Tim Love Lee ist der Kauz als Hipster. Auf seinen Labeln Peace Feast und Tummy Touch ist ihm keine Idee zu schrullig zwischen Scatgesang zu Heimorgel und Big Beat auf dem Bonanzarad. Der Spiegelbrillenträger mit klassischer Klavierausbildung eben.
Text: Christoph Jacke aus De:Bug 42

Lone Lee Love Lee
Tim ‘Love’ Lee

Mr. Love Lee ist müde. Eigentlich wäre er an diesem Herbstabend schon viel lieber gähnend ins Bett gegangen. Aber Interviews müssen gegeben werden. Und Love Lee zeigt sich auskunftsfreudig und verschmitzt, geht den Mittelweg zwischen professioneller Coolness und Faible für kleine Anekdoten. Wer nun aber übrigens meint, die Schlaffheit des Frühdreißigers käme von wilden Drogenexzessen oder Partys, der sieht sich getäuscht: Love Lee sitzt im Büro seiner zweiten Plattenfirma Tummy Touch und macht die Buchhaltung: “Ich hasse es, Rechnungen zu schreiben”, lacht der in London wohnende Lee.

Hören und Machen

Nach verschiedenen Gastspielen in Bands (ja, es stimmt, er hat bei “Walking On Sunshine” von den englischen Grand-Prix-Helden Katrina And The Waves Keyboards gespielt!), dem ersten eigenen Label Peace Feast Records und einer klaren Neigung in Richtung Downbeats und Retro-Soundtracks, treibt er das Retro-Ding auf der neuen Platte “Just Call Me Lone Lee” auf die Spitze. “Ich habe immer schon 70er Musik gehört, hauptsächlich Funk, Disco und Fusion-Jazz. Die Siebziger üben einfach eine wahnsinnig starke Faszination auf mich aus. Sich an die Kindheit erinnern, als ich dümmliche Filme schaute.” Soundtracks mag Love Lee sehr, aber er ist kein großer Kino-Freak. Ob er mit Shirley Bassey aufnehmen würde? “Sicherlich. Aber lieber mit jemandem, die nicht so tough in der Stimme ist wie sie. Etwas Weicheres, Melancholischeres wie Julie London z. B.” Ja, Melancholiker scheint der blonde Bartträger zu sein: “Ich bin älter geworden und fühlte mich ziemlich schlecht, als ich mit den Aufnahmen zu ‘Just Call Me Lone Lee’ begann. Meine Freundin und ich hatten uns gerade getrennt. Ein Freund, der in meinem Haus lebte, hatte all diese bluesy-romantischen Singles von Frank Sinatra, Julie London etc. Ich wollte deren Stil, Ästhetik und Musik zu einem gewissen Grat übernehmen. Das Feeling, die Atmosphäre waren zu erst da, als Rahmen eines Konzepts. Dann setzte ich mich an ‘Just Call Me Lone Lee’ und produzierte.” Das Album führt eine Tradition großer Entertainer im leicht ironisch gebrochenen 2000er-Gewand fort, keine Frage. Wie produziert Love Lee? “Ich sample eine Menge 50er und 60er-Sachen und seltsame Platten und Tapes wie den Sprachkurs auf dem Track ‘First Base Bossa’. Ich spiele darüber hinaus einige Instrumente selbst, wie z. B. Perkussion, Mundharmonika, Keyboards. Beim nächsten Album möchte ich gerne alles live einspielen und mit einem Haufen Leuten zusammen auftreten. Aus dieser klasischen Band-Ecke komme ich ja auch eigentlich.” Love Lee bemüht sich, auf seinem Label Tummy Touch aber auch andere Wege zu gehen: die Releases reichen von Funky Disco über seine eigenen Soundtracks bis zu Gitarrenbands wie Mescalito.

Der erste Synthesizer

Basis für Lees musikalische Begeisterung war der Kontakt zu einer Maschine: “Ich war total fasziniert. Mein Vater arbeitete in einer Art Musik-Camp. Ich sah dort alle diese Maschinen rumstehen und dachte ‘wow’, so eins will ich haben! Sobald ich etwas Taschengeld gespart hatte, kaufte ich mir so ein Ding und saß Monate damit zu hause herum.” Es war ein Korg MS20, mit dem Lee immer noch gerne arbeitet. “Du kannst all diese stupiden Geräusche aus ihm herausholen”, lacht Lee. Im Gegensatz zum puren Ausprobieren hatte Lee allerdings eine Klavier-Ausbildung hinter und ein Musikstudium vor sich, über das er noch heute schwärmt.

Die anderen Dinge

Neben seiner Aktivität als Musiker, Produzent und Remixer (u. a. Gus Gus, Shed Seven und die befreundeten Groove Armada), legt Lee seit Jahren in zahlreichen Clubs auf: “Ich stelle sehr unterschiedliche Sets aus neu und alt zusammen. Nächstes Jahr würde ich gerne eine Freestyle-Multimedia-Show live präsentieren. Wir planen das gerade.” Der Mann sucht die Abwechslung. Ihn nervt das Immergleiche der Clubs, weshalb er in London auch nur selten ausgeht. Produktion erscheint ihm befriedigender als Konsumption, und so schüttelt er eine weitere Idee aus dem Retro-Ärmel, die einem beim Hören von “Just Call Me Lone Lee” schnell in den Sinn kommen kann: “Tanzsäle sind definitiv eine Angelegenheit der Vergangenheit, aber ein guter Freund und ich haben neulich intensiv darüber nachgedacht, einen solchen Club aufzumachen, mit Pärchentanz und Aufforderung, wie in den Tanzschulen. Hoffentlich nächstes Jahr.” Wie formuliert es unser Retro-Experte Lee grinsend: “We are all ready for something new!”

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Elektronische Lebensaspekte.