Nach vorne denken und nicht jammern: Tim Renner, Mr. Motor, nutzt die Diskussion um die Quote für deutsche Musik, um sich mit seinem Berliner Radio "Motor FM" und seiner Musikbusiness-Abrechnung in Buchform neu zu positionieren. Dabei will auch er nur Musik im Netz verkaufen. Stefan Heidenreich nimmt Renners Aktivität zum Anlass, mal einen Blick auf die Zukunft der Musikformate zu werfen.
Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 87

Musik ist tot, es lebe …
Das Radio, die Industrie, die Quote

Radio kommt von Radius, weil die Radiowellen sich rundum ausbreiten. Dort der Sender, hier die Empfänger – eine anschauliche Vorstellung. Noch immer konkurrieren Rundfunk und Kabel um die Datenströme, aber die Strukturen haben sich geändert.

Was war, was wird
Den Kabeln wurde mit Hilfe von Speichermedien und digitalen Daten ein Netz aufgepfropft, das nur noch in Ausnahmefällen Peer-to-Peer läuft, sich ansonsten in Links, Klicks und Adressen verteilt und sich in Listen, Foren und Communities organisiert. Der Rundfunk dagegen mutierte vom senderzentrierten Rundum zur flächendeckenden elektrischen Feldwolke, in der Einzelgespräche genauso wie digital simulierter Rundfunk zu empfangen sind. Das Radio, so wie man es heute noch kennt, wird unter den digitalen Datenströmen nur noch einen Sonderfall darstellen, der die Sendestruktur des guten alten Rundfunks simuliert. Es muss konkurrieren mit verteilten Downloads, lokalen Speichern, mit zeitversetztem Hören und einer über kurz oder lang fast unbegrenzten Anzahl abrufbarer Soundquellen.
Warum also noch Radio machen? Musik hat etwas übrig für alte Medien. Es sieht so aus, als würden das Radio wie auch das Vinyl als Dead Media Zombie nicht sterben wollen. Klubradio, Reboot, Twen.fm, Motor und etliche andere haben sich um eine freie Frequenz in Berlin beworben. Die Frequenz ist mittlerweile vergeben. Weder Reboot noch Twen haben sie erhalten, sondern ein Kindersender und, nach der gut orchestrierten PR-Offensive wenig verwunderlich, Tim Renner mit Motor FM. Zur Prime-Time kann er offenbar nicht senden, aber ab 21 Uhr läuft nun weiter, was während der Popkomm schon zu hören war. Um das Programm von Motor FM zu charakterisieren, wurde der Begriff des “Nationalen“ aufgerufen. Seit die Sammlung eines Flick-Erben neben dem Reichstag ausgestellt ist und deutsche Sicherheit am Hindukusch verteidigt wird, ist es wieder brauchbar, das Nationale.

Der Tod vs. Das Nationale
“Der Tod ist gar nicht so schlimm”, sagt Tim Renner im Titel seines pünktlich zur Popkomm erschienen Buches. Er beschreibt die Mechanismen der Musikindustrie als Geschichte eines Geschäfts mit dem kenntnisreichen Blick des Machers und vor allem dort, wo er selbst dabei war, besonders anschaulich und lebhaft. Für die Zeit nach dem Tod der Musikindustrie wagt er einen Vorschlag: Das Radio sieht er als entscheidendes Mittel zur Wiedergeburt der Musikindustrie. Motor FM soll ein Neuheitenradio mit Schwerpunkt auf heimische Produktionen werden. In der unsäglichen Diskussion um eine nationale Quote hat Renner sich zwar zurückgehalten. Er findet: Nur die von der Zwangsgebühr finanzierten öffentlich-rechtlichen Sender sollten sich vom Einheitsformat der Privaten unterscheiden, so wie es Motor FM vormachen will. Renner weiß, dass Radio nur noch ein Medienformat unter vielen sein wird. Deshalb plant er seinen Sender von vornherein als Dauerwerbesendung mit Direktmarketinganschluss via Download. Der Weg in eine Welt nach dem Rundfunk steht offen.

Der laufende Schwachsinn
Das alte und leider noch allzu gegenwärtige Radio wird von einem System drangsaliert, das unweigerlich zum größten gemeinsamen Nenner und Schwachsinn einer konsumistischen Mehrheit führt. Da Quoten nur Hörer zählen, ohne zu wissen, um wen es sich handelt, stellt sich das immer selbe Format durchlaufender Hits als Konsens-Optimum dar. Schon vor Jahren klagte die Industrie, dass ihre Neuheiten keinen Platz im laufenden Schwachsinn finden. Werbekunden, die mangels Differenzierung auf nichts anderes als Breite setzen können, fordern Hits und wieder Hits im Senderprofil. Aber daran würde weder die Quote noch die Fokussierung auf “nationales“ Musikgut etwas ändern. Nur die Profiteure werden dabei ausgetauscht, heimische Labels und Sublabels treten an die Stelle der Groß-Importeure. Aber die ästhetischen Gesetze des durchhörbaren Mehrheitsbreis bleiben dieselben, ob sie von einheimischen oder ausländischen Marktmusikern produziert werden.

Entwertung des Speichers
“Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm“, heißt Tim Renners Buch. Aber vielleicht liegt die Industriemusik doch so gründlich im Sterben, dass sie sich im alten Format nicht wieder beleben lässt. Das wäre nicht das Schlechteste. Die Formate, in denen Musik produziert wird, haben immer etwas mit den Medien der Notation, mit dem Speichern und Bearbeiten von Tönen und Daten zu tun. Vor 150 Jahren muss allein die Vorstellung, etwas Hörbares als Ding mit nach Hause zu nehmen, vollkommen absurd erschienen sein. Und es spricht viel dafür, dass das Ding, also die verkäufliche Schallplatte oder CD, aus der Musik sehr bald verschwunden sein wird. Dass damit der Versuch, Musik im gespeicherten Format zu vermarkten, zum Scheitern verurteilt ist, ist klar. Wenn aber zugleich alles Gespeicherte frei verfügbar und damit radikal entwertet wird, was kann das für die Zukunft der Musik bedeuten? Etwas Paradoxes, soweit es das Radio betrifft. Die Sendung, jene eigentümliche Form von Zeit und Daten, in der viele hören, was von einer Stelle gesendet wird, könnte nicht nur erhalten bleiben, sondern geradezu neu erfunden werden. Weil das Wiederhören entwertet wird, muss sich der Konsens im laufenden Sound bündeln. Sei es in einem Club oder an einer Datenquelle. Mit dem Radio teilt die neue Quelle nur noch eine formale, keine technische Ähnlichkeit mehr.

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Elektronische Lebensaspekte.