Tim Simenon aka Bomb the Bass zieht 13 Jahre nach "Beat Dis" von London nach Amsterdam und vom Island-Label zu Berlins Morr Music. In seiner Zusammenarbeit mit Lali Puna erfindet sich eine Legende neu.
Text: jan joswig aus De:Bug 47

From Amsterdam with Love
Tim Simenon/ Bomb the Bass
Bomb the Bass aka Tim Simenon hat mit “Beat Dis” 1988 per offensivem Samplereinsatz den Acidwahn in den UK-Cut-Up-Wahn übersetzt. Seinen damaligen Partner Pascal Gabriel lassen wir jetzt mal ungerechter Weise unberücksichtigt, genau so wie die damaligen Stars in spe Nellee Hooper (Soul II Soul) und J. Saul Kane (Depth Charge), die auf dem Album zu “Beat Dis”, “Into the Dragon”, kollaborierten. “Beat Dis” lieferte die Blaupause für die mosaikartigen Sample-Ravetracks, die Hip Hop-Schnitttechniken auf Housetempo gebracht haben: Coldcuts “Doctorin’ the House”, S’Express’ “Theme from S’Express” und Simon Harris’ “Bass, how low can you go”. “Beat Dis” selbst kletterte auf dem “Mute”-Unterlabel “Rhythm King” bis Platz 2 der britischen Top Ten. Dis war halt nicht zu beaten. Simenon: “Pascal Gabriel hatte damals schon einen Sampler, einen Akai S 900. Wir orderten zwei weitere. Der Ladenbesitzer konnte es nicht glauben: Wie? 3 Sampler? Wer braucht 3 Sampler? Heute ist das Standard. Ich ging also mit einer Tüte voll Platten in’s Studio und wir sampelten um die Wette. Das war’s, so ist ‘Beat Dis’ entstanden. Neben ‘Buffalo Stance’ mit Neneh Cherry war es meine leichteste Übung.”
Diese Schublade ist nicht meine Schublade
Aber eine Montagsplatte war es dann irgendwie doch. Sie will ihn bis heute auf dem falschen Genre-Fuß festnageln. Simenon: “Die ganzen Lexikoneinträge, die Bomb the Bass als Initialisierung von House in England werten wollen: streichen, nichts anderes als streichen. Sie vertreten eine komplette Misskonzeption meines musikalischen Ansatzes.” Tim Simenon hatte nie etwas mit 4 to the Floor zu tun, das ist ihm grob fremd. “‘Beat Dis’ ist Hip Hop verwandt. Samplebits zu benutzen und sie gegen einen Backingbeat zu werfen, ist Hip Hop. Als DJ im Wag Club habe ich nie Ravemusik gespielt. Soul und Funk, das war mein Programm, das war meine Inspiration für ‘Beat Dis’.”
Klar, Hip Hop, vom “Sugar Hill”-Label zum Beispiel, aus dessen Katalog er für “Beat Dis” gesampelt hat. Von Labelchefin Sylvia Robinson hat er einen Originalbrief im goldenen Rahmen hängen: “Ob Samples für ‘Beat Dis’ geklärt wurden? Zumindest habe ich einen Brief von Sylvia Robinson erhalten. Von ihr selbst unterschrieben. Nur, es war ein knallharter Drohbrief: 50% der Royalties wandern rüber zu uns, oder… Wir haben gar nicht erst weiter gelesen, sondern gleich bezahlt.” Für so viel hochgekrempelten Bizeps hat Tim nur Respekt. Könnte er nur so lässig sein, er wäre ein halbes Jahr früher und zum halben Preis aus seinem verkorksten Deal mit dem “Island”-Label ausgestiegen. Ein einziger Anruf statt endloser Verhandlungen.
This Island is not my Island
Tim Simenon fühlte sich jahrelang geknebelt von seiner Plattenfirma Island. Und zu Recht. Die legen einen auf Trockeneis, das ist kein Spaß. “Bei Island sah ich irgendwann nur noch die Rücken der Leute. Kein Interesse, sie nageln dich in der Warteschleife fest, aber raus lassen sie dich nicht. Als ich nach ‘Clear’ erneut für Island ins Studio ging, wusste ich bereits: Das ist nicht mehr meine Firma.” “Clear” war 1994 sein drittes und bisher letztes Bomb the Bass-Album. Mit “Bug Powder Dust” im Remix der Ösischnarchis Kruder & Dorfmeister hat es Trip Hop ausnahmsweise ein Vorzugsgesicht gegeben. In Tims Original antizipiert es Big Beat, eine Blaupause, bei der die Red Hot Chilli Peppers um Fat Boy Slim herumgrätschen. “Der ‘Clear’-Nachfolger ist nie erschienen, 6 Tracks sind fertig, soll ich die freiklagen? Der Vertrag mit Island ist jetzt gelöst. Das hat 6 Monate gekostet.” Raus aus dem Island-Vertrag, raus aus London. Er ist nach Amsterdam übergesiedelt und sieht endlich wieder rosa Wolken.
More, More, Morr
Und wem sei dafür Dank? Tja, einem kleinen Special Interest Label aus Deutschland, “Morr Music” von Thomas Morr. Dort wurde gerade seine Zusammenarbeit mit Lali Puna, “Clear Cut”, als 4 Track-Remixprojekt mit den Morr-Hauskünstlern veröffentlicht. Zwar werden die Würfel mal ein paar Scheckheft-Etagen tiefer neu ausgewürfelt. Aber eben enorme Freiheitsetagen höher. Simenon sucht neuen kreativen Input, Partner und nicht Vorgesetzte. Bei Morr findet er beides. Kein Großstar stülpt sich über ein Kleinlabel, Simenon reiht sich als Gleicher unter Gleichen in das Projekt. Ein Label, das sich mit Lali Puna, Isan, Arovane etc. privatistischer Listening-Poesie widmet, der Suche nach dem kleinen Lied, der verschollenen Melodie im Elektronikexperiment, wartet genau da, wo Tim Simenons Auseinandersetzung mit den Gerätemöglichkeiten im Amsterdamer Küchenstudio angelangt ist.
Simenon: “In Amsterdam habe ich nur ein sehr reduziertes Studio. Es ist in der Küche und begrenzt auf ein 16 Track Yamaha 404 16 Mischpult und eine MPC Drummaschine, die ich als Sampler und Sequenzer einsetze. Gerade in der Bearbeitung von Samples bietet das aber so grundlegend erweiterte Möglichkeiten, verglichen mit den ‘Beat Dis’-Zeiten. Ich habe schon immer alle Arten Musik gesampelt. Früher übernahm ich ganze Takte, heute schneide ich dagegen Minipartikel aus und drehe sie so lange durch den Wolf, bis sie sich selbst nicht wiedererkennen. Das nenne ich Spaß. ‘Beat Dis’ addierte sich nur aus Loops, du konntest mitzählen. Damals war man schon begeistert, überhaupt ein Loop extrahieren zu können. Heute bekommt man von der statischen Langeweile nur noch Maulsperre. Ein Sample so bearbeiten zu können, dass es permanent fließt und sich wandelt, das ist die Idee. Geht man eine Straße herunter, wiederholt sich auch kein Klang zwei Mal. Wenn ich heute einen Beat sample, kann ich ihn ebenfalls ununterbrochen variieren, so dass er wie live eingespielt klingt. So weit sind wir. Elektronische Musik ist zur Übermusik geworden. Sie hat ihre ganz eigene Ästhetik etabliert, kann aber mittlerweile auch die Ästhetiken aller früheren Stile imitieren. Sie kann wahlweise wie nichts Anderes oder jedes beliebige Andere klingen.”
Kunst muss nicht Arbeit meinen
“Clearcut” stellt Bomb the Bass mit Lali Puna und den Remixen von Herrmann & Kleine, Opiate und Arovane in ein musikalisches Umfeld, dessen Nähe er auch mit seinem eigenen Label “Electric Tones” und seinem Soloprojekt “Flow Creator” zu suchen scheint. Auf der Debüt-Doppelsingle “Electric Tones 1234” dubklickern Opiate, Club of Chaos (mit Jaki Liebezeit of “Can” Fame) und Flow Creator diskrete Kammerelektronika zurecht, die nach der Balladenqualität tastet von “Audiofiles, die man mit der Mouse über den Desktop schiebt.”
Simenon: “Meine ‘Bomb the Bass’-Arbeiten und die diversen Produktionsaufträge für Neneh Cherry, Material, Depeche Modes’ ‘Ultra’ oder Curves’ ‘Come Clean’ unterscheiden sich nicht von der Arbeitshaltung. Immer geht es um Zusammenarbeit. ‘Flow Creator’ bin nur ich. Ich muss lernen, mir selbst Grenzen zu setzen: mein limitiertes Studio und ein stilistischer Rahmen. Das ist aber nur eine temporäre Festlegung. Electric Tones habe ich 2000 nicht gestartet, um Teil irgendeiner Szene zu werden. Die Veröffentlichungspolitik heißt: Ich bin der Maßstab, und ich bin viele. Die dritte Platte wird eine 12Inch von Bomb the Bass + Jack Dangers von Meat Beat Manifesto sein. Ein Track, der bereits 1998 als Demo aufgenommen wurde. Damals dachte ich, ich habe für das Stück nicht geschwitzt, es war keine aufreibende Produktion, es muss banal sein. Heute weiß ich, der instinktive Wurf trifft es bei 9 von 10 Malen viel besser. Electric Tones muss nicht Electronic Listening meinen, Kunst muss nicht Arbeit meinen.”

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Elektronische Lebensaspekte.