Er ist der Captain Beefheart des Brighton-Sounds. Tim Wright frickelt mit dem Projekt "Sand" Jazz zusammen, auf seinem Album ”Thirst” schließt er aber an die minimalen Soundmatrizen seiner Zeit als Germ an. Und buchstabiert ganz nebenbei die englischen Tugenden von Humor, Komplexität und Bass in Albumformat aus.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 82

Alltime York
Tim Wright ist England

Tim Wright hieß früher mal Germ und produzierte damals in York (wo er immer noch ist) Musik, die wie ein Blueprint für den Minimalsound von heute wirken könnte. Losgelöst von Bleeps, mit einer strangeren Funkyness als Sweet Excorcist und mit Sounds, die die Welt noch nicht gesehen hatte. Gehört hat sie damals auch niemand, denn Germ klang einfach zu außergewöhnlich, da halfen auch keine EPs auf dem “intelligenten” Technolabel General Productions Label, das zwar einen guten Ruf hatte, aber irgendwie doch böse bankrott ging. So böse, dass sich Tim Wright erstmal jahrelang davon erholen musste, bevor er über sein Moondog Projekt auf Melt letztendlich als Tube Jerk bei Ill und Sativae Ende der Neunziger eine neue Heimat fand. Schon damals war sein Sound geprägt von schrägen Monsterbasslines und einem Gefühl dafür, dass Ravetracks einfach komplizierter sein müssen als Looptechno, zugänglicher, aber auch humorvoller, heldenhafter, in einem Wort: englischer. Denn seine Musik könnte einfach nirgendwo anders entstehen als in England. “So Mitte der 90er habe ich vor allem drei Dinge vermisst: Bass, Drama und Groove.”

Dancehallmörderriddems

Das fand er irgendwann in Drum and Bass, später in 2Step. Aber anstatt ständig die Felder zu wechseln, die ihm letztendlich eh egal waren, blieb er auf seine merkwürdige Weise Technoproduzent und irgendwie mit dem Brighton-Sound verknotet, der ja immer schon Dancehall und Techno, Rave und extreme Arrangements miteinander vermischen konnte.
“Ein Freund von mir meinte mal: Si ist eher so ein Frank-Zappa-Charakter, ich eher so Captain Beefheart. Ich hab allerdings nicht einen Funken der Genialität von einem der beiden.” Tim ist nah dran an Si Begg, führt aber die Fäden der Einflüsse von Dancehall bis Detroit integrativer zusammen. “Letztendlich will ich Musik machen, die etwas zu sagen hat, das ich hören will, und das vom gegenwärtigen Zustand des Durcheinanders von Einflüssen, denen ich ausgesetzt bin, und meinem geistigen Zustand herrührt. Die besten Tracks entstehen eh, wenn ich nicht drüber nachdenke, was ich mache.” Mittlerweile ist Tim Wright unter seinem eigenen Namen bei Novamute gelandet und hat grade ein weiteres Album releast (sein achtes, die Alben von Sand mit eingeschlossen, diesem skurrilen elektronischen Jazz-Bandprojekt auf Soul Jazz und Satelite, das aufgrund der diversen Verstrickungen und der räumlichen Entfernung der Mitspieler nur alle paar Jahre wieder auftaucht).
“Thirst” heißt das aktuelle Werk und ist ebenso Grime wie Techno, Microhop, Dancehallmörderriddems (mit Toastie Taylor) und Elektrooverdrive, Ravebreitseite und subtiler Cut-Up-Minimalclash. Ja, sogar die letzten Fetzen einer jazzig verdrehten Experimentierfreude finden sich auf dem Album und der Saxophonist des Blade-Runner-Soundtracks. Und dennoch hört sich das alles nicht nach einem Multiinstrumentalisten an, der überall mal reinschnuppert, sondern eben wie Tim Wright. Vor allem aber nach Basslines bis zum Umfallen. Wir sagten es ja schon: Jemand wie Tim Wright kann nur aus England kommen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.