Auch Tim Hecker alias Jetone gehört zu dem kanadischen Technokreis, der außerhalb Kanadas als beneidenswerter Innovationsklüngel erscheint, der aber doch jeden mit seinem Virilio-Büchlein und der Dreckwäsche alleine lässt. Zum Glück gibt es die Audiosoftware "Audio Vulge", My Bloody Valentine und politische Theorie.
Text: sascha kösch aus De:Bug 59

Granulare Gitarre

Tim Hecker ist aus Kanada. Viele Menschen kommen da her. Die letzten 12 Monate waren eine richtige kanadische Invasion. Nachdem die ersten EPs von Akufen fast nur von RRR wahrgenommen wurden, kam Jeff Milligan mit seinem Revolver Label und der Botschaft, dass Kanada eine Art Atlantis der Zukunft von Clickhouse und Techno sei. Dann brachen die Dämme. Ein Artikel über Montreal, Toronto, Akufen, Fairley, Dumb Unit usw. jagte den nächsten, deutsche Label überbieten sich mit Releases von den einschlägigen und immer verdammt guten Acts. Das Netzwerk Kanada war auf einmal vollkommen in den Kölner, Berliner, Frankfurter Micro-House-Kosmos integriert. Und auch wenn man sich hierzulande schon mit der Vorstellung angefreundet hat, dass Akufen eigentlich einen eigenen Club in Berlin verdient hätte, Milligan der beste DJ der Welt ist, bleiben immer noch einige Acts etwas im Schatten. Jetone zum Beispiel, der sich für seine Releases auf Substractif mit seinem eigenen Namen Tim Hecker ruft. Obwohl seine Tracks auf unterschiedlichsten Compilations von Labeln wie FatCat, Tigerbeat6 oder PitchCadet erscheinen, hat er bislang keine 12″es, sondern nur Alben releast. Zwei. Und die sind so unterschiedlich, dass man erst mal kaum glauben will, dass Hecker und Jetone eine Person sind. Jetones “Ultramarine” war dunkler, vielschichtiger Clickerhousetechno mit viel Dub und generativ überbordender Breitwandästhetik, und Tim Heckers “Haunt Me…” ein fast ambientes, mit viel Gitarrengranularsynthese und unheimlichen Samples angehauchtes Stück großartiger Melancholie. Wie kommt das alles, wollten wir wissen. Und fragen den nach seinen zwei Auftritten auf der Transmediale dezent übermüdeten Hecker erst mal blindlings aus.

DEBUG: Vermutlich hilft es zur Zeit aus Kanada zu kommen, oder?

TIM HECKER: Ich wundere mich schon manchmal darüber, wie stark geographische Vorstellungen Interpretationen beeinflussen. Es gibt ja eine richtige Kanada Romantik. Was wäre, wenn das Zeug aus Texas kommen würde, aus Arizona oder so.

DEBUG: Du magst es nicht so sehr, Techno live zu spielen?

TIM HECKER: Der Sound bei der Transmediale war schwierig, alles clippte ständig und die Crowd schien etwas sperrig. Es dauerte auch von der Musik her so lange, bis es rhythmischer wurde, und die Leute sahen aus, als wären sie hungrig auf Beats.
Ich mag es aber auch nicht, so minimal zu sein. Auch Tracks wie die, die ich auf dem Album für Substractif produziert habe, sind eigentlich eher laut, wenn ich sie mache. Ich mag nicht unbedingt ambiente Dinge im Sinne von Möbelstücken oder so. Es muss schon so laut sein, dass man nicht mehr reden kann.

DEBUG: Wie produzierst du für “Tim Hecker”?

TIM HECKER: Es ist eigentlich eine ähnliche Methode wie bei Jetone. Man prozessiert digital ständig alles immer weiter und versucht es weit weg zu pushen, um es zu etwas “Organischem” zu machen. Ich kann dieses Wort nicht leiden, organisch, das klingt fast Hippie, New Age. Aber es soll schon nicht diesen linearen, genremäßigen oder Rebirth-Sound haben, der entsteht, wenn man mit “light” Software arbeitet. Und von da ab ist es eigentlich Granularsynthese und wie man sie in kreativer Weise benutzen kann.

DEBUG: Die Art, wie Akufen es macht z.B., ist aber auch deshalb spannend, weil man etwas “dahinter” hört.

TIM HECKER: Ja, vielleicht weil er das Radio benutzt. Er lässt einfach einen Enrique Iglesias Track einfließen und man würde nie darauf kommen, was es ist.

DEBUG: Woher kommt die Idee für dieses kleine Extrakärtchen auf der “Haunt Me” CD mit einem Virilio Zitat?

TIM HECKER: Das Label exportiert sehr viel nach Japan, und da sind solche Kärtchen üblich. Normalerweise steht dann so was drauf wie: Wenn du Vladislav Delay magst, dann… . Es musste Text drauf sein, also wollte ich etwas, das, ohne zu prätentiös zu klingen, mit der Musik zu tun hat.

DEBUG: Virilio kann schon ganz schön prätentiös wirken.

TIM HECKER: Bei uns ist er nicht ganz so popularisiert. Er ist nicht so die artistische Bibel wie z.B. Deleuze. Schon gar nicht in dem Fach, das ich studiere. Politische Theorie.

DEBUG: Was machst du da?

TIM HECKER: Ich untersuche Paramilitärische Polizeistrukturen. SWAT-Teams z.B. und wie sich Polizei dem Militär annähert und auf der anderen Seite so etwas wie “Community Police” entsteht, was in den USA noch recht neu ist. Ideen von öffentlich ansprechbaren, sozusagen demokratisierten Policeoffices. Was irgendwie auf dieses alte Polizeibild der “eisernen Faust in einem Samthandschuh” zurückblickt.

DEBUG: Das ist einigermaßen weit weg von Musik.

TIM HECKER: Manchmal weiß ich nicht, ob Musik alleine überleben kann. Viele Leute, die Musik machen, sind nicht sonderlich gut darin, darüber zu reden, was sie machen. Mir hat mal jemand gesagt, dass von allen künstlerischen Disziplinen Musik diejenige ist, die am wenigsten außerhalb ihres eigenen Objekts darüber reden kann. Manchmal scheint das wahr zu sein.

DEBUG: Und Virilio?

TIM HECKER: Es hat was mit dem “Brainspace” dessen zu tun, was er schreibt. Es produziert ein ähnliches Gefühl wie die Musik. Er benutzt Technologie, aber nicht in dieser gebrainwashten, auf Zukunft fokussierten Art, er hat fast etwas Melancholisches. Bei vielen Labels, davon eine Menge deutscher, hat elektronische Musik oft etwas von einem zirkulären System, in dem die digitale Musik zu einer Art Spiegelbild der Technologie wird. Sie machen Maschinenmusik ,”weil” sie Maschinen benutzen. Ich mag es, technologische Musik zu machen, die aus dieser Box herausspringt, die digitale Technologie benutzt und die nicht von den Techniken handelt.

DEBUG: Natürlich sind aber auch deine Platten eine Art von explizitem Gebrauch von Technologie. Nur gehören sie zu einer Art von Musik, die, wie bei einigen anderen zur Zeit auch, zu etwas wie einer “natürlichen” Qualitiät kommen wollen. So blöd das Wort auch sein mag. Man sitzt an einem Computer und macht Granular-Synthese und bezeichnet das als “natürlich”.

TIM HECKER: Schwierige Situation, oder? Ich mag es auch, z.B. am Computer zu sitzen und nicht auf das Gebäude nebenan zu sehen, ich würde lieber durch einen Park laufen. Nicht-elektronische Musik mit Architektur zu identifizieren, was ich langweilig finde. Für mich wird Philosophie in Musik oft zu emphatisch benutzt, obwohl ich es wichtig finde, über Musik zu reden. Selbst die Megastar DJs versuchen ja ab und an mal, konzeptuelle Kunst zu machen.

DEBUG: Richie?

TIM HECKER: Nein, seine Nemesis, Jeff. Ich habe wirklich versucht, das zu verstehen, was er will. Bin aber nicht dahintergekommen. Vieles von dem, was so gemacht wird, sind meiner Meinung nach sehr konventionelle Ideen, die aus etwas entspringen wie, dass die Geschichte uns durch die Technologie befreien wird.

DEBUG: Es passt auf jeden Fall oft nicht zu der Vielfalt von Musik, über die geredet wird.

TIM HECKER: Schon merkwürdig. Maler können ja z.B. sehr gut über das reden, was sie machen.

DEBUG: Maler werden aber auch dazu erzogen, nie “nur” zu malen, sondern, schon um etwas zu verkaufen, gleich die Theorie mitzuliefern. Wer ein Maler werden will, muss fast schon Intellektueller werden.

TIM HECKER: Mit digitalen Medien, interdisziplinären Dingen ist es auch so.

DEBUG: Auch in Musik gibt es aber verschiedene Diskurse. Nicht nur den über Technologie, wie auch immer man sich dem gegenüber positioniert, sondern auch den über Kommunikation mit Musik und in Musik – nicht in Text notwendigerweise. Es gibt den über den anderen Bedeutungsrahmen von Musik. Von einer anderen Referentialität als der von Text. Das Samples eben nicht Zitate sind, usw.

TIM HECKER: Wie z.B. DJ Spooky sagen würde? Ja. Wenn man eine Struktur braucht, die sich an etwas festhält, das man schon kennt. Das ist ein wenig arm.

DEBUG: Arbeitest du mit anderen zusammen? Die Kanadier, das hört sich immer so kollektiv an.

TIM HECKER: Ich dachte heute, dass die Deutschen viel Community-mäßiger sind. Da waschen Leute für andere in ihrer Wohnung Wäsche. Das passiert nicht in meiner Welt. Da sind alle mehr Individualisten. In Montreal sind die elektronischen Musiker eher isolierte Individuen, die an egozentrischen Projekten arbeiten. Es gibt schon ein paar Kollaborationen, aber die Technologie, die wir haben, ist ja auch mehr eine Einpersonen-Technologie. Man kann eher Abzweigungen nehmen, als zusammen zu arbeiten.

DEBUG: Wen würdest du als ähnliche, verwandte Leute bezeichnen?

TIM HECKER: Vielleicht Fennesz, Gas und My Bloody Valentine. Das hat weniger mit der Arbeitsweise zu tun als mit dem Gefühl, das sie auslösen. Ich werfe aber auch gerne vieles durch einen Gitarrenverstärker, um es etwas zu degradieren, damit es nicht so micro-digital klingt.

DEBUG: Es gibt so unwahrscheinlich viele Leute, die sich nach extrem vielen Jahren immer noch auf My Bloody Valentine beziehen.

TIM HECKER: Für mich hat “Loveless” seine Zeit überlebt. Es ist einfach Wahnsinn, wieviel Zeit man denen damals im Studio gegeben hat. Es gibt diesen einen Track mit nur akustischer Gitarre, die so oft übergedubbt wurde, das es einfach nur noch fetter und fetter klingt. Die müssen ihr Budget damals so stark überzogen haben. In dieser Zeit so etwas zu produzieren – und dann auch noch so eine vergleichsweise unbekannte Band wie My Bloody Valentine. Sehr speziell. Hoffentlich gibt’s nie ein Comback, sonst werden sie vielleicht noch wie Elvis in seinen letzten Zügen.

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Elektronische Lebensaspekte.