Café, doch auf einmal röhrt die Espressomaschine auf wie eine Dampflock, und dagegen anzuschreien ist nicht das Ding von Tilman Ehrhorn. Vielmehr blickt er konzentriert, hebt kurz die Augenbraue und redet einfach weiter. Er neigt den Kopf ein bisschen schräger über den Tresen, erzählt gegen den Lärm an und erklärt, wie er nach “Task” für Mille Plateaux zu Resopal gekommen ist. Stephan Lieb kannte er noch von Force Inc. “Ich habe ihm einfach ein Demo gegeben und einen Tag später war schon alles entschieden.”

“Heading For The Open Spaces” hebt sich deutlich vom härteren “Task” ab. Fast selbstverständlich fügen sich die ersten Minisamples zu einem Verbund zusammen, die Clicks bleiben sachlich, doch sehr bald macht sich der Beat bemerkbar. Alles andere als aufdringlich. Tickend und ohne merklichen Puls bewegt sich die Textur, Schichtungen kreisen, und als sei es ganz normal, folgt schon ein Akkord, aber das fällt erst später auf. “Das ist ganz wichtig: Was ich sonst als Jazz-Musiker mache, trage ich nicht in den elektronischen Bereich. Das hier ist etwas völlig Eigenes.”

“Reduktion ist schon sehr wichtig, und wenn ich Akkorde hineinbringe, dann ist das etwas ganz anderes als im Jazz. Auch wenn die Voicings wichtig sind, also in welchem Verhältnis die Noten zueinander in den Akkorden stehen.” Das Album erreicht auch jene schnell, die neu im Thema sind. Auf einer Modenschau zum Beispiel. Der Aufmerksamkeitswert wandelt sich auf einer Show radikal. Sie könnte passen zu den Plattenspieler-Installationen von Carsten Nicolai von eigen+art. Im Film, einer Ausstellung oder als Teil einer Rundfunk-Produktion. Aber auch sehr gut zu Hause. Vier bis fünf Minuten Länge der Stücke, stimmige Dramaturgie, unaufdringliche, intelligente Kompositionen, freundlich und räumlich, organisch und elegant.

“Die Auftritte der Elektronika-Leute sind ja ganz anders als beim Jazz. Na klar, der kopfnickende Typ hinter den Geräten in diesem bläulichen Licht, der sich ab und an irgendwas ans Ohr hält – das ist natürlich ganz anders als die Präsenz des schwitzenden Jazzers, der da steht und macht. Ist aber auch lustig, dann kommt jemand und will dir was erzählen und du ziehst gerade an irgendwelchen Reglern vom Midi-Controller rum.”

“Die Musik ist ruhig, wer weiß, ob sie viele erreicht”, sagt er und wir bestellen und bestellen, obwohl wir eigentlich spazieren wollten. “Aber zum Glück gibt es einen weltweiten Vertrieb.” Bei Mille Plateaux wirkte sich die Katastrophe mit dem Untergang des EFA-Vertriebs sehr deutlich aus, so hat “Task” auch nicht jeden erreicht.

Resopal Schallware wird mehr Glück haben. Das Konglomerat aus den quasi gewebten Minisamples von rhythmischen Klangquellen, Voicings und Obertönen aus dem Synthesizer fügt sich wie von selbst zu einer Räumlichkeit und einem organischen Verbund, der schon zeigt, dass da ein Musiker am Werk ist. Schon durch die Dramaturgie der Stücke, das Format und die Eleganz. Dazu braucht man ein Ohr, und sehr viele Nicht-Jazzer haben welche, aber Ehrhorn hat schon besondere.

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Elektronische Lebensaspekte.