Wenn der Wahl-Brightoner eine Bühne betritt, reichen sich Schuljunge, Punk und Surfer im Breakcore-Gewitter die Hände. Sein Begriff "Gabbaret" trifft es auf den Punkt.
Text: Michael Wallis aus De:Bug 105

Breakcore

Grober Unfug und Surfen
Tim Exile

Tim Exile ist eine große Nummer, vor allem live auf der Bühne. Warum nun auf Mike Paradinas Label mit der “Nuissance Gabbaret Lounge” eine heterogene Compilation an ebensolchen Live-Tracks veröffentlicht wird, erschließt sich sofort. Allen, die seine Shows kennen, sowieso und denen, die noch nicht die Chance hatten, einen Gig des Brightoners zu erleben, läuft das Wasser im Mund zusammen. Die CD eignet sich perfekt, um die Tim-Exile-Live-Shows immer mal wieder kurz zu reproduzieren. Durchhören kann man diesen coolen Unfug eigentlich nicht, denn dafür sind die Tracks zu sehr Momentaufnahmen von Gigs, die aneinander gereiht nicht unbedingt allzu viel Sinn machen. Der Besuch eines Tim-Exile-Gigs in Kombination mit der “Nuissance Gabbaret Lounge” führt zu ungekannten Suchtzuständen, die bei mir dazu führen werden, dass ich mir vornehme, in den nächsten Jahren keines seiner Konzerte im Umkreis von 300 Kilometern zu verpassen.

Der erste Schritt zur Exile-Abhängigkeit könnte die Stuff-Section seiner Website sein, denn dort findet sich ein großer Spaß zum Downloaden, die ”The Gabbaret Lounge Part 1“, eine Radioshow, die er für das Londoner Kunstradio Resonance FM zusammengebastelt hat. Das ist definitiv ein Wahnsinn der allerersten Güte. Ein Mash-Up aus mindestens zwei Jahrzehnten Musikgeschichte, immer wieder lustig kommentiert und lässig abgefuckt durch Mister Timothy Exile. Diese neue Spielwiese scheint Tim momentan total angefixt zu haben: “Ich denke, das ist wahrscheinlich die neue Herausforderung für mich. Das ist echt verrückt, es ging mir um einen theatralischen Umgang mit Musik. Dahinter stecken sicher meine Live-Shows. Anfangs hab ich ja einfach nur freakig aufgelegt. Dann wurde der Live- und Improvisationscharakter immer stärker. Meine Herangehensweise hat sich dabei immer weiter gewandelt. Irgendwann war es eine richtige Show, einer Art Kabarett mit Breakcore, Gabba und allem, was mir in den Sinn kam. Die Musik steht dabei im Mittelpunkt, nicht unbedingt die theatralische Bühnen-Performance. Die Radioshow präsentiert eine neue Essenz daraus. Ich versuche die Musik dabei wie in einem Varieté zu präsentieren. Es geht mir darum, total unterschiedliche Musik zusammenzubringen. Es sind vielleicht nicht unbedingt Platten dabei, die eine weiterreichende kulturelle Relevanz haben, dafür sind sie für mich wichtig. Zum Teil sind es Stücke, mit denen ich aufgewachsen bin. Ich denke, bei den einzelnen Tracks lässt sich vielleicht nicht unbedingt viel zwischen den Zeilen lesen. Eigentlich passen sie überhaupt nicht zusammen. Das Spannende daran ist der Subkontext, der durch die Kombination entsteht. Mir geht es darum, die Kontaktpunkte zwischen den unterschiedlichen Dingen zu finden. So entsteht eine neue Individualität. Es geht darum, diese Aspekte zusammenzubringen. Wenn du die Sachen quasi dadaistisch kombinierst, wird es immer aufregender. Je mehr Zeit du mit Dingen verbringst, die einfach nicht zusammenpassen, umso mehr merkst du, dass sie doch passen. Sie sind wie Tag und Nacht. Am Ende will ich den Tag zur Nacht machen oder umgekehrt.“

An sich klingt das alles nicht unbedingt so wahnsinnig neu, denn Querdenker gibt es zum Glück überall, aber die Konsequenz und der Stil, mit dem Tim Exile hierbei arbeitet, bringt eine neue Qualität hervor. Er schafft es mit einer Leichtigkeit und Unbekümmertheit, zugleich überraschende Sachen zu machen und dabei trotzdem so heftig zu rocken, dass ich hier definitiv von einer gewissen Genialität sprechen würde. Nachdem er einige Jahre Drum and Bass produziert hatte, wurde ihm das schnell zu langweilig. Letztes Jahr erschien dann “Pro Agonist”, seine Post-Drum-and-Bass-Scheibe: “Dabei ging es um die totale Perfektion. Ich habe den Eindruck, dass da der Schuljunge in mir durchgegangen ist. Ich denke, das war mein post-akademischer Orgasmus, die totale Präzision. Es ist weniger als zwei Jahre nach meinem Abschluss meines Philosophie-Studiums erschienen. Wahrscheinlich habe ich damit diesen Lebensabschnitt nochmals für mich abgeschlossen. In der Zeit hatte ich dieses Interesse für Drum and Bass, aber auch für Breakcore. Viele der Tracks sind super präzise, zugleich besitzen sie auch diese Freiheit und Energie. Ich habe das damals einfach auch super aufwendig produziert.“

Damit hatte er das Musikschreiben vorerst komplett ausgereizt. Also hieß es für ihn, sich selbst die neuen Möglichkeiten zu schaffen. Er programmierte ein Tool für Native Instruments Reaktor 5, um live den nächsten Schritt zu gehen. Jetzt konnte er in Echtzeit seine Stimme und Samples manipulieren. Live-Spielen heißt für Tim eben nicht nur die Studiosachen zu reproduzieren und mit mehr oder weniger standardisierten Presets zu arbeiten. Für ihn ist das nicht mehr als langweiliges Playback. Er will immer wieder ins kalte Wasser springen und einfach eine Stunde auf der Bühne improvisieren und durchdrehen, bis nichts mehr geht. Nachdem er bei Pro Agonist der disziplinierte Schuljunge war, lebt er live einen anderen Teil seiner Persönlichkeit aus. “Beim neuen Album sehe ich mich mehr als ein spielendes Kind. Die CD ist auch ein Fuck You! gegenüber der alten Platte, bei der die Tracks so unheimlich perfekt sind. Selbst wenn ich die Tracks der Pro Agonist heute höre, denke ich, da könnte ich definitiv nichts besser machen, keinen Tick. Bei den Tracks der Nuisance Gabbaret Lounge ist es genau das Gegenteil, ich könnte da unheimlich viel besser machen, aber darum geht es eben nicht. Mir ging es dabei einfach um die rohen, unverfälschten Live-Aufnahmen. Sie haben in einer ganz bestimmten Situation funktioniert. Sie zeigen dieses Gefühl, auf Tour zu sein, manchmal einfach nur von allen angepisst zu sein und immer wieder verrückte Sachen auszuprobieren, die ich als Teenager vielleicht versäumt habe. Es ist definitiv der Punk in mir, der da durchkommt.“

Die Ideen der Radio-Show will er nun in seine Live-Shows integrieren. Auch wenn der sympathische Brite in seiner Selbsteinschätzung davon ausgeht, dass sowieso so einige Persönlichkeiten in seinem Splitbrain existieren, hieße das nun definitiv mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten, aber eben nicht im Studio, sondern auf der Bühne: “Ich stell mir das wie DJing vor, aber eben nicht mit Platten, sondern mit Musikern. Dann könnte ich diese auch manipulieren.“

Mal abwarten, wenn er da manipulieren wird. Vielleicht macht ja selbst der Planet-Mu-Chef Mike Paradinas mit? Jetzt bleibt eigentlich nur noch die Frage offen, wo sich der ehemalige Philosophie-Student die Inspiration herholt. Das Geheimnis liegt für Tim, der seit einiger Zeit in Brighton lebt, definitiv auf dem Wasser. “Ich gehe oft Windsurfen. Ich hab dabei ein unheimlich gutes Körpergefühl und komme auf neue Gedanken, auch wenn es etwas verrückt klingen mag, ich denke, ich kann dabei quasi meine innersten Gedanken erkunden. Seitdem ich wieder mehr surfe, bin ich auch wieder viel kreativer beim Musikschreiben. Eine Zeit lang wollte und konnte ich keine Musik mehr schreiben, aber mittlerweile bin ich wieder bereit, mehr Zeit dafür zu investieren. Die beiden Alben verhalten sich gegensätzlich zueinander. Für mich gibt es mittlerweile definitiv eine konstante Linie, die beide Pole verbindet. Ich kann nicht genau beschreiben warum, aber das Surfen ist Schuld.“

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Elektronische Lebensaspekte.