Kanada, soweit das Auge reicht. TIm Hecker hat über die Jahre seinen ganz eigenen Sound kultiviert, auf Labeln wie Alien8 oder Intr_Version große Alben releast und ist jetzt inmitten einer krisseligen Ruhe angekommen. Ambient, nur anders.
Text: Rene Margraff aus De:Bug 107

INDIETRONICS

Massiv und entkernt
Tim Hecker

Dass sein neues Album nun auf Kranky erscheint, scheint schlüssig. Mit “Harmony in Ultraviolet” ist Tim Hecker sein konzentriertestes Album gelungen. Noch mehr als auf “Radio Armor” oder “Mirages” fließt alles ineinander, die vielschichtigen Klangteppiche aus Harmonie, Field Recordings und Verzerrung haben aber genug Löcher, um den Beigeschmack von Wohnton zu vermeiden. Adjektive wie “ruhig” oder “ambient” treffen nicht zu und laut gehört drückt diese Musik einfach mal so die Pausetaste – während der Wall of Sound brodelt.

Tim verfremdet dabei Aufnahmen analoger Klangquellen wie Piano und Gitarren im Laptop. Sei es nun via Audiomulch oder Reaktor, gerne werden digitale Loops auch noch mal durch das Gitarrenpedal geschickt, statt nur auf Software zu vertrauen. “Im Grunde genommen bin ich wirklich sehr zufrieden mit meinen Werkzeugen, die vielleicht im Jahr 2003 ‘state of the art’ waren. Allzu viele Einschränkungen erfahre ich durch diese Mittel nicht und ich finde die manchmal auch eher gut. Insofern stelle ich bei mir eine Tendenz fest, eine gewisse Ignoranz gegenüber neuen PlugIns oder neuer Software zu kultivieren, schon alleine auch deshalb, weil ich die wenige freie Zeit nicht noch damit verbringen möchte, neue Sachen runterzuladen und dann nur damit rumzuspielen. Meine Musik wäre so, wie sie ist, wohl auch im Jahr 1975 möglich gewesen.”

Das Ineinanderfließen der Stücke hat sich zu einer Trademark des Tim-Hecker-Sounds entwickelt. Manche Klangfarben tauchen an verschiedenen Stellen eines Albums wieder auf, im Mix werden einzelne Sounds rangezoomt und verschwinden kurz darauf wieder im ausgefransten, aber dennoch oft wuchtig monolithischen Wall of Sound.
“Ich versuche, Alben als eine massive Komposition zu betrachten. Die Bewegungen innerhalb eines Albums sind mir definitiv sehr wichtig. Dabei benutze ich rein technisch gesehen wohl die gleiche Hardware, Software und Gitarrenpedale wie 95% der restlichen Schlafzimmerproduzenten auch. Was es wohl ausmacht, ist der Ansatz, das Ausgangsmaterial stark zu manipulieren. Dabei ist es egal, ob es sich nun um eigene Aufnahmen handelt oder ob es Samples sind. Ich versuche, die Dinge zu entkernen, sie aus ihrem Originalkontext heraus in etwas Neues zu wandeln. Ich mag es dabei aber auch, mit dem Moment der Erkennbarkeit zu spielen, um Dinge kurz darauf wieder im Mix zu begraben.“

Ich konfrontierte Tim Hecker mit der Bezeichnung Eskapismus – bezogen auf die Qualität seiner Musik, die Zeit scheinbar still stehen lassen kann – und der Melancholie, die die vielschichtigen verzerrten Samples und Melodien in den Raum werfen. Ist Eskapismus für ihn ein Vorwurf?
Tim: “Nein, das ist schon ok. Wenn du mich nach dem Konzept meiner Musik fragst, dann wäre ich aber glücklicher mit Beschreibungen wie ‘melancholic exploding tone-clusters’, ‘fizzy white balls of melodic heat’ oder eben ‘escapist blue neo-hypnotic piano psychedelica’.”

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Elektronische Lebensaspekte.