Der gute Geist von Manhattan
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 143


Bild: Tim Soter

Tim Sweeney ist vielen vor allem als tragender Teil der DFA-Familie bekannt. Seit zehn Jahren funkt er in seiner Radioshow Beats In Space jeden Dienstag aus einem kleinen Keller unter der New York University seine Version von Tanzmusik in den Äther. Thaddeus Herrmann hat ihn dort besucht und sich gemeinsam mit Sweeney gewundert, dass man von New York aus überhaupt noch so einen wunderbar obskuren Musikmix bereitstellen kann. Ein Gespräch über die Notwendigkeit des Radios.

Es ist ein Unikum. Die beste Radiosendung in New York läuft auf dem Studentensender WNYU. Sehr unglamouröse Angelegenheit. Das kleine, leicht versiffte Studio liegt im Keller der Student Union, unweit vom Washington Square. Oben im Erdgeschoss ist in der Mensa abends um 21 Uhr noch Hochbetrieb. Immer Dienstags, zwischen 22.30 Uhr und 1 Uhr morgens, zwängt sich Tim Sweeney hier in das kleine Sende-Kabuff und macht laut. Das geht nicht anders, denn die Sendeleistung des Uni-Radios ist nicht besonders groß, auch wenn die Stadt gerade einen neuen Sendemast spendiert hat. Sweeney ist gerade mal 28 Jahre alt, seine Show “Beats In Space” macht er seit über zehn Jahren.

Doch schon damals, 1999, war er ein Radio-Profi. Wie so oft hat das familiäre Gründe. House und Techno spielt in New York eigentlich kaum eine Rolle. Plattenläden sind rar, Partys sowieso. Das Großreinemachen von Bürgermeister Rudy Giuliani in der Stadt hat auch oder gerade vor dem Nachtleben nicht halt gemacht. Umso wichtiger ist Beats In Space, ein Sprungbrett für Sweeney, der seit ein paar Jahren jedes Wochenende auf der ganzen Welt als DJ unterwegs ist und seine ganz eigene Vision von Tanzmusik, die New-York-Perspektive, auf die Plattenteller legt. Nur um jeden Dienstag wieder in den kleinen Keller unter der Mensa zurückzukehren, und um – ohne Gage – seiner Stadt seinen Soundtrack in den Äther zu schicken. Sweeney hat sich das alles erkämpft. Kein Wunder, wenn man als Teenager nichts anderes als DJing im Kopf hat und andere DJs und die Clubbetreiber nur mit technisch perfekten Mixen und einem dicken Plattenkoffer überzeugen kann.

Mittlerweile, sagt er, sei ihm das ziemlich egal, ob der Mix sitzt oder nicht, im Radio sowieso. Der Wunsch nach Perfektion treibt ihn aber weiter um. Er hat bei DFA gearbeitet, selber einige Edits und Remixe produziert, sein eigenes Label steht in den Startlöchern. Kurz vor seiner Sendung, zwischen Uralt-Rechner, zerknüllten Playlists und einem improvisierten Musikarchiv erklärt Sweeney die New Yorker Musikrealität, den Kampf des Radios gegen das Netz und warum in Europa alles besser ist.

Tim Sweeney: Geboren wurde ich in North Carolina. Nach einer kurzen Episode in Atlanta zogen wir dann nach Baltimore, wo ich die Schule beendete. Mein Bruder ist drei Jahre älter als ich und brachte als erster Platten mit nach Hause. Er war eher der Rocker, also hörte ich damals aus Protest Jazz. Dann kaufte er aber plötzlich frühe Warp-Platten in einem kleinen Plattenladen, in den er mich partout nicht mitnehmen wollte, und brachte Mixtapes mit. Wir kauften dann beide je einen DJ-Plattenspieler und übten das Auflegen. Warp, Ninja Tune, Mo Wax … das waren die Labels, die bei uns zu Hause liefen. Und Baltimore Club. DJ zu sein, war schon damals mein Traum, es ging sich nur nicht wirklich aus, weil die Leute an meiner Schule überhaupt nicht auf die Platten standen, die ich hätte auflegen können. Ich hab dann versucht, in Clubs zu spielen, aber als Minderjähriger hatte ich da oft Pech. Außerdem hatte ich noch keinen Führerschein und meine Eltern waren auch nicht begeistert. Als mein Bruder dann aufs College ging, hat es nicht lange gedauert, bis ich im dortigen Uni-Radio auflegte. Ich war damals in der 8. Klasse! So ging das los. Zwei Jahre später habe ich hier an der New Yorker Uni einen Sommerkurs belegt und auch gleich ein paar Mal hier, in diesem Studio, aufgelegt. Und als ich dann 1999 anfing, selber hier zu studieren, habe ich meine eigene Show bekommen.

Debug: Deine Show ist sehr unberechenbar, in den zweieinhalb Stunden ist die Bandbreite enorm groß.

Sweeney: Mich interessieren einfach die unterschiedlichsten Stile. Und es trägt auch der Situation in New York Rechnung. Geht man hier Platten kaufen, sind es meistens alte Platten. Es gibt eigentlich nur noch Second-Hand-Läden. Und die Zuhörer haben die unterschiedlichsten Backgrounds. Ich spiele eigentlich jede Woche einen Mix von DJs, die nicht aus New York kommen. Die bitte ich meistens um etwas, was nicht ihr normales Club-Set widerspiegelt. Ich will die Menschen überraschen. Aktuelle 12″s sind aber genauso wichtig.

Debug: Radio ist in den USA einerseits komplett durchformatiert, andererseits gibt es nach wie vor eine große College-Radio-Szene, da kann Europa nicht mithalten. Wie relevant ist Radio überhaupt noch?

Sweeney: Sogar unser Sender war extrem formatiert. Als ich hier anfing, mussten alle Shows einen festen musikalischen Rahmen haben. HipHop, Techno und House in einer Sendung war tabu, das war für mich immer ein großes Problem. Generell hat Radio an der Westküste eine viel größere Bedeutung, da verbringen die Menschen deutlich mehr Zeit im Auto und lassen sich berieseln. In New York ist das anders. Ich bin aber dennoch davon überzeugt, dass Radio nach wie vor wichtig ist. Ob nun UKW oder online. Es ist wichtig, dass man als Hörer angesprochen wird, an den Fehlern der Moderatoren teilhaben kann, Geschichten mit auf den Weg bekommt. Ich kann den ganzen Tag Mixe im Netz hören, aber mir fehlt dabei das Persönliche, die Ansprache. Beats In Space hören natürlich mehr Menschen online und außerhalb von New York als in der Stadt. Wenn ich auflege, in den USA oder auch in Europa, bedanken sich Hörer bei mir für die Sendung. Sie ist für viele eine Art Fenster hinein nach New York, der Stadt, die sie so romantisieren.

Debug: In der aber eigentlich nichts mehr passiert?

Sweeney: Ja, leider. Die Club-Szene ist so gut wie tot. Es wird nach wie vor sehr viel Musik produziert, aber DJs verdienen ihr Geld nicht in New York. Als Giuliani Bürgermeister war, hat er Club-Betreibern immer neue Steine in den Weg gelegt. Nach dem Kabarett-Gesetz aus den 20er-Jahren, das Jahrzehnte vergessen war aber von Giuliani wieder ausgegraben wurde, braucht man eine spezielle Lizenz für seinen Laden, wenn dort mehr als fünf Menschen gleichzeitig tanzen. Diese Lizenz ist sehr teuer und muss außerdem noch vom Bezirk bewilligt werden. Dazu wird die Stadt immer weiter gentrifiziert. Viele Clubs lagen früher in Gegenden, in denen kein Mensch wohnte, und höchstens tagsüber gearbeitet wurde. Wohnraum ist aber so knapp in New York, dass auch diese Gegenden mittlerweile sehr begehrt sind. Da müssen die Clubs dann schließen. Erst zog es alle nach Brooklyn, aber da ist die Situation mittlerweile die gleiche.

Debug: Hat diese Situation Einfluss auf deine Sendung?

Sweeney: Unbewusst vielleicht. Ich spiele viele neue Sachen aus New York von noch unbekannten Produzenten, aber auch viele Tracks aus Europa, die man hier so nicht im Club erleben kann.

Debug: Elektronische Musik zählt in den USA ja sowieso nichts.

Sweeney: Es ist eben viel reglementierter. In die Clubs kommt man erst mit 21 Jahren, im Radio läuft nur HipHop. Die Kids treffen sich hier auf Konzerten, nicht in Clubs. Die sind auch gar nicht an den jungen Leuten interessiert, weil sie ihnen keinen Alkohol verkaufen dürfen. Clubs spielten keine Rolle, als ich aufwuchs. Ich war da immer Außenseiter. Ich hoffe aber, dass sich das trotz allem langsam ändert. Ich bekomme viele E-Mails von jungen Leuten, die die Sendung hören und da Schritt für Schritt in etwas hineinwachsen, was sie sonst vielleicht nicht mitbekommen hätten. Allein das ist schon ein gutes Zeichen.

7 Responses

  1. Muscha

    New York muss herrlich sein. Ich würde zu gerne mit Sweeney tauschen und endlich dem Diktat der elektronischen Musik in Deutschland entfliehen.

  2. david

    wow. ich höre schon seit ein, zwei jahren beats in space per webstream, habe mich aber noch nie über tim sweeney informiert. klar, der name war geläufig aber dass er DIESE sendung aus einem keller sendet, ist mir gänzlich neu. danke dir tim! ich persönlich fühle mich jederzeit in mindestens zwei bis vier musikgenres wohl. ich kann nicht verstehen wie leute mit scheuklappen auf den ohren durch die welt gehen können… ohne dabei einzuschlafen. und genau dafür liebe ich beats in space, man bekommt eine fülle von neuen eindrücken…

  3. Modefier

    Es stimmt überhaupt nicht, dass die elektronische Musikszene in New York so tot ist, wie in diesem Artikel behauptet wird. Abgesehen von der ganzen House u. Touristenszene im Meatpacking District (wo immerhin Ellen Allien u. andere vor einigen Jahren aufgelegt haben) gibt es im Bunker bei Public Assembly regelmäßig “richtige” Musik, zuweilen mit DJs vom Berghain u. Panoramabar; zudem gibt es mehrere Underground-Partys mit immer wechselnder Warehouse-Locations. Resolute, Blackmarket Membership, Sound Noir, und nicht zuletzt der Erdgeschoss am späten Abend im legendären Rubulad (jetzt aber von endgültiger Schliessung bedroht). Klar ist das meiste, was man in Bars und so hört, immer noch Indie Rock (Noise ist vielleicht das nächstliegende, das beste/ härteste in etwas improvisierten Venues wie Death by Audio und Silent Barn), aber ab und zu geht es auch elektronisch ab. Was immerhin stimmt, ist das die Atmosphäre oft ganz anders ist, weil die Musik als etwas esoterisch wahrgenommen wird. Manchmal sind dann nur Jungs, die die Beats nur von Kopfhörern oder in ihren Schlafzimmern kennen, die tauschen sich dann aus wie regelrechte Nerds und können anscheinend nicht tanzen, bzw. merken nicht, dass das von der Musik ja eigentlich erfordert wird.
    Da würde ich selbst Tim Sweeney empfehlen, mehr auszugehen, und Partys machen. Die Leute würden kommen.